Credo

Maria 2.0 macht aus der Muttergottes eine "Zieh-mich-an-Barbie"

Die letzte Serie über die Häresien der Kirchengeschichte handelt von der Bewegung Maria 2.0. Doch man kann die Mutter Jesu nicht nach seinen eigenen Vorstellungen verändern.
Maria 2.0
Foto: Harald Oppitz

Früher war nicht alles besser. Aber zumindest waren Häretiker*innen früherer Zeiten so schlau, ihre Irrlehre nicht gleich im Namen preiszugeben. Anders ist es bei Maria 2.0, der jüngsten und somit auch letzten Bewegung unserer Reihe. Allerdings scheint in den eigenen Rängen eine gewisse numerologische Verwirrung bezüglich der Namensgebung zu herrschen. „2.0 heißt Neuanfang: Alles auf null stellen“, formuliert es eine der Protagonistinnen. Vielleicht hätte man die Bewegung dann doch lieber Maria 0.0 nennen sollen.

Maria 2.0 baut auf einem Zerrbild auf

Lesen Sie auch:

Ursprünglich stammt der Zusatz 2.0 aus der Informationstechnologie. Mit dem Begriff „Web 2.0“ wurde der Wandel des passiv genutzten Internets zu einer interaktiven Plattform beschrieben, in der Nutzer ihre eigenen Inhalte erstellen konnten. Somit ist der Name der neuen „marianischen“ Bewegung letzten Endes gut gewählt.

Man möchte die Gottesmutter und mit ihr die Kirche, deren Wesen sich in Maria enthüllt, nach eigenen Vorstellungen verändern. Aus der dienenden Magd, die sich in vollkommener Hingabe dem Willen Gottes unterwirft, soll eine Zieh-mich-an-Barbie gemacht werden. Die einzelnen Forderungen der Bewegung durchzugehen, wäre müßig, da sie alle auf demselben Zerrbild von Maria und der Kirche aufbauen. Wichtiger ist es hingegen zu verstehen, warum Marias gehorsame Reaktion auf die Ankündigung des Engels so beeindruckend ist.

Maria reagierte auf den Engel anders als alle Personen der Bibel

Es erscheint uns relativ normal, dass jemand, der eine direkte Weisung von Gott erhält, diese auch befolgt. Ganz so einfach ist die Sache aber eben nicht.
Nahezu alle biblischen Gestalten, insbesondere im Alten Testament, reagieren auf die Offenbarung Gottes sowie die damit verbundene Berufung mit Furcht, Ausreden und/oder Fluchtplänen. Dass Maria anders reagiert, macht sie zum Urbild der Kirche.

Aber sie ist nicht nur offene Empfängerin, sondern auch treue Verwahrerin der Botschaft. „Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen“, heißt es beim Evangelisten Lukas. Interessant ist, dass wir einen beinahe gleichlautenden Satz am Ende des Kapitels lesen, nachdem Maria und Josef ihren zwölfjährigen Sohn nach verzweifelter Suche endlich im Tempel wiederfinden, wo er mit den Gelehrten diskutierte. Auf die vorwurfsvolle Frage seiner Mutter, warum er ihnen solch einen Schrecken eingejagt habe, antwortet Jesus: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört? Doch sie verstanden das Wort nicht, das er zu ihnen gesagt hatte.“ Unmittelbar danach heißt es: „Seine Mutter bewahrte all die Worte in ihrem Herzen.“

Aus dem, was Maria empfängt, erwächst Großes

In dieser Eigenschaft offenbart sich das Wesen der Kirche und zugleich das Wesen der Frau. Eine Frau kann aus dem, was sie empfängt, etwas unermesslich Größeres machen, eine Fähigkeit, die sie gegenüber dem Mann nicht erniedrigt, sondern über ihn erhöht.

Und so, wie die Frau aus dem Samen des Mannes neues menschliches Leben erzeugen kann, so kann die Kirche aus dem Wort Gottes neues geistliches Leben erschaffen. Nicht ohne Grund vergleicht unser Herr das Gottesreich immer wieder mit einem Samen, der in die Erde gepflanzt ist: „Die Erde bringt von selbst ihre Frucht, zuerst den Halm, dann die Ähre, dann das volle Korn in der Ähre.“ (Markus 4,28) Nichts kann sich aus ihm entwickeln, was nicht bereits in ihm angelegt wäre. Wir dürfen und sollen diese Saat in ihrer gesunden Entwicklung pflegen und begleiten. Aber der Griff zur Sichel steht uns nicht zu.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Sebastian Moll Altes Testament Bibel Credo Evangelisten Gott Irrtümer Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Kirchengeschichte Mutter Jesu Maria Mütter Wörter

Kirche

Einsame Kirche am Meer
Vatikanstadt

Ins Niemandsland der Kirche Premium Inhalt

Kirchenfunktionäre in Europa müssten den Untergang des Christentums fürchten, wenn Afrika und Asien nicht zeigen würden, dass Evangelisierung fruchtbar sein kann.
27.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst