Nursia

Geistliche Nachhaltigkeit

Weder Lauheit noch ungesunder Eifer führen zu Christus: Die Benediktsregel als Korrektiv der entchristlichten Gesellschaft.
Abtei Monte Cassino
Foto: Cristian Gennari (KNA) | Das Maßhalten als Maxime spiegelt sich in der Architektur des Kreuzgangs von Montecassino, der Mutterabtei des Benediktinerordens.

Der heilige Gregor der Große beginnt seinen Bericht vom Leben des heiligen Benedikt mit folgender Begebenheit: Nachdem der kleine Benedikt, abgeschreckt vom zweifelhaften Lebenswandel der Studenten, sein kaum begonnenes Studium in Rom abgebrochen hat, findet er für einige Zeit Unterkunft in der kleinen Stadt Enfide. Eines Tages trifft er die treue Amme, die ihn von seinem Heimatort Nursia aus begleitet hat, klagend über ein zerbrochenes Mehlsieb an. Mitleid überkommt den frommen Bub; er kniet nieder und drückt die Hälften des Siebs zusammen, während er unter Tränen zu Gott betet – und als er sich vom Boden erhebt, ist das Sieb wie neu. Sei diese Geschichte historisch wahr oder nicht; sie bringt in jedem Fall wesentliche Charakterzüge des heiligen Benedikt zum Ausdruck, die sich deutlich in seiner Ordensregel niedergeschlagen haben.

Große Sorgfalt im Umgang mit materiellen Dingen

Zum einen kann man in der Wiederherstellung des Siebs die große Sorgfalt im Umgang mit materiellen Dingen sehen, die der heilige Benedikt seinen Schülern nahelegt. Grund für diese Sorgfalt ist nicht in erster Linie Sparsamkeit, auch nicht ein „nachhaltiger Umgang mit natürlichen Ressourcen“, sondern die Tatsache, dass die Art und Weise unserer Handhabung alltäglicher Gegenstände Auswirkungen auf unser geistiges Leben hat. Alle Gebrauchsgegenstände des Klosters sind wie geweihtes Altargerät zu behandeln, heißt es in der Benediktsregel: Seitdem Christus Mensch geworden und auf unserer Erde gewandelt ist, seitdem Er mit Seinen Händen Holz gesägt und Fische gebraten hat, seitdem Er uns unter den Zeichen von Brot und Wein Seinen eigenen Leib zur Speise gegeben hat, haben die irdischen Dinge einen sakramentalen Charakter erhalten. Dieses Bewusstsein verleiht unserem gesamten Leben einen liturgischen Charakter und eine Würde, die uns fast erzittern lassen kann.

Weiterhin kann das Sieb als ein Symbol des sorgfältig wägenden Urteilsvermögens betrachtet werden, das der heilige Benedikt insbesondere in Bezug auf die Rolle des Abtes, letztlich aber mit Geltung für alle Mönche betont: In vielen Situationen lässt sich Richtig und Falsch nicht nach eindeutigen Regeln bemessen, sondern muss mit Menschenkenntnis und Güte abgewogen werden, so wie durch geduldiges und sorgfältiges Sieben der Spelz vom Mehl getrennt wird. Dieses Unterscheidungsvermögen ist eine natürliche Fähigkeit des menschlichen Geistes – nur allzu schnell wird diese „Mutter aller Tugenden“ aber durch unsere Eitelkeiten und Blindheiten beschädigt, wie eben auch ein tönernes Sieb leicht zerbricht. Das Gebet und die heilende Kraft der göttlichen Gnade dienen als eine Art Korrektiv, das unserer Neigung zur Vereinseitigung entgegenwirkt.

Kirchliches Leben durch das eigene Beispiel erneuern

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Eine dritte Deutung lässt sich der Geschichte entnehmen: Man könnte versucht sein zu sagen, dies sei doch ein überflüssiges Wunder. Hätte der heilige Benedikt sein inbrünstiges Gebet nicht für dringendere Fälle aufsparen können? Vielleicht lag im Nachbarort eben ein Kind im Sterben, das durch seine Fürbitte hätte geheilt werden können? Dieser Gedanke mag ein wenig konstruiert wirken; bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber, dass unser Tun oft von einem ähnlichen Denkmuster geprägt ist: Wir halten es oft nicht für nötig, in kleinen Dingen Gottes Hilfe anzurufen, weil unser Tag vollgestopft ist mit scheinbar wichtigeren Angelegenheiten, die uns keine Zeit zum Gebet lassen. Wir diskutieren oft lieber über notwendige Reformen in der Kirche und klagen über ihre Oberen, als dass wir – was doch unserer Kompetenz und unseren Einflussmöglichkeiten zumeist viel eher entspräche – für sie beteten und durch unser eigenes Beispiel das kirchliche Leben erneuerten.

Der Ordensregel des heiligen Benedikt ist durchdrungen von der Erkenntnis, dass die Liebe, die zum ewigen Leben führt, ein alltägliches Handwerk ist. Das Material, an dem dieses Handwerk ausgeübt wird, sind die Freuden und Betrübnisse, die uns und unseren Nächsten alltäglich begegnen. In diesem Sinne bezeichnet der heilige Benedikt das Kloster als eine Werkstatt und das mönchische Leben als ein geistiges Handwerk. Es kann in der Tat kein Zweifel darüber bestehen, dass der heilige Benedikt das Mönchtum als eine besonders edle, umfassende und effiziente Art der Ausübung des Handwerks der christlichen Liebe sah – es ist aber ebenfalls außer Frage, dass es Pflicht eines jeden Christen ist, dieses Handwerk zu erlernen; und das war dem heiligen Benedikt sehr bewusst. Das mönchische Leben ist nichts essenziell anderes als ein ernsthaft christliches Leben; und so kann die Benediktsregel von jedem Christen mit großem geistlichen Gewinn studiert und befolgt werden. Vor allen anderen Dingen atmet die Regel den Geist der Geduld, jener Tugend, die in unserer Mentalität des „ending is better than mending“ (Aldous Huxley, etwa: „Fortwerfen ist besser als flicken“) stets als erste unter die Räder gerät und die doch die Grundlage für jedes geistliche Leben ist.

Ermahnungen zur Geduld mit Mitmenschen und sich selbst

Die häufigen Ermahnungen des heiligen Benedikt zur Geduld mit Mitmenschen, Dingen und mit sich selbst lassen an die berühmte Schilderung des leidenden Gottesknechtes beim Propheten Jesaja denken: „Er wird nicht laut schreien und auf den Straßen wird man seine Stimme nicht hören; das welke Rohr wird er nicht brechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen.“ (Jesaja 42, 2) Insbesondere in der entchristlichten Gesellschaft, in der wir leben, ist der Glaube sowohl von Lauheit und Verwirrung als auch von Verbissenheit und ungesundem Eifer bedroht. Der heilige Benedikt reicht uns in seiner Regel seine väterlich leitende Hand, die uns auf dem schmalen Weg zwischen diesen Extremen hindurch zur Heiligkeit führt.

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