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Klaus Berger: Der Anti-Bultmann

Am 25. November wäre Klaus Berger 80 geworden. Sein exegetisches Werk lohnt über seinen Tod hinaus die Beschäftigung.
Beim Namen genannt - Klaus Berger
Foto: Paul Badde | Klaus Berger: Mit den "Bibel-Fälschern" wurde er Bestseller-Autor.

Seinen 80. Geburtstag am 25. November wird der große Neutestamentler Klaus Berger in einer anderen Welt, auf die er zu Lebzeiten immer hinwies, begehen. Kurz nach der Rückkehr von einem letzten Urlaub mit seiner Frau auf der geliebten Nordseeinsel Langeoog ist er am Abend des 8. Juni 2020 in Heidelberg an seinem Schreibtisch über der Lektüre von Texten des ihm so wichtigen Zisterzienserabtes Joachim von Fiore verstorben. Sein buntes und vielschichtiges Gelehrtenleben hat Barbara Stühlmeyer in dieser Zeitung gewürdigt („Die Tagespost“, 12. Juni 2020), weiteres zur Biographie findet sich im langen Interview, das Veit Neumann mit ihm führte („Theologie als Abenteuer“, Würzburg 2014), und in den Reden zur Verleihung des „Augustin Bea-Preises“ im Dezember 2019. Hier soll weniger seine kantige Person als brillanter Einzel- und Grenzgänger gewürdigt werden, sondern sein bleibender Beitrag zur Bibelexegese und zur Erforschung des Urchristentums.

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Wegen des damals dogmatisch noch geforderten Antijudaismus an der Münchener Theologischen Fakultät – die Konzilserklärungen waren noch nicht rezipiert – hatte Berger mit seiner Dissertation über das Gesetzesverständnis Jesu ähnliche Schwierigkeiten wie zuvor Joseph Ratzinger mit seiner Habilitation über den Offenbarungsbegriff bei Bonaventura. Er wies nach, dass Jesus das jüdische Gesetz nicht abgeschafft oder aufgehoben, sondern in seiner Gültigkeit unterstrichen habe. Erst der Weltkatechismus von 1992 bestätigte ihn. Berger wählte als Wissenschaftler dann das evangelische Exil, habilitierte sich bei Ulrich Wilckens (Hamburg) über Auferstehungsvorstellungen vor Christus, ging zunächst ins holländische Leiden, dann von 1974–2006 als Neutestamentler an die evangelische Theologische Fakultät Heidelberg. Die Zahl seiner wissenschaftlichen und kerygmatisch-katechetischen Publikationen ist immens.

"Die Bibelfälscher" wurde zu polemischem Rundumschlag

Berger hat über 70 Doktoranden und Habilitanden zu ihrem Ziel geführt, was ihn unter Kollegen nicht unbedingt beliebt machte. Obwohl er so viele Schüler hatte, gab es bei ihm keinen „Schülerkreis“ und erst recht keine „Berger-Schule“, wie es bei seinen Antipoden Bultmann, Barth oder Rahner der Fall ist. Zu sehr sind seine theologisch-biblischen Ansätze eigenständig und entziehen sich jeder Einordnung. Die etablierte evangelische und katholische Schriftauslegung an den theologischen Fakultäten hat Berger, der einer nur „historisch-kritischen“ Exegese kritisch gegenüberstand, nicht rezipiert, sondern meist ignoriert.

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Katholische Systematiker wie Joseph Ratzinger, Karl-Heinz Menke und Rudolf Voderholzer schätzten ihn dagegen sehr. In einem polemisch-kämpferischen Rundumschlag hat Berger zuletzt in dem unerbittlichen Buch „Die Bibelfälscher. Wie wir um die Wahrheit betrogen werden“ (München 2013) mit der an Bultmann anknüpfenden und auch in den Katholizismus eindringenden Mainstream-Bibelforschung endgültig und erbarmungslos abgerechnet.

Hinter Bergers Polemik steckt solide und selten umstrittene wissenschaftliche Arbeit, eine große Kenntnis verschiedenster Texte in Originalsprache und das Bemühen um verlässliche Kommunikation. Sehr hilfreich sind neben den erfolgreichen „Fragezeichen-Büchern“ seine gut lesbaren Veröffentlichungen über Jesus von Nazareth, den Mittelpunkt aller Texte des Neuen Testamentes, etwa der Bestseller „Jesus“ (München 2004), dann „Der Wundertäter“ (Freiburg 2010) und zuletzt „Ein Kamel durchs Nadelöhr?“ (Freiburg 2019) über den Humor Jesu. Jesu Forderung nach Reinheit, so Bergers Devise, ist offensiv, nicht pharisäisch-defensiv. Die Jesus-Trilogie Joseph Ratzingers/Benedikts XVI. hat Berger begrüßt und gegen Kritik publizistisch verteidigt.

Historische Entstehung ist zweitrangig

Spezifisch für seinen exegetischen Ansatz ist der unterscheidende Blick auf die jeweilige neutestamentliche Schrift, ihre Autoren, ihr Umfeld und ihre Aussageabsichten. Andere frühchristliche Schriften („Apokryphen“) oder die Texte von Qumran werden einbezogen und religionsgeschichtlich verglichen. Mit seiner Frau Christiane Nord übersetzte und edierte er in historischer Reihenfolge im Insel Verlag „Das Neue Testament und frühchristliche Schriften“ (Frankfurt/M. 1999), sein wohl renommiertestes Werk, das mehrere Auflagen erlebte. Bergers methodischer Textzugang ist „formgeschichtlich“. Er schaut also zuerst auf die äußere Form oder die „Gattung“ (prophetisch, apokalyptisch, ermahnend, erzählend, hymnologisch-liturgisch) eines Textes und nicht so sehr seine historisch-redaktionelle Entstehung.

Wie bei einem Baum ist das Gemeinsame aller neutestamentlichen Schriften der Stamm, das Besondere aber sind die Äste der einzelnen unter sich gleich bedeutsamen Texte und Autoren. Wichtig ist ihm die Anwendung („Applikation“) eines Textes in seiner jeweiligen Gegenwart und dabei das Zulassen des Befremdenden und Paradoxen. Das führte zu der auch von anderen vertretenen These, dass das Johannesevangeliums, das aus dem unmittelbaren Totaleindruck der Person Jesu verfasst wurde, nicht als spät datiert gelten kann, sondern einen der frühesten Texte des Neuen Testamentes darstellt. „Im Anfang war Johannes“ (Stuttgart 1997) kann als eine gute Einführung in seine Exegese gelesen werden. Charakteristisch für Berger ist auch, dass er nach der jeweiligen exegetischen Deutung eines Bibeltextes zu einem spirituellen, meditativen und oft auch liturgischen Verständnis kommt.

Er kritisiert die moderne Exegese

So wie Albert Schweitzer in seiner „Geschichte der Leben-Jesu-Forschung“ (1913) aufdeckte, dass die verschiedenen Autoren ihre eigenen Vorstellungen in das jeweilige „Leben Jesu“ hineinprojizieren, so weist Berger nach, dass die moderne Exegese ihre philosophischen Vorlieben in die Bibelauslegung mitnimmt – also Rudolf Bultmann etwa die existenziale Hermeneutik Martin Heideggers oder Eugen Drewermann die unbiblischen Kategorien der Psychoanalyse. Bergers Anliegen in der Exegese ist ein eigener Weg zwischen Liberalismus, Psychologismus und Fundamentalismus. Die „Theologiegeschichte des Urchristentums“ (Tübingen Basel 21995) ist wohl das Hauptwerk des Heidelberger Professors. Hier wird der entmythologisierenden Theologie Bultmanns („Theologie des Neuen Testaments“, Tübingen 1953) eine historische Hermeneutik entgegengesetzt, die die Vielfalt und das Umfeld der neutestamentlichen Texte besser beachtet, die Liturgie einbezieht und keine modern-säkularen oder relativistischen Vorstellungen übernimmt.

Der weit ausholende Apokalypse-Kommentar (Freiburg 2017), ursprünglich für die Reihe „Herders theologischer Kommentar zum Neuen Testament“ gedacht (vgl. meine Besprechung in „Die Neue Ordnung“ 4/2018), und zuvor der für ein breiteres Publikum geschriebene große „Kommentar zum Neuen Testament“ (Gütersloh 2011) sind wohl das Vermächtnis des so überaus aktiven und engagierten Liebhabers und Kenners des Neuen Testaments. Auch zur Corona-Krise und zu Themen des Synodalen Weges hat er sich geäußert. Für 2021 ist bei Herder angekündigt: „Schweigen. Eine Theologie der Stille“. Möge die Ankunft im himmlischen Jerusalem Klaus Berger die Ruhe und Gelassenheit geben, die der streitenden Kirche auf Erden (ecclesia militans), zu deren herausragenden Kämpfern er gezählt werden kann, noch nicht gewährt ist.

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