Wann beginnt personales Leben?

Ein Forum der Katholischen Akademie in Bayern stellt Perspektiven verschiedener Weltreligionen vor – Referenten plädieren für gestufte Schutzwürdigkeit

München (DT) Kaum eine Frage wird kontroverser diskutiert: Für die bioethische Debatte und die Bewertung von Schwangerschaftsabbrüchen, Pränatal- und Präimplantationsdiagnostik sowie Stammzellforschung und Klonen ist die Frage, wann personales Leben beginnt, von zentraler Bedeutung. In Deutschland stehen sich dabei in emotional geführten Auseinandersetzungen, die mittlerweile argumentativ festgefahren sind, verschiedene Positionen gegenüber: eine absolute Schutzwürdigkeit menschlichen Lebens von Anfang an, ab einem bestimmten Stadium in der Entwicklung des Embryos oder gar erst nach der Geburt als personales Leben.

Ein Forum der Katholischen Akademie in Bayern nahm sich am vergangenen Dienstag der komplizierten Frage an und versuchte, die unterschiedlichen Beiträge und Perspektiven der Weltreligionen zu beleuchten. Neben dem Judentum und dem Islam bildeten Perspektiven verschiedener christlicher Konfessionen – katholisch, protestantisch und griechisch-orthodox – einen Schwerpunkt in der Diskussion. Nach Organisator Armin Riedel solle es bei dem Forum nicht um eine Relativierung oder um Bekehrung zu einer jeweiligen Perspektive gehen, sondern darum, die einzelnen Positionen mit ihren jeweiligen Konsequenzen besser durchschaubar und verständlich zu machen.

Konrad Hilpert, Professor für Moraltheologie der Universität München, wies darauf hin, dass die Position des Lehramts – die römisch-katholische Kirche betrachtet bereits die befruchtete Eizelle als eine volle menschliche Person, die unbedingte Achtung und Schutz verdient – in dieser Weise erst in den letzten Jahrzehnten vertreten worden sei. Es handele sich um eine Position, die aus existierenden Überzeugungen im katholischen Bereich – nämlich dass das Leben ein Geschenk Gottes sei, die Liebe und Fürsorge Gottes bereits vor dem biologischen Leben beginne und Abtreibung unmoralisch und abzulehnen sei – hervorgegangen sei und durch die Kenntnisse der modernen Medizin und Biologie eine zeitliche Präzisierung erfahren haben. Für die christliche Theologie und Tradition sei aber die Frage nach dem exakten Anfang des Menschseins nicht entscheidend gewesen, sondern wie und wodurch die Seele in den Menschen hineinkomme. Die Meinung, dass die Seele gleichzeitig mit der Zeugung erschaffen wird, sei nur eine unter vielen gewesen. Hilpert wies auf die Theorie der sogenannten Sukzessivbeseelung hin, also einer Beseelung nach 40 oder 90 Tagen, die schon Thomas von Aquin vertreten habe. Die offizielle Position der Kirche ergebt sich daher für Hilpert nicht „zwingend“ aus der Tradition der Theologie und der kirchlichen Lehre. Da auch nach der Berücksichtigung verschiedener von der Kirche vorgetragener Vernunftargumente keine Eindeutigkeit vorliege, könne die Theologie, wie auch die Naturwissenschaften, keine eindeutige Antwort auf die Frage nach dem Beginn personalen Lebens geben. Hilpert plädiert daher zum Abschluss seines Vortrages dafür, personales Leben im Kontext einer Elternschaft zu verorten und sich von einer Fokussierung auf den Zeugungsvorgang zu lösen. Der Münchner Professor vertritt damit eine gestufte Schutzwürdigkeit oder auch ein dynamisches Verständnis der Schutzwürdigkeit eines Embryos. Ein Embryo, der für Forschungszwecke genutzt wird, wäre damit für ihn kein personales Leben. Er verdiene aber nach Hilpert Achtung, Sorgfalt und Schutz, was der Mensch nur durch eine Beschränkung der Nutzung des Embryos zum Ausdruck bringen könne.

Diese Meinung vertritt auch Athanasios Vletsis, Professor für Systematische Theologie an der Ausbildungseinrichtung für Orthodoxe Theologie der Universität München. Die griechisch-orthodoxe Kirche sehe nach Vletsis den Beginn personalen Lebens wie die katholische Kirche von der Zeugung an, lehne Stammzellforschung und Schwangerschaftsabbrüche ab, begründe diese Sichtweise aber christologisch. Da Christus von der Empfängnis an ganz Gott und ganz Mensch sei, ist auch der Mensch von der Zeugung ab ganz personales Leben. Der orthodoxe Christ sprach sich dennoch für eine verantwortbare Forschung und für eine Prüfung der verschiedenen gesellschaftlichen Positionen dahingehend aus, ob sie das Leben bejahen oder lediglich den Embryo instrumentalisieren.

Das Judentum, vertreten durch Tom Kuèera, sieht für Embryonen, die nicht eingepflanzt werden, keine moralische Verpflichtung. Der Rabbiner an der liberalen Synagoge Beth Shalom in München betonte aber den verantwortlichen Umgang mit dem menschlichen Leben, das als heilig betrachtet werde. Durch seinen Vortrag wurde ersichtlich, dass die heute in Israel vorzufindende Praxis stärker von der Interpretation religiöser Texte des Judentums geprägt worden ist als vergleichsweise die europäische Praxis durch den christlichen Glauben. Besonders Stellen im Talmud hätten das Rechtsverständnis beeinflusst, nach denen ein Fötus die ersten vierzig Tage wie Wasser beziehungsweise erst ab drei Monaten überhaupt physisch im Körper der Frau erkennbar sei und daher nicht als personales Leben bezeichnet werden könne. Weiterhin betone die Mischna, das erste rabbinische Werk aus dem 2. Jahrhundert die Vorrangstellung der Frau vor dem Kind. Schwangerschaftsabbrüche seien daher kein Mord, sofern eine zeitliche Grenze eingehalten werde und ein stichhaltiger Grund vorliege. Der Kontext und die Absicht würden mitbedacht werden. Kuèera erklärte aber auch, dass es im Judentum Strömungen gebe, die die Schaffung von Embryonen zu Forschungszwecken ablehnen.

Eine ähnlich große Geltung der religiösen Texte für die Auslegung der Frage ist auch im Islam zu erkennen: Suren im Koran und Prophetenaussprüche, sogenannte Hadithe, könne man nach dem Tübinger Islamwissenschaftler Thomas Eich so auslegen, dass die Beseelung des Menschen in mehreren Abschnitten vollzogen werde und erst nach 120 Tagen vollständig abgeschlossen sei. Daher bestehe auch in vielen islamischen Ländern, wie zum Beispiel dem Iran, die Möglichkeit, bis zum vierten Monat einen Schwangerschaftsabbruch durchzuführen. Dennoch genieße der Embryo bereits vor dieser Grenze eine gewisse Schutzwürdigkeit. Eich machte außerdem deutlich, dass der Standpunkt keine neue Erfindung sei, sondern bereits im 11. Jahrhundert entwickelt und ab den 1980er Jahren verstärkt aufgegriffen wurde.

Dass das Auditorium nicht geschlossen hinter den persönlichen Meinungen der anwesenden Referenten stand, zeigte sich in der anschließenden Podiumsdiskussion. Als Heuchelei bezeichnete man die Möglichkeit zum Import von Embryonen, beispielsweise aus Israel, und der gleichzeitigen Propagierung eines strengen Embryonenschutzes. Zudem wurde Kritik an der Forschungspraxis Israels geäußert. Ein Jurist sprach zudem Bedenken aus, ob man einen gestuften Schutz des Embryos wirklich durchsetzen könne. Müssten nicht der Zweifel und die Unklarheiten in der Beantwortung der Fragen nach dem Beginn personalen Lebens verpflichten, den maximalen Schutz des Embryos zu wahren und mehr noch die Beweispflicht den Gegnern des Embryonenschutzes zuzuteilen?

Themen & Autoren

Kirche

Synode
Synode
Synodalität als Stärkung der Kirche Premium Inhalt
Synodale Prozesse wecken derzeit sowohl Hoffnung als auch Sorgen. Doch was zeichnet den „gemeinsamen Weg“ aus? Zehn biblische Anregungen für synodale Gespräche.
20.09.2021, 19 Uhr
Martin Baranowski
Schwules Paar
Rezension
Eine Wegweisung im LGBTIQ - Dschungel Premium Inhalt
Daniel Mattson legt in seinem autobiografischen Buch "Warum ich mich nicht als schwul bezeichne" tiefe Gedanken über Sexualität, persönliche Freiheit und die Lehre der Kirche vor.
19.09.2021, 17 Uhr
Barbara Stühlmeyer