Kirche Aktuell

Die "Gospa" bringt Menschen in Bewegung

Was auch immer die Pilger in Medjugorje suchen, die meisten finden einen Ort der Innerlichkeit und des Gebets, viele auch Umkehr und inneren Frieden.
Marienstaue in Medjugorje
Foto: Christoph Hurnaus

Mittlerweile geht die Autobahn fast bis vor die Haustüre. Blitzblanke Hotels mit internationaler Küche und mehrsprachigen Kellnern erwarten den müden und hungrigen Pilger. Ein ganzer Straßenzug voll Devotionalienläden bietet Frommes für und ohne jeden Geschmack. Wie das in boomenden Pilgerorten eben so ist und von glaubensfesten Katholiken beachtet oder auch gnädig übersehen werden kann. Ob Bankomat oder Tankstelle, Discounter oder Pizzeria, offenes Internet oder Taxis: Ganz anders als in den Anfängen, bietet Medjugorje im Jahr 2021, was der Mensch natürlicherweise so braucht.

Und auch, was er übernatürlicherweise so braucht: Täglich mehrere Heilige Messen und ja vor allem Beichtstühle in großer Zahl. Auch zu Beginn der Pilgerströme, vor vier Jahrzehnten, hörten hier Beichtväter sich in allen Sprachen der Kinder Gottes Sünden an, sahen viele Tränen, nahmen reichlich Lebenslast von weitgereisten Christenschultern. Sie kauerten in den Wiesen rings um die schlichte Jakobus-Kirche oder hockten auf Felsen, droben auf dem Erscheinungsberg (Podbrdo) oder auf dem Kreuzberg (Krizevac), die auch heute noch Kondition und gutes Schuhwerk verlangen.

Millionen kommen aus aller Welt

Millionen frommer oder zweifelnder, suchender oder erfüllter, verzweifelter oder glückseliger Christen haben seit Sommer 1981 den kleinen Ort in der Herzegowina besucht. Sie kamen aus aller Welt. Was aber suchten all die Amerikaner, Italiener und Österreicher, die Iren, Koreaner, Libanesen und Latinos hier auf dem tiefsten Balkan, in einem zum Pilgerzentrum gemauserten Dorf im geschichtlichen Schatten von Mostar, dieser in katholischen und muslimischen Facetten schillernden, beeindruckenden Perle an der Neretva?

Lesen Sie auch:

Nicht alles lässt sich erlesen, manches nur erfahren. Also hinauf auf den Erscheinungsberg, mitten in diesem besucherarmen Corona-Frühling 2021. Menschen aller Altersschichten wandern den halsbrecherischen Weg herauf und hinab, die meisten mit dem Rosenkranz in der Hand, manche mit Stock oder sich gegenseitig stützend. Da sind junge kroatische Paare mit kleinen Kindern, Ordensleute im Habit, eine Gruppe Mexikaner, auch einige Greise. Oben angelangt knien sie bei der weißen Madonnenstatue auf dem blanken Steinboden. Manche haben ein Handtuch mitgebracht, um die Knie zu schonen. Immer mehr sitzen betend oder meditierend auf den Felsen ringsum, alle schweigend. Eine Atmosphäre von Innerlichkeit, Stille, Gebet und Frieden.

Ich keuche auch auf den Krizevac hinauf. Ein Freund betet die Kreuzwegstationen vor, derweil ich verschnaufe. Ein junger Mann überholt uns raschen Schritts: bloßfüßig, den Rosenkranz in der einen, die Sandalen in der anderen Hand. Was meint er büßen zu sollen? Welche Seelenlast schleppt er da eilends hinauf zum Kreuz? Unten rings um die Jakobus-Kirche sind die Beichtstühle weitgehend verwaist, der Platz ist wie leergefegt. Die Pandemie hat den pulsierenden Pilgerbetrieb vorübergehend stillgelegt. Der Buchhändler Robert, der eigentlich Kroate ist, aber in Deutschland aufwuchs, sperrt seine "Tiberias"-Buchhandlung eigens für uns auf. Dass er seit einem Jahr keinen Umsatz macht, bringt ihn nicht aus der Ruhe. 70 Prozent hätten bereits Corona gehabt, weiß ein Einheimischer, der von schweren Verläufen und einigen aktuellen Todesfällen zu berichten weiß. Der Platz bleibt leer, die Kirche voll. Nie findet sich kein Beter vor der Madonna rechts des Altares ein.

Eine Friede ohne Gerechtigkeit

Vor 40, ja noch vor 35 Jahren war es auch recht still in Medjugorje. Ein kleines Dorf mit rustikalem Wein, ruraler Bevölkerung und intellektuellen, sprachgewandten Franziskanern. Mehr und mehr kamen Gottsucher und Marienfromme. "Mir, mir!" (Frieden, Frieden). Ja, zum Frieden mahne die Gottesmutter, wurden die Kinder nicht müde zu erzählen. Genau zehn Jahre später brach der Krieg über die Menschen Südosteuropas herein, eine Explosion von Gewalt und Grausamkeit, wie Europa sie seit 1945 nicht gesehen hatte. Die "Gospa", wie die Kroaten die Gottesmutter nennen, mahnte immer weiter zu Frieden, Umkehr, Fasten und Gebet. Der Frieden, den die Weltmächte 1995 gaben, brachte keine Gerechtigkeit. Schon gar nicht für die katholischen - also kroatischen - Einwohner der Herzegowina.

Die Pilgerströme nach Medjugorje aber wuchsen weiter. Ungeachtet aller kritischen Stimmen, zu denen auch die früheren Diözesanbischöfe von Mostar, Pavao Zani und Ratko Peri, zählten. Die einen störten sich an der Zahl und Dauer der Erscheinungen, die anderen begeisterten die Früchte: Bekehrungen und Berufungen, Heilungen und Gebetserhörungen. Medjugorje wurde für Millionen zur geistlichen Tankstelle, aber auch zum Exportschlager: Gebetsgruppen wuchsen rund um die Welt, mehr als 800 Priester und Ordensleute, die irgendwo am Erdenrund tätig sind, bringen ihre Berufungsgeschichte mit Medjugorje in Verbindung.

Dem Vatikan blieb nicht verborgen, dass es - jedenfalls in pastoraler Hinsicht - längst nicht mehr um ein lokales oder diözesanes Phänomen ging. 2017 schließlich entsandte Papst Franziskus den polnischen Erzbischof Henryk Hoser als Sonderbeauftragten, später als Apostolischen Visitator. "Gesund und heilig" sei die dortige Marienverehrung, diagnostizierte Hoser, der vor seiner Priesterberufung Arzt war, bereits 2018. Er werde täglich Zeuge der Verwandlung von Menschen, die aus schlechter Vergangenheit, aus Ängsten oder Depressionen, aus Verwundungen des Herzens "wirklich auferstehen".

Was die Pilger finden

Wer vermag schon zu sagen, was all die Leute suchen, die nicht in den nächstgelegenen Wallfahrtsort wandern, sondern nach Medjugorje? Einige davon treffen wir in der kleinen Kapelle auf dem Privatgrund von Marija Pavlovi-Lunetti, einer der sechs Jugendlichen von damals - heute eine verheiratete Frau und Mutter von vier Kindern. Ein buntes italienisch-kroatisches Flüstern erfüllt den Raum. Jemand stimmt den Rosenkranz an, Marija betritt den Raum mit zwei Priestern, betet mit. Schließlich bittet sie, alle mögen sich niederknien. Sie selbst kniet vor einer großen, weißen Marienstatue, beginnt mit "Oce nas", dem kroatischen Vaterunser. Dann ist sie leise, bewegt stumm die Lippen und blickt gebannt auf die Madonna. Einige zücken leise ihr Smartphone, filmen oder machen Schnappschüsse. Einige Minuten später erklärt Marija den Pilgern, die Gottesmutter segne sie alle. Marija plaudert mit den Leuten, hier auf Italienisch und dort auf Kroatisch. Uneitel, ohne Starallüren, freundlich. "Corona-Abstände", witzelt sie, als wir sie zum Gruppenfoto bitten.

Was suchen jene, die zum ersten Mal hierherkommen, etwa zum "Mladi-Fest", wenn Zehntausende Jugendliche sich alljährlich im August hier treffen? Was suchen die, die mehr als ein Dutzend Mal, manche mehrfach jährlich nach Medjugorje eilen? Leichter ist zu erkennen, was sie hier, in diesem oft als "Beichtstuhl der Welt" bezeichneten Ort, finden: Gebet, Umkehr und inneren Frieden. Oder, wie Erzbischof Hoser, formulierte: "Die wahren Früchte von Medjugorje sind die, die verwandelt hinausgehen in die Welt."

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Wallfahrt
Das wundersame Gnadenbild von Brezje Premium Inhalt
Zwischen der Hauptstadt Ljubljana und der Gebirgskette der Karawanken liegt das slowenische Nationalheiligtum von Brezje. Seit dem 19. Jahrhundert zieht es Pilger zum Gnadenbild Maria Hilf.
20.09.2021, 13  Uhr
Andreas Drouve
Themen & Autoren
Stephan Baier Gebete Pilger

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer