Würzburg

Der "Neue Atheismus" ist schlecht gealtert

In den 2000er Jahren war der "Neue Atheismus" en vogue. Anderthalb Jahrzehnte später entpuppt er sich als ein kurzfristiges Phänomen, das damaliger Mode entgegenkam. Welche Bedeutung haben Dawkins und seine Gefährten heute noch?
Was aus dem "Neuen Atheismus geworden ist"
Foto: imago stock&people | Die "Säkulare Buskampagne", bei der die Giordano-Bruno-Stiftung für eine atheistische Weltsicht warb, kopierte sie noch von Dawkins aus London.

Ein "ungerechter, nachtragender Überwachungsfanatiker", ein "rachsüchtiger, blutrünstiger, ethnischer Säuberer", gar ein "frauenfeindlicher, homophober, rassistischer, Kinder und Völker mordender, ekliger, größenwahnsinniger, sadomasochistischer, launisch-boshafter Bully" - das sei der Gott des Alten Testaments. So lautete das Urteil des Evolutionsbiologen Richard Dawkins, der vor 15 Jahren mit dem "Gotteswahn" (im Original: The God Delusion) abrechnete, dem trotz wissenschaftlicher Beweise ein Großteil der Menschheit erliege. Die aufgeheizte Debatte um Evolutionslehre und Kreationismus im US-Schulunterricht, der islamische Fundamentalismus mit seinem Höhepunkt am 11. September 2001, die stärkere Wahrnehmung der jüdischen Orthodoxie in Israel, aber auch der Aufstieg hindu-nationalistischer Parteien in Indien machten deutlich, dass die "Rückkehr der Religion" keine hohle Phrase, und der Sieg der Säkularisierung nicht vollkommen war. Peter L. Berger, der als Vater der dominierenden Säkularisierungsthese galt - die in der Tradition Max Webers das Verschwinden der Religion mit dem Siegeszug der Moderne gleichsetzte - revidierte seine eigene These und sprach stattdessen von einer "Desäkularisierung" der Welt. 

Dawkins Bestseller wuchs auf fruchtbarem Boden

Es war demnach fruchtbarer Boden, auf dem 2006 nicht nur der Bestseller von Dawkins wuchs. Schon 2004 hatte der Neurowissenschaftler Sam Harris mit "Das Ende des Glaubens" für Aufsehen gesorgt. Im selben Jahr wie Dawkins veröffentlichte der Kognitionswissenschaftler Daniel Dennett sein Buch "Den Bann brechen: Religion als natürliches Phänomen", ein Jahr später folgte der Journalist Christopher Hitchens mit "Der Herr ist kein Hirte - Wie Religion die Welt vergiftet". 2007 trafen sich die vier Autoren zu einer informellen Diskussion als "Vier Apokalyptische Reiter" und errangen damit den Status der Speerspitzen eines "Neuen Atheismus".

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Dabei hatte keiner der Männer den Begriff selbst gewählt. Stattdessen prägten ihn die Medien, die das Phänomen begierig aufnahmen. Ein moderner Atheismus in der Tradition der Aufklärung, progressiv und den Liberalismus bejahend, erschien dem Westen nach dem Ende des Kalten Krieges und angesichts der religiösen Herausforderung als Zukunftsoption. Es herrschte Aufbruchstimmung: 2003 hoben Dawkins und Dennett die naturalistische "Brights"-Bewegung aus der Taufe, die international Anhänger gewann und jede Art von Übernatürlichem ablehnt; es folgten Podiumsdiskussionen, Interviews und Dokumentarfilme. An der Berliner Freien Universität unterstützte die Deutsche Forschungsgemeinschaft ein Projekt zur Erforschung des "Neuen Atheismus". Auf der Welle des chic gewordenen Populäratheismus, der auf bloßer naturwissenschaftlicher Grundlage und mit schrillen Worten gegen die Religion zu Felde zog, surfte auch die 2004 gegründete Giordano-Bruno-Stiftung (GBS). 

Es ist ruhig geworden um die "Neuen Atheisten"

Doch obwohl sich die säkularen Trends der 2000er eher verschlimmert haben - Zunahme von Kirchenaustritten, Religionslosigkeit der europäischen Jugend, mangelnder Priesternachwuchs und Erosion der Sonntagspflicht - , ist es ruhig um die "Neuen Atheisten" geworden. Dawkins hat vorletztes Jahr ein neues Buch herausgebracht, das christliche Jugendliche zum Atheismus konvertieren soll. Außerhalb der eigenen Echokammern wird es kaum wahrgenommen. Offensichtlich ist religiöse Indifferenz kein Freifahrtschein für organisierten Atheismus. Die "Reiter" und ihre Anhänger, die einst auszogen, um die Menschheit von der Last der Religion zu befreien, haben keins ihrer Ziele erreicht. Atheismus im Sinne Dawkins bleibt außerhalb Europas und Ostasiens die Ausnahme. Der Kreationismus an den Schulen hat Rückschläge erfahren, er steht aber immer noch in einigen Bundesstaaten auf dem Stundenplan. Indes hat der Einfluss der Evangelikalen in der Republikanischen Partei kaum abgenommen. Die Esoterik ist auf dem Vormarsch. Die Gesellschaft toleriert muslimische Sonderwünsche, ob beim Kantinenessen oder im Schwimmunterricht. Aufgrund seiner Demographie gilt London heute als die religiöseste Stadt des Vereinigten Königreiches, wo sich zwei Drittel der Bewohner als "religiös" identifizieren - ausgerechnet im Mutterland der "Neuen Atheisten".

Stattdessen kam Dawkins unter Beschuss, als er wegen Islamkritik auffiel. Dass sich das progressive akademische Milieu heute weniger als atheistischer Hort begreift, sondern mit linksidentitären Idealen flirtet, dürfte seinen Teil dazu beigetragen haben: "alte weiße Männer", die andere Kulturen und Religionen "unterdrücken", haben aktuell keine guten Karten. Dass Dawkins im Laufe der 2010er vonseiten der Neuen Linken als "islamophob" und "rassistisch" verteufelt wurde, ist dem Zeitgeist zuzurechnen. Dass Dawkins jedoch eine Debatte über Eugenik anstieß, gehört zu jenen Auftritten, mit denen der Naturwissenschaftler nicht nur sich selbst beschädigte; der Eindruck herrscht vor, dass Dawkins wie andere Berühmtheiten am Ende ihrer Karriere nicht ihrer Werke, sondern ihrer Skandale wegen wahrgenommen werden. Harris geschah Ähnliches, als er in einem Podcast mit dem Publizisten Charles Murray über vererbbare Intelligenz und IQ-Unterschiede zwischen Weißen, Asiaten und Schwarzen debattierte. Mit Hitchens ist einer der "Reiter" mittlerweile verstorben. Er erlag 2011 einer Krebserkrankung.

Ist die Luft raus?

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Ist die Luft also raus aus dem "Neuen Atheismus"? In Deutschland lebt das Erbe weiter - unter anderem Namen. Die Giordano-Bruno-Stiftung und ihr Vordenker Michael Schmidt-Salomon nutzten die damalige Aufmerksamkeit strategisch aus. Die "Säkulare Buskampagne", bei der die GBS für eine atheistische Weltsicht warb, kopierte sie noch von Dawkins aus London. Die von Schmidt-Salomon konzipierte Ideologie des "Evolutionären Humanismus" geht aber über bloßen Atheismus hinaus. Während das "Original" vornehmlich Gottesbezüge in Schulunterricht und Politik angriff, mischte sich die GBS in Deutschland auch im Fall der Abtreibungsärztin Kristina Hänel oder im Streit für Suizidhilfe ein. Auch die Position der Großkirchen und die Kirchensteuer sind Lieblingsziele, um sich selbst als David gegen Goliath zu inszenieren - in Ermangelung einer tatsächlich starken christlichen Politik, wie sie in den USA die Evangelikalen betreiben. Die GBS betont das Primat der Wissenschaft - wobei Schmidt-Salomon jemanden wie Karlheinz Deschner mit seiner "Kriminalgeschichte des Christentums" dazuzählt, obwohl Deschner von keinem seriösen Institut als Wissenschaftler anerkannt wird. Schmidt-Salomon hat das nicht davon abgehalten, Deschner als "Juwel der Aufklärung" zu bezeichnen, der "Weltliteratur" geschrieben habe und stilistisch sogar Nietzsche übertreffe.

Schmidt-Salomons eigentlicher Beitrag für den internationalen Atheismus war weniger das "Manifest" des Evolutionären Humanismus, denn ein Kinderbuch über ein Ferkel, das nach Befragung der Weltreligionen zur atheistischen Einsicht kommt. Die Provokation mauserte sich zum Skandal, als das 2007 veröffentlichte Buch auf Antrag des Bundesfamilienministeriums als jugendgefährdende Schrift indiziert werden sollte. Das Verfahren scheiterte, das Kinderbuch erreichte Bestsellerstatus. Die Presse bemerkte beim "Ferkel" weniger jugendgefährdende Inhalte, sondern minderwertiges Niveau. Der damalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller bezeichnete Schmidt-Salomon als "geistigen Amokläufer, der Gläubige als Schweine einstuft und Kindsmord befürwortet". Der nachfolgende Prozess bescherte den Schmidt-Salomon-Jüngern weitere Relevanz. 

Bei Hitler-Vergleichen wenig zimperlich

Die hievte auch Philipp Möller - eine weitere Schlüsselfigur der GBS - ins Rampenlicht, der auf einer Podiumsdiskussion sagte, dass auch Einstein mit seinem "kindischen, jüdischen Aberglauben" gebrochen habe, um anschließend einer der bedeutendsten Wissenschaftler zu werden. Prälat Wilhelm Imkamp, der ebenfalls an der Runde teilnahm, verwehrte sich dagegen, in Berlin vom "kindisch-jüdischen Aberglauben" zu reden. "Und dann kommen Sie hin und sagen, die katholische Kirche hat die Juden verfolgt. Die Judenverfolger, das sind Sie!" Eine Anklage, die saß. Sympathisanten der "Neuen Atheisten" sahen den Nazi-Vergleich als Schlag unter die Gürtellinie. Möller rechnete in seinem Buch mit Imkamp ab: Er habe sich in der Diskussion der "Geschichtsverfälschung" bedient und "die Verzauberten" mit einem Bann "schwarzer Magie" belegt. Dabei sind auch die Atheisten wenig zimperlich, was Hitler-Vergleiche betrifft. So brandmarkte Dawkins den Wissenschaftshistoriker Michael Ruse als den Widergänger Neville Chamberlains, der mit seiner Appeasement-Politik mitverantwortlich für das Erstarken des Dritten Reiches war. Ruse setzte sich für einen Dialog zwischen Atheisten und Gläubigen ein.

Dabei ist Ruse selbst Atheist, glaubt aber nicht, dass alle Gläubigen "böse und dumm" sind. "Religion und Wissenschaft müssen nicht im Konflikt miteinander stehen", ist Ruse überzeugt   obwohl er selbst als Vorkämpfer der Evolutionstheorie im Streit mit Kreationisten auftrat. Er ist einer der vielen Atheisten, die damals wie heute glauben, dass der "neue Atheismus" der eigenen Sache einen Bärendienst erwiesen hat. "Richard Dawkins würde durch jeden Einführungskurs Philosophie fallen ( ]. Wenn wir die Gen-Theorie mit so wenig Ahnung kritisieren würden, wie Dawkins von Religion und Philosophie hat, dann wäre er berechtigterweise empört." Er sei umgekehrt "empört über die geringe Qualität der Argumente" von Dawkins, Dennett und anderen "Neuen Atheisten". Die ganze Veranstaltung beklagte er als "verdammtes Desaster". Die Geschichte hat ihm Recht gegeben.

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