Wien

Fromme unter Verdacht

Unter dem Vorwand der Missbrauchsprävention reiten Theologen gegen Zölibat, religiöse Familien und fromme Bewegungen.
Debatte um den Zölibat
Foto: KNA | Vorlesungsreihe der Universität Wien zum Missbrauch zeichnet Bild der katholischen Kirche als "geschlossener Gesellschaft". Die Dekonstruktion der ("heilen") Familie und des Weiheamtes soll Abhilfe schaffen.

Will man die Abschlussveranstaltung einer 14-teiligen Vorlesungsreihe zum sexuellen Missbrauch in der Kirche, die am Montag an der Universität Wien stattfand, auf einen knappen Nenner bringen, so lautet der wohl: Die Konservativen und die Frommen sind ganz besonders verdächtig, denn die neigen dazu, geschlossene Gesellschaften zu formen, welche ein fördernder Faktor für Missbrauch sind.

Beim amtierenden Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien, Johann Pock, klang das am Montagabend so: Geschlossene Gesellschaften entstünden, wo es die „Idee klarer Antworten auf alle Fragen“ und eine hierarchische Struktur gebe. Vor allem in „Zirkeln, wo die katholische Welt noch heil zu sein scheint, mit barocken Kaseln und lateinischer Messe“.

Was barocke Kaseln mit sexuellem Missbrauch zu tun haben

Was barocke Kaseln mit sexuellem Missbrauch zu tun haben, erklärte der Pastoraltheologe etwa so: Wo vorkonziliare Kirchenbilder gepflegt würden und die Außenwelt als identitätsgefährdend wahrgenommen werde, da entstünden geschlossene Gesellschaften. Und die sind, so der Konsens an jenem Abend, besonders missbrauchsanfällig: ob Militär, Sportvereine oder eben die katholische Kirche.

Kein Wunder, dass dann auch kräftig an der „Ämterstruktur“ der Kirche gerüttelt wurde. Da müsse sich etwas ändern, müsse es zu einer Gewaltenteilung zwischen Exekutive, Legislative und Judikative kommen, meinte der in Vorarlberg geborene, heute in München wirkende Jesuit Andreas Batlogg, bis 2017 Chefredakteur der Jesuiten-Zeitschrift „Stimmen der Zeit“. Pock, der an der Theologischen Fakultät Wiens Pastoraltheologie liest, meinte, da werde sich vieles nicht rasch ändern, „weil Papst Franziskus am Kirchenrecht kaum Interesse zeigt“. Unausgesprochen ist damit suggeriert, der Papst denke wie man selbst, sei aber kanonistisch zu ignorant, das auch rechtsverbindlich durchzuziehen.

Pock warnte vor einer „Überhöhung des priesterlichen Opfers“ und plädierte für eine Wahlfreiheit hinsichtlich des Zölibats. Dass Papst Franziskus einen „optionalen Zölibat“ bereits ausdrücklich verwarf, erwähnte er nicht. Mit Blick auf die „Schlafzimmer“ (ob damit nur jene von Eheleuten gemeint waren, wurde nicht klar) solle die „katholische Kirche in manchen Punkten schweigen“, so der Dekan. Ein erstaunliches Resümee einer vier Monate langen Beschäftigung der Katholisch-Theologischen Fakultät mit dem sexuellen Missbrauch. Dass man nicht verdrängen und vertuschen dürfe, sondern sich der Realität stellen müsse, wie Pock bilanzierend meinte, ist wohl konsensfähig. Wozu also schweigen? Wäre die katholische Sexualmoral nicht gerade ein Antibiotikum gegen sexuellen Missbrauch?

Hierarchien, um die Aggressionspotenziale von Männern zu ordnen

An der Universität Wien am Montagabend klang das jedoch anders: Am häufigsten sei der sexuelle Missbrauch in „Fassaden-Familien“ und in religiösen Familien, meinte der Religionspädagoge, Psychoanalytiker und Theologe Erich Lehner. Nach seiner Theorie dienen Hierarchien dazu, die Aggressionspotenziale von Männern zu ordnen. Doch genau diese Bildung von „Kasten“ sei der Grund für massenhaften sexuellen Missbrauch. In der Konsequenz dieser These kritisierte Lehner, der Zölibat führe zu einem überhöhten Priesterbild. Gemäß der marxistischen Theorie, dass das (gesellschaftliche) Sein das Bewusstsein bestimmt, meinte Lehner: „Das Individuum entwickelt sich gemäß der strukturellen Vorgaben.“ Wäre zu klären, warum dann nicht alle Zölibatären (als Opfer der Strukturen) zu Missbrauchstätern werden. Stattdessen forderte Lehner eine „Entsakralisierung des Priesterbildes“. Der Priester habe nicht einen besonderen Dienst, sondern lediglich eine Funktion.

Auch der Jesuit Batlogg warnte vor einer „Überhöhung“ des Priesterbildes. Ordensleute und Zölibatäre seien „keine Singles“, bräuchten „Beziehungsfähigkeit“. Erstaunlicherweise war dann aber nicht die Rede von der Gottesbeziehung der Priester. Stattdessen meinte Batlogg: „Natürlich muss ich auch Sexualität leben können“, ob dies nun „Autoerotik“ sei oder anderes. Nachsatz: „Ich bin auf viele Dinge nicht stolz in meinen 26 Priesterjahren.“

"Je frömmer und elitärer, desto stärker
die Aussage: Bei uns passiert so etwas nicht"
Martina Greiner-Lebenbauer, Leiterin der Stabsstelle für Missbrauchs- und Gewaltprävention der Erzdiözese Wien

Unter Verdacht standen bei dieser Wiener Podiumsdiskussion aber nicht nur Zölibatäre, sondern auch kirchlich engagierte katholische Laien. Natürlich nur die Frommen: „Je frömmer und elitärer, desto stärker die Aussage: Bei uns passiert so etwas nicht“, sagte die Leiterin der Stabsstelle für Missbrauchs- und Gewaltprävention der Erzdiözese Wien, Martina Greiner-Lebenbauer. Sie erlebe in ihrer Arbeit „sehr viel Widerstand von geschlossenen Gesellschaften“. Bei manchen Bewegungen und Gruppen werde mit dem Katechismus oder mit dem Youcat argumentiert: „Hier ins Gespräch zu kommen, ist fast nicht möglich.“ Warum ausgerechnet der Katechismus, in dessen Redaktion ihr eigener Chef, Kardinal Christoph Schönborn, dereinst federführend war, oder der von Österreichs Bischofskonferenz geförderte „Youcat“ keine Grundlage für ein Gespräch sein kann, das sagte Greiner-Lebenbauer nicht.

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