München

Kardinal Scheffczyk: Ein katholischer Leuchtturm

15 Jahre nach seinem Tod ist die Theologie Leo Kardinal Scheffczyks aktueller denn je.
Kardinal Leo Scheffczyk
Foto: KNA | Kardinal Leo Scheffczyks Blick war unbestechlich: Offenbarung hängt nicht von Weltbildern ab.

Vor fünfzehn Jahren, am 8. Dezember 2005, ist der um die Reinheit und Ganzheit des katholischen Glaubens besorgte Theologe Leo Kardinal Scheffczyk in München verstorben. Er wurde dann von Kardinal Joachim Meisner auf dem Friedhof seiner geistlichen Familie „Das Werk“ (FS0) beim Kloster Thalbach in Bregenz beigesetzt. Der Kölner Kardinal nannte dabei dessen Sterbetag am Fest der Unbefleckten Empfängnis ein „großes Ausrufezeichen“, das auf den Inhalt von Leben und Theologie des großen schlesischen Gelehrten hinweist. Mariologie war für ihn nie am Rand, sondern immer im Zentrum des katholischen Glaubens verortet. Scheffczyks 100. Geburtstag am 21. Februar dieses Jahres wurde mit einer internationalen Tagung „Glaube und Erfahrung“ in Lugano begangen, worüber sein Schüler Manfred Hauke in „Die Tagespost“ vom 8. Oktober 2020 berichtete.

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Inzwischen ist die Dimension seines Wirkens für Theologie und Kirche erkennbar und kann zu der längst fälligen Erneuerung katholischer Theologie aus ihren Wurzeln beitragen. Von einem bindungslosen Autonomismus und einer Anfälligkeit für Modethemen des Zeitgeistes ist sie wieder in eine authentische Kirchlichkeit zu führen. Die Konkretion des Katholischen ist für Scheffczyk dem allgemein Christlichen vorgeordnet und Ausgangspunkt, „von daher das Wesen des Christentums zu erschließen, und zwar als lebendige Wirklichkeit und als konkrete Gestalt“, wie er in seinem Grundwerk „Katholische Glaubenswelt“ (Paderborn 2008), das Harald Seubert (Basel/Gießen) „Paradigma für christliches Denken“ nannte, ausführt. Seine Theologie ist nicht neuscholastisch oder antimodernistisch, sondern heilsgeschichtlich und kirchlich geprägt.

„Ganz und gar katholisch“

Scheffczyks Katholizität wurde 2001 auch von der Kirche selbst bestätigt: Am 200. Geburtstag des im Oktober 2019 heiliggesprochenen Kardinals John Henry Newman und zugleich seinem eigenen Geburtstag wurde der aus Beuthen/Oberschlesien stammende Münchener Theologe vom gleichaltrigen Papst Johannes Paul II. mit der Kardinalswürde ausgezeichnet. Da über 80 Jahre alt, war er nicht mehr Papstwähler, die Ehrung galt neben seiner tiefreligiösen Persönlichkeit seiner klarsichtigen Theologie, die Manfred Hauke (Lugano) in einem Einführungswerk „Ganz und gar katholisch“ (Buttenwiesen 2003) nannte. Scheffczyk hat neben bisher drei Bänden „Gesammelte Schriften“ zusammen mit Anton Ziegenaus (Augsburg) auch eine mehrbändige „Katholische Dogmatik“ verfasst und sich immer wieder offensiv in theologische Auseinandersetzungen begeben. Papst Benedikt XVI. sagte 2006 in einem Interview mit Johannes Nebel FSO, „dass Leo Scheffczyk, der ganz stille und schüchterne Mensch, eigentlich immer der Erste war, der ganz klar Position ergriffen hat. Ich selbst war da fast zu ängstlich, als dass ich mich getraut hätte, gleich so direkt ,drauf los‘ zu gehen. Er aber hat mit großer Klarheit und zugleich mit wirklicher theologischer Fundierung sofort gesagt, was geht und was nicht geht.“ Es sei daher kurz auf zwei bleibend aktuelle Felder seiner intellektuell redlichen Kontroverstheologie eingegangen: eine bis heute nachwirkende Theologie eines humanistischen Relativismus und der vor allem innerdeutsche Streit um Rechtfertigungslehre und Eucharistieteilnahme.

Während Scheffczyk bei den Jesuiten Pierre Teilhard de Chardin und Karl Rahner zwar nicht unerhebliche kosmologische und anthropologische Reduktionen sah, hat er ihnen jedoch nicht den Willen zur Katholizität abgesprochen.

Hans Küng kann "weder als katholischer Theologe gelten noch als solcher lehren"

Anders verhält es sich bei der Beurteilung des bekannten Schweizer Theologen Hans Küng, der kurzzeitig in Tübingen sein Kollege war und dem im Dezember 1979 von der römischen Glaubenskongregation mitgeteilt wurde, „dass er weder als katholischer Theologe gelten noch als solcher lehren“ kann. In seiner Schrift „Kursänderung des Glaubens?“ (Stein am Rhein 1980) legt Scheffczyk eine theologische Bilanz zum „Fall Küng“ vor, die alle gelegentlich formulierten Hoffnungen auf eine Rehabilitierung des der säkularen „Stiftung Weltethos“ verschriebenen Autors zunichte macht. Nach dem Streit um die Unfehlbarkeit (1970) löste Küngs populäres Buch „Christ sein“ (1974) kontroverse Diskussionen aus, so etwa bei Hans Urs von Balthasar (der später Schriften Scheffczyks in seinem Johannes-Verlag herausgab) um die Bedeutung des „für uns“ (pro nobis) des Gekreuzigten.

"Ein bloßer 'Sachwalter' erreiche nicht 'den Christus des katholischen Glaubens,
aber auch nicht die Christusgläubigkeit des ursprünglichen reformatorischen Denkens'." 

Scheffczyk verschärfte den Disput, indem er in die Tiefe sah und auch Küngs Folgebestseller „Existiert Gott?“ (1978) als theologische Sackgasse mit „brüchigen Grundlagen“ und Zweideutigkeiten erkennt. Das liberale Christusbild Küngs entspräche eher einem naturalistischen „Jesuanismus“, als einem echten Glauben an Christus als Erlöser und Sohn Gottes. Scheffczyk sieht bei Küng „das entleerte Kreuz und die verfälschte Auferstehung“. Ein bloßer „Sachwalter“ erreiche nicht „den Christus des katholischen Glaubens, aber auch nicht die Christusgläubigkeit des ursprünglichen reformatorischen Denkens“. Dies wird nicht einfach polemisch behauptet, sondern analysiert und systematisch nachgewiesen. Die verfolgte Richtung „ist nicht mehr an den gültigen Standsternen der übernatürlichen Offenbarung, der Tradition und der Glaubensgemeinschaft der Kirche ausgerichtet, sondern allein an einem weltimmanenten Humanismus“ (83), der auch die Realität des Bösen und der Erbsünde ignoriert. Scheffczyk sieht bei Küng den Verlust der Ausrichtung auf die Transzendenz, auf die Mysterien des Glaubens und des Lebens Jesu, auf das Übernatürliche und das „christliche Skandalon“.

Substanziell hat sich der Theologe und Kardinal auch in Fragen der Ökumene und des interreligiösen Dialogs öfter zu Wort gemeldet. Seine Stellungnahmen erfolgten meist in der Monatsschrift „Theologisches“, in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Forum Katholische Theologie“ und bei theologischen Sommerakademien in Weilheim-Bierbronnen oder Aigen/M. Scheffczyk war auf katholischer Seite der maßgebliche Kritiker der 1999 in Augsburg auf den Weg gebrachten „Gemeinsamen Erklärung über die Rechtfertigungslehre“, in der nach seiner Ansicht „bedeutsame Unterschiede gefällig harmonisiert wurden“. Das EKD-Papier „Rechtfertigung und Freiheit“ (Gütersloh 2014) zum Reformationsjubiläum 2017 war dann die von ihm vorhergesehene schallende Ohrfeige. Es stieg dennoch der Druck, nach der angeblichen Einigung in der Frage der Rechtfertigung nun auch zur gegenseitigen Einladung zu Eucharistie und Abendmahl zu kommen. Ökumene ist für Scheffczyk aber nicht denkbar ohne Realismus und echtes Ringen um die Wahrheit. Dazu gehört die ganze Dimension des katholischen Eucharistieglaubens, wie sie Papst Johannes Paul II. 2003 in seiner letzten Enzyklika „Ecclesia de eucharistia“ noch einmal verbindlich vorgelegt hat.

Nicht blauäugiger Enthusiasmus, vordergründiger Pragmatismus und medialer Druck bringen Fortschritte, sondern ein „geistlicher Ökumenismus“, der die Identität des Partners respektiert und mit der Ökumene-Enzyklika Johannes Pauls II. „Ut unum sint“ (1995) um „die lange und schwierige ökumenische Pilgerschaft“ und um den nötigen „Dialog der Bekehrung“ weiß. Leo Kardinal Scheffczyk hat beides vorbildlich in seiner unbeirrbar katholischen Theologie bezeugt und gibt auch künftig wie ein Leuchtturm der Wahrheit Orientierung in oft dunkler und dürftiger Zeit.

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