Würzburg

Kardinal Sarah: "In der Kirche gibt es keinen Rückschritt"

In einem Beitrag der französischen Zeitung "Le Figaro" äußert sich Kardinal Robert Sarah zu der "alten" Messe und warum der "liturgische Frieden" für die Kirche so wichtig ist.
Kardinal Robert Sarah
Foto: Paul Haring (CNS photo) | Der ehemalige Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung spricht in dem Zeitungsbeitrag über das neue Motu proprio und über die Aufgabe der Kirche in der Welt von heute.

Kardinal Robert Sarah, von 2014 bis 2021 Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, hat sich erneut zu Wort gemeldet. In einem kürzlich veröffentlichten Beitrag für die französische Zeitung „Le Figaro“ stellt der emeritierte Präfekt fest, dass der Zweifel sich „des westlichen Denkens bemächtigt“ habe. In dem Zusammenhang sei aber die Frage, ob die Kirche – wie etwa nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches – nun „als Hüterin der Zivilisation“ auftreten könne, ob sie heute noch „die Mittel und den Willen“ dazu habe, Menschen Zusammenhalt und „ein wenig mehr Seele“ anzubieten, um der Härte der Konsumgesellschaft entgegenzuwirken.

Kardinal Sarah: Kirche ist kein sozialer Verein mit Wertesystem

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Auf die Aufforderung, die katholische Kirche solle eine soziale Funktion mit einem soliden Wertesystem übernehmen, antwortet der Kardinal: Die Kirche habe nur ihren „Glauben an Jesus, den menschgewordenen Gott“, anzubieten. Deshalb müsse die Kirche zu sich selbst zurückfinden und sich auf die Worte des heiligen Paulus besinnen: „Ich hatte mich entschlossen, bei euch nichts zu wissen außer Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten.“ Dann fordert Kardinal Sarah nachdrücklich: Die Kirche „muss aufhören, sich selbst als eine Ergänzung des Humanismus oder der Ökologie zu verstehen“. Denn für die Kirche seien solche „Realitäten“ lediglich Folge ihres „einzigartigen Schatzes“, eben des Glaubens an Jesus Christus.

Ohne Transzendenz hat eine Zivilisation keinen Halt

Der ehemalige Präfekt der Sakramentenkongregation zitiert den französischen Schriftsteller und Politiker André Malraux (1901–1976) mit den Worten: „Das Wesen einer Zivilisation ist das, was sich um eine Religion versammelt. Unsere Zivilisation ist nicht mehr in der Lage, einen Tempel oder ein Grabmal zu bauen. Sie wird entweder gezwungen sein, ihren Grundwert wiederzuentdecken, oder sie wird zerfallen.“ Daraus schlussfolgert Kardinal Sarah, dass an den Grundfesten einer Zivilisation immer etwas Unveränderliches sei, das sie übersteige. Denn eine gänzlich profane Welt werde „zu einer riesigen Fläche Treibsand“. Ohne ein transzendentes Fundament keine Stabilität; Friede und Freude würden dann „ständig von einem Gefühl der Unsicherheit verschlungen“.

Die Liturgiegeschichte ist eine kontinuierliche Entwicklung

Der Kardinal kommt darüber hinaus auf das Verhältnis zwischen der „alten“ und der „neuen“ Messe zu sprechen. Zunächst stellt er aber fest: „In der Kirche gibt es keinen Rückschritt, sondern eine organische und kontinuierliche Entwicklung, die wir lebendige Tradition nennen.“ Sarah zitiert den Brief von Benedikt XVI. an die Bischöfe anlässlich des Motu propio „Summorum pontificum“ vom 7. Juli 2007: „In der Liturgiegeschichte gibt es Wachstum und Fortschritt, aber keinen Bruch. Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein. Es tut uns allen gut, die Reichtümer zu wahren, die im Glauben und Beten der Kirche gewachsen sind und ihnen ihren rechten Ort zu geben.“

Der ehemalige Präfekt der Sakramentenkongregation prangert an, dass „einige Theologen“ das „alte“ Messbuch gegen das „seit 1970 in Gebrauch befindliche“ ausspielten und dadurch versuchten, „Liturgiekriege neu zu entfachen“. Die Kirche müsse aber in der Lage sein, „die friedliche Kontinuität ihrer Verbindung mit Christus zu bewahren“. Sonst sei sie nicht in der Lage – und hier erwähnt er ein Gedicht Goethes – „das Heilige“ zu bieten, „was viele Seelen zusammenbindet“.

Bischöfe müssen Hirten und Väter sein, keine Politiker

Das britische Onlineportal „National Catholic Register“ (NCR) bietet zwar eine englische Übersetzung des von Kardinal Sarah in „Le Figaro“ veröffentlichten Beitrags, aber ihm folgt ein weiterer Text – offenkundig lag NCR ein ausführlicherer Beitrag vor, den „Le Figaro“ kürzte. Darin fordert der Kardinal: Die Kirche müsse in der Lage sein, das „friedliche Zusammenleben“ und die „gegenseitige Bereicherung“ der beiden Formen sicherzustellen. Denn „der liturgische Friede ist das Zeichen für den Frieden, den die Kirche der Welt bringen kann“, weshalb in dieser Frage die Glaubwürdigkeit der Kirche auf dem Spiel stehe.

Kardinal Sarah wendet sich an die Bischöfe, „die für das Zusammenleben und die gegenseitige Bereicherung der beiden liturgischen Formen verantwortlich sind“. Sollten sie nicht ihre Autorität in diesem Sinne ausüben, „laufen sie Gefahr, nicht mehr als Hirten, als Hüter des empfangenen Glaubens und der ihnen anvertrauten Schafe wahrgenommen zu werden, sondern als politische Führer: als Kommissare der Ideologie des Augenblicks.“ Ein Vater dürfe nicht „Misstrauen und Spaltung unter seinen treuen Kindern verursachen“ noch die einen gegen die anderen ausspielen oder „einige seiner Priester ausgrenzen“. Denn Friede und Einheit könnten nur der Welt angeboten werden, wenn sie „zuerst innerhalb der Kirche gelebt werden.“ Der emeritierte Präfekt nennt es eine „Sackgasse“, wenn „pastorale Gewalt“ oder eine „parteiische Ideologie“ angewandt werden sollen – denn sie hätte noch niemals „Früchte der Einheit hervorgebracht“.

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