Würzburg

Kirchliche Soziallehre: Christlich führen

Wie die kirchliche Soziallehre im Unternehmensalltag Türen für das Evangelium öffnen kann.
Glaube als Kompass
Foto: Adobe stock | Glaube, Gottes Gebot und Gebet sind auch für Unternehmer ein unersetzbarer Kompass.
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Der Unternehmensalltag hat nicht nur in der Wahrnehmung vieler Christen oft wenig mit dem Evangelium zu tun. Allzu nahe liegt der Schluss, die unternehmerische Wirklichkeit müsse nunmal ertragen werden. Verkannt wird dabei, dass die kirchliche Soziallehre seit fast 130 Jahren jedem Wirtschaftenden, insbesondere aber Führungskräften, die Vernunftgemäßheit des Evangeliums als Handlungsmaxime anbietet. Auch Unternehmen sind als Orte menschlichen Zusammenlebens gerufen, am Erlösungswerk Christi teilzunehmen und dies ganz ohne ökonomische Abstriche.

Das Evangelium verkündet die Herrschaft dessen, der nichts ist als Liebe: Gott. In Jesus Christus ist dieses Reich auf Erden angebrochen und strebt seiner Vollendung zu. Der Mensch ist dazu gerufen, auf die Liebe Gottes zu antworten und sich mit seiner ganzen Existenz in das Erlösungsgeschehen der Welt durch Jesus Christus einzubringen.

Herrschaft Gottes in sämtlichen
Bereichen menschlichen Zusammenlebens

Die kirchliche Soziallehre übersetzt die Herrschaft Gottes in sämtliche Bereiche menschlichen Zusammenlebens. Sie geht von der vernunftgemäßen Wahrheit über die Schöpfung und den Menschen aus und unterscheidet sorgfältig zwischen natürlichen Gegebenheiten und menschlichen Werken. Sie strebt das Gemeinwohl an als die „Gesamtheit jener Bedingungen des gesellschaftlichen Lebens, die sowohl den Gruppen als auch deren einzelnen Gliedern ermöglichen, die eigene Vollendung voller und leichter zu erreichen“ (GS 26,1).

Unternehmen sind vom Menschen eingerichtete Gemeinschaften mit dem Zweck, volkswirtschaftlichen Nutzen zu stiften. Dieser muss keineswegs im Gegensatz zum Gemeinwohl stehen. Vielmehr sollte er Gemeinwohl als die Summe aller positiven Beiträge von Unternehmen mit und ohne wirtschaftlichen Zweck zähl- und messbar machen.

Ökonomie ist ihrem Wesen nach nicht minder vernunft- und realitätsbezogen wie das Evangelium. Folgt man Managementpionieren wie Peter F. Drucker, widersprechen sie sich an sich nicht. Vielmehr sind es ihre Akteure, die gefordert sind, sich gewissenhaft zwischen transaktionskostentheoretischem Opportunismus und zukunftsorientiertem Gemeinwohl zu entscheiden. Insbesondere betrifft dies die Führungskräfte als jene, die keine Macht hätten, wenn sie ihnen nicht von oben gegeben wäre (Johannes 19,11).

Seit dem Sündenfall isst der Mensch
das Brot im Schweiße seines Angesichts

Seit dem Sündenfall isst der Mensch das Brot im Schweiße seines Angesichts. Arbeit im Sinne ursprünglichen Mitschöpfertums (Genesis 1,26; 2,15) hat sich in Mühsal und Plackerei gewandelt (Genesis 3,17ff). Was liegt daher näher, als sich den Schweiß auf Kosten seiner Kunden, Mitarbeiter oder Vorgesetzten von der Stirn zu wischen? Das Evangelium wendet sich jedoch entschieden gegen solche Versuche der Selbsterlösung. Das Gleichnis vom treuen und klugen Verwalter, der dem Gesinde zur rechten Zeit seine Tagesration gibt (Lukas 12, 35–48), ist eindeutig. Jeder Einzelne ist gerufen, Arbeit als vom Schöpfer gewolltes Mittel zur Wahrnehmung seiner personalen Würde sowie zur Schaffung gesellschaftlicher Einheit in Freiheit zu sehen.

Je weiter oben Führungskräfte dabei ansetzen, die Treppe zu kehren, umso wirksamer spiegelt sich das Evangelium im Alltag ihrer Unternehmen. Denn ihnen sind die notwendigen Vollmachten anvertraut, um sie zugunsten des Unternehmens, seiner Kunden, Mitarbeiter und Vorgesetzten einzusetzen. Dies gelingt umso wirksamer, je mehr sie ihre Führungsaufgabe als Dienst und persönliche Hingabe – freilich ohne Selbstaufgabe – auffassen. Dann werden sie von Vollmachthabern zu Autoritäten und verstehen ihre Arbeit als ständiges Wachsenlassen des anderen.

Redet die kirchliche Soziallehre da nicht einer Utopie das Wort? Keineswegs – wie das Beispiel von CEE-Management.com zeigt. Das weltweit tätige Netzwerk aus Coaches, Beratern und Trainern begleitet Führungskräfte sowohl global agierender Konzerne als auch gemeinnütziger Organisationen konsequent auf Grundlage der kirchlichen Soziallehre.

Das Kriterium für Erkenntnis ist Wahrheit

Seine Mitarbeiter fangen bei sich selbst an und gehen nach der Mäeutik des Sokrates vor. Gespräche und Workshops setzen stets auf die Förderung persönlicher Erkenntnis in Freiheit und sind auf das Gemeinwohl gerichtet. Nichts entspricht dem christlichen Menschenbild besser. Das Kriterium für Erkenntnis ist Wahrheit. Wahr ist, was der objektiven, äußeren Wirklichkeit entspricht, ob es dem Denkenden zusagt oder nicht. Erneut berühren sich Glaube und Vernunft, Evangelium und Ökonomie.

Dem Gemeinwohl dienende Führungskräfte achten darauf, dass ihr Verantwortungsbereich auf Wahrhaftigkeit gründet. In allem wahrheitsgemäß Rede und Antwort stehen, Zuhören und Reformulieren stellen das gemeinsame Verständnis aller Beteiligten sicher. Jede Aussprache stützt sich auf Tatsachen. Meinungen und Gefühle werden aufgegriffen, aber immer als das eingeordnet, was sie sind: subjektiv, von den Fakten zu trennen und daher für unternehmerische Entscheidungen wirkungslos.

Als echte Autoritäten setzen Führungskräfte auf den Willen ihrer Mitarbeiter. Motivation resultiert aus Erfolg. Erfolg ist erzielter Beitrag zum großen Ganzen aufgrund geleisteter Arbeit als Widerhall menschlicher Würde. Autoritäten erteilen daher nicht nur Aufträge, sondern übertragen auch die Mittel zu deren Erfüllung: Ihre Mitarbeiter halten sozusagen nicht bloß Nägel, sondern auch den Hammer in Händen. Solches Vertrauen möglich machen Wahrhaftigkeit verbunden mit genauer gegenseitiger Kenntnis. Das Evangelium sieht nichts anderes vor: Gelebte Subsidiarität ist Papst em. Benedikt XVI. zufolge der Ausdruck unveräußerlicher menschlicher Freiheit und Nächstenliebe.

Umfeld mit ausgeprägtem Sinn für Einheit und Solidarität schaffen

Nicht zuletzt richten christliche Führungskräfte Herz, Verstand und Wille ihrer Mitarbeiter aus auf das Ziel ihres Verantwortungsbereichs, den Nutzen für den Kunden – befinde er sich innerhalb oder außerhalb des Unternehmens. Sie schaffen ein Umfeld mit ausgeprägtem Sinn für Einheit und Solidarität. Sie meiden egoistische Divergenzen, wie sie für Strukturen der Sünde typisch sind. Unternehmen sind komplex. Kunden, Produkte, Personal, Gewinn und Umfeld hängen eng voneinander ab. Sie fördern und limitieren einander. Doch einzig der Kunde ist Daseinsgrund und Zweck jedes Unternehmens. Deshalb stellen Autoritäten sicher, dass jeder Mitarbeiter weiß, wem er mit seiner Arbeit dient. Führungskräfte in Unternehmen jeglicher Art tragen entscheidend zur Vaterunserbitte bei, dass der Wille Gottes auf Erden geschieht. Dies bedeutet keineswegs Verzicht auf unternehmerischen Erfolg zugunsten undifferenzierter sozialer Wohltaten. Dies wäre unvereinbar mit dem Unternehmensziel, volkswirtschaftlichen Nutzen zu stiften. Allerdings ist noch kein Unternehmen daran zugrunde gegangen, dass Wahrhaftigkeit, Vertrauen und echter Kundennutzen zu größerer Solidarität und Motivation geführt haben. Im Gegenteil: Sie blühen auf. Denn, so Antoine de Saint-Exupéry, wo Menschen Getreide hingeworfen wird, hassen sie sich. Wo sie aber dazu gebracht werden, gemeinsam einen Turm zu bauen, werden sie Brüder.

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