Saalfelden

„Das sind schon spezielle Typen“

Ortstermin bei einem Eremiten. Gott hat einem Plan für jeden Menschen. Ein Besuch beim Einsiedler von Saalfelden am Steinernen Meer.
Einsiedelei bei Saalfelden im Salzburger Pinzgau.
Foto: Stephan Baier | Seit dreieinhalb Jahrhunderten Ziel frommer Gottsucher und Wanderer, vor allem aber ein Rückzugsort für Eremiten: die Einsiedelei bei Saalfelden im Salzburger Pinzgau.

Der Fußweg hinauf in die Einsiedeleiist steil, und in den 20 Minuten, die ein Wegweiser im Tal verheißt, nur für geübte Bergwanderer zu schaffen. Eine Gedenktafel rechts erinnert an Theresia Rohrmoser, die 1985 hier abstürzte, eine zweite gegenüber gedenkt des „tugendsamen Jünglings Anton Kalkschmied“, der 1926 hier tödlich verunglückte. Umso erstaunlicher, wie viele Wanderer sich dann oben tummeln, um die herrliche Aussicht auf die Berglandschaft zu genießen, in der kleinen Georgs-Kapelle zu beten und ein paar Worte mit dem Eremiten zu wechseln.

Bildnis des Hl. Georg

Lesen Sie auch:

Spätestens seit 1558 zog ein Bildnis des heiligen Georg, der hier als „Fürsprecher für das liebe Vieh und Wachstum“ verehrt wird, fromme Seelen auf den Berg. Rund ein Jahrhundert später ließ sich der Bergbauernbub Thomas Pichler aus dem Dritten Orden der Franziskaner hier nieder und baute eine Klause. „Aus rein christlichem Glauben“ sei die Einsiedelei am Palfen in Saalfelden entstanden, belehrt eine Tafel den Wanderer im Tal. Und auch heute wollen die Besucher „einfach reden über Gott und die Welt, über den Glauben und persönliche Probleme“, erzählt der aktuelle Einsiedler, Matthias Gschwandtner, oben auf dem Berg. „Viele suchen jemanden, der einfach zuhört.“

Besucher

Der 32. Eremit am Palfen kann beides: die im Sommer recht zahlreichen Wanderer freundlich empfangen und – sobald es finster wird oder das Wetter schlecht ist – mit sich alleine sein; er kann genau hinhören und gut erzählen. An manchen Tagen gebe es viel Smalltalk, dann wieder tiefe, lange Gespräche. „Der Ort hier ist hoch spirituell“, meint er. Viele Menschen könnten hier „loslassen, frei werden“. Manche wollen einen Segen oder eine kleine Andacht. „Oft reicht es, wenn man zuhört. Ich kann nicht in allem die tollsten Ratschläge geben, aber Trost und Zuspruch.“

Gott hat einen Plan

„Ich brauche meine Zeit allein“, sagt Matthias Gschwandtner. „Ich möchte eine Art klösterliches Leben führen, und hier bin ich mein eigener Abt mit meiner eigenen Regel“, fügt er lachend hinzu. Dabei hatte der 63-Jährige „einen sehr schönen und herausfordernden Beruf“ als kaufmännischer Angestellter im Salzkammergut, findet es im heimatlichen Bad Ischl „fast noch schöner als hier“. Er schwärmt für die tolle Aussicht auf das Kitzsteinhorn, die Kraft dieses Ortes – aber da ist noch mehr: „Ein Grund für mich war, tiefer zu werden, meine Trägheit wegzubringen, reflektierter zu werden. Das erlebt man hier mit einem festen Ritual und Gebetszeiten.“ Dass Gott einen Plan mit jedem Menschen hat, davon ist der Einsiedler überzeugt. „Aber da muss man gut hinhören – und dann folgen.“ Für ihn persönlich werde es „langsam konkreter, was Gott will, und wo er hinführt“.

„Ein richtig grauslicher Regentag ist hier genauso schön wie im Salzkammergut“, ruft er einem Wanderer zu, der nachfragt, ob er denn nach dem Winter wieder zurückkehre. In diesen Tagen nämlich verlässt Matthias Gschwandtner die Einsiedelei. In den strengen, kalten Wintermonaten ist die Klause, die kaum Strom, keine Heizung und kein fließendes Wasser hat, unbewohnbar.

Eremit mit Kutte

Lesen Sie auch:

Zwischen April und November wohnte ab 1664 hier stets ein Eremit. Wasser und Lebensmittel muss er selbst auf den Berg tragen, Holz hacken, hin und wieder Stufen oder kleine Schäden am Dach reparieren. Wegen des Corona-Chaos konnte Matthias seine Saison erst im Juni beginnen. Ob er im April zurückkehrt? Bis Jahresende will er es entscheiden.

„Manche erwarten hier einen Einsiedler mit Kutte, Pfeife und Rauschebart“, lacht er. Tatsächlich waren viele Ordensleute unter den Vorgängern: Etliche Franziskaner und von 2004 bis 2016 mit Bruder Raimund von der Thannen ein Benediktiner aus dem Stift St. Lambrecht. Der Belgier Stan Vanuytracht, der hier zuletzt drei Jahre zubrachte, ist ständiger Diakon – immerhin mit kleinem Rauschebart und Pfeife.

Evangelischer Eremit

Matthias Gschwandtner ist der erste evangelische Eremit auf dem Palfen. Inmitten einer überaus katholischen Ikonographie: Da ist hoch droben die Georgs-Kapelle mit der martialischen Szene der Drachentötung, dann viele Votivtafeln, Madonnenfiguren, Kerzen und Sterbebildchen. Die Getsemane-Darstellung auf dem Weg berührt den Einsiedler tief: „Manche Kinder denken an ein Kripperl, aber es ist der Gründonnerstag. Einer der wenigen Momente, in denen Jesus verzweifelt ist! Und heute? Die Schöpfung ruft um Hilfe, viele Geschöpfe klagen ihr Leid, aber wir haben es gemütlich und schlafen, wie die Jungs damals!“

Vergänglichkeit

Ein Ort des Totengedenkens sei dieser Berg. „Viele Einheimische kommen, zünden ein Kerzerl an, setzen sich mit der Vergänglichkeit auseinander.“ Das brauche es, ebenso wie die Kirchen als letztes Korrektiv zu einer hektischen, spätpubertären Konsumgesellschaft. Schöpfungsverantwortung sei ja doch eine Kernkompetenz der Kirchen, meint Matthias mahnend. Ein „bisserl neidig“ sei er auf die Katholiken, wegen ihrer Tradition des klösterlichen Lebens, schmunzelt der Einsiedler und gewährt einen Blick in seine Klause.

Talwärts geht es schneller, vorbei an den Tafeln, die an die abgestürzten Wanderer erinnern. Drunten im Ort Saalfelden ist die Seelsorge des emsigen Pfarrers Alois Moser weit weniger beschaulich. Nein, dass Matthias Gschwandtner evangelisch ist, war und ist für ihn gar kein Problem, sagt er. „Es geht um den christlichen Hintergrund, und darum, ob einer damit zurechtkommt.“ Seinen Einstand habe man mit einem ökumenischen Gottesdienst gefeiert. Matthias lege Wert auf das Gebet und mache mit Wanderern schöne Wortgottes-Feiern. „Wir wollen schon eine christliche Persönlichkeit da oben haben“, sagt Pfarrer Moser. Andere Meditationsformen seien hier nicht angebracht.

Man ist zufrieden

Rund 50 Bewerber aus aller Welt hatte man 2016, da mussten Pfarrer und Bürgermeister viel beraten. Heuer konnten wegen der Corona-Einschränkungen nur vier Bewerber zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. „Das sind schon spezielle Typen, die das wollen“, lächelt Pfarrer Moser. „Ich würde das nicht machen!“ Eines sei aber sicher: Sollte sich Matthias Gschwandtner entscheiden, im April auf den Palfen heimzukehren, wäre er hochwillkommen: „Wir sind zufrieden.“

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Stephan Baier Benediktinerinnen und Benediktiner Diakone Evangelische Kirche Gedenktafeln Katholikinnen und Katholiken Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Klöster Pfarrer und Pastoren Seelsorge Äbtissinen und Äbte

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer