Was Kirche in Zukunft braucht

Im „Jargon der Betroffenheit“ haarscharf an der Botschaft vorbeigeredet – Was dem Politikberater Erik Flügge zur Kirche einfällt. Von Urs Buhlmann
Foto: KNA | Für Eric Flügge kommt es heute viel zu häufig vor, dass Theologen nicht verstanden werden, deshalb versuchen, sich noch deutlicher auszudrücken, und dadurch immer unverständlicher werden.
Foto: KNA | Für Eric Flügge kommt es heute viel zu häufig vor, dass Theologen nicht verstanden werden, deshalb versuchen, sich noch deutlicher auszudrücken, und dadurch immer unverständlicher werden.

Mit sinkender Zahl der Gläubigen und des lebendigen kirchlichen Lebens vermehrt sich, so scheint es, die Ratgeber-Literatur, die einen Ausweg aus der verfahrenen Situation weisen will. Mal beschwörend, mal wütend werden da vermeintlich sichere Lösungen geboten. Das Buch über den „Jargon der Betroffenheit“ ist anders – weil es recht frech daher kommt und weil der Autor nicht mit dem robusten Selbstbewusstsein dessen auftritt, der von der Richtigkeit der eigenen Sichtweise felsenfest überzeugt ist. Erik Flügge ist nach katholischer Jugendzeit im Schwabenland in das Beratungsgeschäft für Politik und Kommunen eingestiegen, hat eine eigene Agentur in Köln und gilt als erfolgreicher Kampagnenleiter für die SPD. Also ein eher unüblicher Kandidat für ein Buch zur Positionsbestimmung und zukünftigen Orientierung der Kirche. Damit kokettiert er auch ein wenig in seinem munter geschriebenen Werk. Aber warum soll Kritik am Erscheinungsbild von Kirche und Ermunterung zu einem neuen Ansatz nicht auch aus zeitgeistigen Positionen erfolgen können?

Flügge leidet an seiner Kirche, aber er liebt sie auch. Was er sagt, in flott verpackter Form, ist fundiert und trifft den Nerv einer post-konziliaren jüngeren Generation, die mit den Heiligen Kühen und der bemühten Sprache der Altvorderen nichts mehr anfangen kann. Man kann es ja einem Kommunikationsprofi nicht übelnehmen, wenn er festhält: „Verschrobene, gefühlsduselnde Wortbilder reihen sich Sonntag für Sonntag auf den Kanzeln aneinander. Die Kirche scheint sprachlich in den Achtzigern hängen geblieben.“ Beispiel: „Jesus lädt dich ein – ja dich!“ Das hat schon jeder einmal gehört, das hat man viel zu oft gehört. Flügge: „Um dieser sinnbefreiten Aneinanderreihung von Banalitäten noch irgendeinen inneren Zusammenhang zu geben, wird in jedem Satz noch ein Wort des vorausgegangenen Satzes aufgegriffen, damit der Text nicht komplett in Fragmente zerfällt.“

Nun kann nicht jeder am Sonntag in Maria Vesperbild eine gute Predigt hören; auf den allgemeinen Stand der Homiletik in Deutschland bezogen hat der Autor wohl recht mit seinen Anfragen: „Wie soll ich denn so von Gott sprechen, dass es gleichzeitig würdig und nahbar ist? So, dass es meine eigene Beziehung mit Gott zum Ausdruck bringt und gleichzeitig das Gegenüber zum Entdecken Gottes anregt? Wie finde ich den schmalen Grat zwischen Belehren und Erfahrbarmachen, und warum klingen diese drei Fragen schon wieder so, als hätte ein Theologe sie geschrieben?“

Viel zu oft sei es heute so: „Man wird nicht verstanden, versucht es dann noch deutlicher auszudrücken und wird dadurch immer unverständlicher.“ Dabei habe Glaube niemals ganz verstanden werden wollen. Da ist Flügge dem Geheimnis schon auf der Spur. Richtig ist seine Beobachtung, dass in Zeiten der Verunsicherung auch die Kirche gelegentlich in Panik gerät: „Kirche hält es nicht aus, dass die Menschen am Ende einer Veranstaltung unüberzeugt, zweifelnd, nicht glaubend bleiben. Man versucht mit immer mehr Nachdruck, das Verständnis des Gegenübers zu erzwingen. Der muss doch glauben – und so scheitert die Verkündigung.“

An dieser aufgeregten, von sich selber nicht überzeugten Haltung reibt sich Flügge – wie auch, da ist er ganz Werbefachmann, an so mancher optischen Zumutung. In der Kathedrale von Antwerpen sah und bewunderte er Rubens' Kreuzabnahme – und sieht dann vor einem anderen Altar einen kleinen Zaun. „Darauf ist ein großer Karton angebracht: Einige bunte Zettel sind darauf geklebt. Sie sind mit einer Krakelschrift beschrieben und leicht gewellt, so dass sie abstehen. Ich ahne, hier war eine Kinderkirche am Werk. Wie es sich für das Christentum unserer Tage gehört, wurde dieses stillos zusammengestückelte Ding dann in die Kirche getragen und dort befestigt. Das Mittelmaß hält Einzug in die Hallen, die einst Größe füllte.“ Innere Verschwurbelung und äußere Verschandelung, das geht Hand in Hand.

Flügge hat noch mancherlei Beispiele an der Hand, die seine Grundthese einer großen inneren Unsicherheit der einst mächtigen Institution stützt. Da passt gut ins Bild, dass manche „Theologinnen und Theologen“ in der Gruppenarbeit leicht hinterhältige Methoden benutzen, um doch noch zum Zuge zu kommen – das Stichwort ist Emotionalität. Man kennt das: Kraftsteine aneinander schlagen, Kraftplätze erspüren, barfuß Spuren im Sand hinterlassen, Zettelchen beschreiben und was der Nichtigkeit mehr sind. Flügge: „Man folgt bei diesen emotionalen Methoden dem Plan, im Anderen etwas zu bewirken. Wohl dosierte, emotional stark aufgeladene Worte und die Klangschale im richtigen Moment bringen Menschen dazu, starke Reaktionen zu zeigen. Oft fließen Tränen, und man kann jemanden in den Arm nehmen und trösten für eine Trauer, die diese Person erst durch mich erspürt hat, aber das in dem Moment nicht reflektieren kann. Es ist faszinierend, diese Macht über andere Menschen zu haben. Man zwingt ihnen das Gefühl auf, das man auslösen möchte und durchbricht deren Selbstschutz-Institutionen.“ Gefährlich wird es hier also; nun ist es dringend an der Zeit, den Autor zu befragen, was er an die Stelle der fragwürdig gewordenen Sprache und der mit Hintergedanken eingesetzten Methoden setzen möchte.

Weil seelsorgliches Tun in erster Linie Ansprache, Rede, ins Wort gebrachte Begegnung ist, fordert der Autor zu Recht einen neuen Predigtstil, eine neue Predigtausbildung. Sein Buch gewinnt wirklichen Ratgeber-Charakter, wenn er von den zum gottesdienstlichen Sprechen Berufenen aktuelle Relevanz, starke Emotionen, pointierten Stil und theologische Substanz verlangt. Auch dass Theologen, die öffentlich reden sollen, zunächst einmal richtig sprechen lernen müssen, ist nahe an der Realität. Aber reicht das schon, um die skeptischen, materialistisch orientierten Zeitgenossen für die Botschaft Jesu zu begeistern? Dazu fällt Erik Flügge die Formel „Gönnen können, ohne selbst zu nehmen“ ein. „Ein Prinzip, bei dem man anerkennt, dass der Materialismus des Gegenübers ein ernst zu nehmendes Bedürfnis ist. Diesem setzt man kein Alternativkonzept entgegen, sondern man nimmt die Perspektive des Gegenübers selber ein. Jesus gibt den frustrierten Fischern einen Berg von Fischen. Er selbst nimmt sich den Berg Fische nicht. Er tritt damit den Beweis an, dass es ihm möglich ist, die materialistische Perspektive anzuerkennen und einzunehmen und zeigt gleichzeitig, dass er dies dennoch nicht übernimmt. Dadurch wird eine Differenz sichtbar. Denn das, was dir so viel bedeutet, bin ich bereit dir zu geben, aber offensichtlich bedeutet es mir nicht dasselbe. Ein guter Grund nachzufragen.“ Und da beginnt Evangelisierung, unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts – „Glaubwürdigkeit für die eigene, unterschiedene Perspektive, weil man sich selbst nicht bedient“.

Es ist nachvollziehbar, dass die Kirche als „Bannerträgerin der eigenen Perspektive“ heute nur noch für die interessant ist, die bereits dieselbe Perspektive eingenommen haben. Und das sind nur noch wenige. Mit den Allermeisten muss man erst ins Gespräch kommen. Flügge hat bei seiner politischen Strategieberatung gelernt: „Kommunikation muss verwundern, irritieren oder erschrecken, um zu jemanden durchzudringen, der sich nicht gerade mit dem Thema dieser Kommunikation sowieso schon beschäftigt.“ Und: „Es ist problemlos möglich, sich durch unsere Welt zu bewegen, ohne die Kommunikation von Kirchen zu bemerken.“ Es ist keine Hexenkunst, die der Autor dem Leser anbietet. Erfolgreiche Gemeindepriester – die gibt es ja auch – haben das immer schon gewusst. Und die, die dazulernen wollen, haben jetzt eine Möglichkeit, ihre Gedanken zu schärfen an diesem provozierenden und spannenden Buch, das für sich einnimmt, gerade weil es aus der „Halb-Außen“-Perspektive geschrieben ist.

Erik Flügge: Der Jargon der Betroffenheit – Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt. Kösel Verlag, München. 2016, 160 S., EUR 16,99

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