München

Amtsverzicht als Erlösergestus

Auch wenn man Kardinal Marx nach seinem Rücktrittsangebot abnehmen darf, dass er geistlich gerungen hat und nicht in erster Linie taktisch denkt: Rücktritte sollten weiterhin an persönliches Versagen gebunden sein. Ein Kommentar.
Kardinal Marx
Foto: Matthias Balk (dpa) | Wenn Kardinal Marx etwas vorzuwerfen ist, dann, kirchenpolitische Agenda und Missbrauchsaufarbeitung mit dem Synodalen Weg zu einem unentwirrbaren Knäuel verknotet zu haben.

Kaum war der Kanonendonner des Rücktrittsangebots von Kardinal Marx verklungen, brandete lauter Applaus auf. Der längst überfällige Schritt sei das, hieß es anerkennend. Spekulationen, ob Marx mit dem Gesuch einer Hängepartie nach Kölner Muster zuvorkommen wolle, kamen nur am Rande auf. Nach der bevorstehenden Veröffentlichung des Münchner Gutachtens wird man mehr wissen.

Wann der Amtsverzicht zum Erlösergestus überhöht wird

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Man darf dem Kardinal derweil abnehmen, dass er geistlich gerungen hat und nicht in erster Linie taktisch denkt. In der Tat kann es einen Bischof nicht kalt lassen, wenn er auf das Organisationsversagen in Sachen Missbrauch noch in jüngster Vergangenheit blickt, wie es für das Erzbistum Köln dokumentiert ist und andernorts nicht viel anders gewesen sein wird. Dass eine Organisation wie die Kirche über die letzten Jahre eine steile Lernkurve und einen Wechsel der Perspektive vom Institutionenschutz hin zur Opferfürsorge gemacht hat, spricht eher für sie und nicht gegen sie, wie Marx meint. Diverse zivilgesellschaftliche Organisationen haben das noch vor sich. Ohne Frage braucht es aber eine Kultur der Verantwortungsübernahme in der Kirche. Das schließt Rücktrittsangebote von Bischöfen ein. Kardinal Woelki und Erzbischof Heße - beide trennt mittlerweile ein großer kirchenpolitischer Graben - haben ihre Zukunft in die Hände des Papstes gelegt. 

Rücktritte sollten aber an persönliches Versagen gebunden bleiben. Sollte Kardinal Marx dies für seine Zeit als Bischof in Trier und jetzt in München zweifelsfrei und in schwerwiegender Materie nachgewiesen sein, dann wäre es Zeit, dem Papst den Amtsverzicht anzubieten. Ohne Rückbindung an persönliche Verantwortung aber wird die ultima ratio - der Amtsverzicht - zum Erlösergestus überhöht und entleert. 

Wenn Kardinal Marx etwas vorzuwerfen ist, dann, kirchenpolitische Agenda und Missbrauchsaufarbeitung mit dem Synodalen Weg zu einem unentwirrbaren Knäuel verknotet zu haben. Deutschlands Kirche steckt in dieser falsch geknüpften Zwangsjacke fest. Der von Marx beklagte "tote Punkt" wird nicht überwunden werden, ehe sie nicht daraus befreit ist.

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