Wahrheit und Nächstenliebe

Die 138. Generalversammlung der Unitas, des ältesten katholischen Akademikerverbandes, stand unter dem Motto „veritati et caritati“. Von Christoph Hämmelmann
Foto: Jürgen Schmiesing | Bambergs Erzbischof Ludwig Schick beim Pontifikalamt im Würzburger Neumünster.
Foto: Jürgen Schmiesing | Bambergs Erzbischof Ludwig Schick beim Pontifikalamt im Würzburger Neumünster.

Würzburg (DT) Durch Weihrauchschwaden glänzte das Grün der priesterlichen Gewänder. Und dahinter leuchtete noch eine Farbe: Chargierte in blauen Uniformjacken füllten am Sonntag den Hochchor des Würzburger Neumünsters. Der Unitas-Verband (UV), der älteste der katholischen Akademiker-Verbände, beendete seine 138. Generalversammlung mit einem Pontifikalamt. Dessen Zelebranten ist die Burschentracht ebenso vertraut wie die liturgische Kleidung: Bambergs Erzbischof Ludwig Schick trat 1972 dem Würzburger Unitas-Verein, der Hetania, bei. In seiner Predigt erklärte er, wie es dazu gekommen war: „Ich habe mich zunächst theoretisch mit den Studentenverbindungen beschäftigt. Die Ziele der Unitas, für die die Scientia, die Wissenschaft, besonders wichtig ist, haben mir am meisten zugesagt.“

Dass Unitarier in der Corporationsszene von jeher als besonders gelehrsam, aber auch als besonders fromm gelten, das hatte beim Festkommers am Vorabend der Würzburger Studentenhistoriker Matthias Stickler erläutert. Er beschrieb die Entstehung der katholischen Corporationen in der Kulturkampf-Zeit, sprach vom „Kampf der katholischen Minderheit und ihrer intellektuellen Eliten um Gleichberechtigung“. Den Widerstand, auf den sie stießen, deutete er als „Abwehrkampf traditioneller Eliten gegen soziale Aufsteiger neuen Typs“. Diese Ablehnung sei so weit gegangen, dass „die Mehrheit des akademischen Establishments katholischen Studierenden die Fähigkeit zur Wahrheitssuche absprach, sofern sie sich nicht von ihrem Glauben, konkret den Ergebnissen des Ersten Vatikanischen Konzils, distanzierten“.

Ein umso stärkeres Signal war es, dass der Theologe Hermann Schell (1850–1906) – Mitglied gleich mehrerer Verbindungen aller drei Verbände – in großen Lettern den Schriftzug „Veritati“ auf die Giebelfront des neuen Würzburger Universitätsgebäudes schreiben ließ. Ein anderer Würzburger Unitarier griff diese Losung später auf und ergänzte sie um einen weiteren Begriff: „Veritati et caritati“ lautete der Wahlspruch des letzten deutschen Erzbischofs von Breslau, Adolf Kardinal Bertram (1859–1945). Nun diente er als Motto der Generalversammlung, mit der zugleich das 140-jährige Bestehen der Würzburger Unitas gefeiert wurde.

Doch der Verband wollte nicht nur in glorreicher Vergangenheit schwelgen. Was die Verpflichtung auf Wahrheit und Nächstenliebe heute bedeuten könnte, ließ er bei einer Podiumsdiskussion ausleuchten. Dort traf der Sozialethiker und Dominikaner Wolfgang Ockenfels auf Vertreter aus Wirtschaft, Medien und Politik. Der ehemalige Staatssekretär Jürgen Aretz beteuerte: Politiker seien viel ehrlicher, als am Stammtisch vermutet werde – nicht nur aus innerem Antrieb, sondern auch aufgrund der strengen öffentlichen Kontrolle. Zugleich beschrieb er Politiker als bisweilen Getriebene, die gegen eigene Überzeugungen handeln, um wiedergewählt zu werden.

Auch der Ressortleiter Politik und „Chef vom Dienst“ der „Tagespost“, Stefan Rehder, setzte sich mit Kritik an seinem Berufsstand auseinander: Vom Wort „Lügenpresse“ distanzierte er sich schon allein deshalb, weil es eine Vorgeschichte als nationalsozialistischer Kampfbegriff habe. Doch machte er seine Kollegen durchaus mitverantwortlich dafür, dass ihnen derartige Vorwürfe gemacht werden. Vor allem aber wies er darauf hin, dass jeder Sachverhalt so reduziert werden muss, „dass er mitteilbar wird“. Dabei dürfe nicht übersehen werden, dass „Reduktion durch Selektion“ zugleich „die erste Kommentierung“ sei. So zu selektieren, dass „Wirklichkeit mitteilbar, aber nicht entstellt wird“, sei eine verantwortungsvolle Aufgabe. Diese gelinge umso eher, „je klarer wir uns unserer Subjektivität bewusst sind und je weniger wir ihr gestatten, handlungsleitend zu werden“.

Christian Ewers, ein promovierter Chemiker, der für 600 Mitarbeiter und ein Geschäftsvolumen von 175 Millionen Euro verantwortlich ist, wehrte sich ebenfalls gegen pauschale Lügen- und Herzlosigkeitsvorwürfe, in seinem Fall an die Adresse „der Wirtschaft“. Die gebe es so schließlich gar nicht. Einen Mangel an Wahrhaftigkeit kreidete er vor allem in Teilen der Finanzindustrie an. Denn dort werde über Kredite Geld produziert, dem keine realen Werte gegenüberstünden – ein Missstand, gegen den es strengere Reglementierung brauche. Andererseits könne staatliche Überreglementierung auch dazu führen, dass verantwortungsbewusstes Handeln in der Wirtschaft erschwert werde. Ewers berichtete von einem Sozialplan, der ihn selbst einmal dazu zwang, einen Vater von vier Kindern zu entlassen. Denn: Entscheidendes Kriterium bei der Auswahl jener, die bleiben durften, war die Dauer der Betriebszugehörigkeit.

Ockenfels wiederum knüpfte nicht an Vorwürfen, sondern an den Wahrheitsbegriff des Thomas von Aquin an: „Adaequatio rei et intellectus“, das übersetzte der Dominikaner zurückhaltend als „Annäherung von Ding und Denken“. Die werde nie ganz gelingen, da die Erbsünde die Erkenntnisfähigkeit des Menschen eingetrübt habe. Trotzdem gelte: „Wir sind der Wahrheit verpflichtet, ohne sie je ganz zu erreichen.“ Auch im Umgang mit dem Begriff der Liebe mahnte er zur Vorsicht: Im „politisch-rechtlichen Zusammenhang“ sei er zu meiden, denn er sei existenziell-personalistisch. „Liebe ist kaum institutionalisierbar, erzwingen kann man sie nicht.“ Zugleich warnte er davor, Nächstenliebe mit Gefühlsduselei zu verwechseln. Dabei berief er sich auf die durchaus auch harten Worte Jesu, die das neue Testament überliefert: „Das liebe Jesulein – von wegen.“ Er empfahl, sich den eigenen Verfehlungen gegen Wahrheit und Liebe in der Beichte zu stellen. Doch oft genug treffe er als Priester dabei auf Menschen, „die nicht die eigenen Sünden beichten, sondern die ihrer Nachbarn, Freunde, Ehepartner“.

Erzbischof Schick rief in seiner sonntäglichen Predigt die Unitarier dazu auf, „den Geist unserer Gründerväter“ mit Entschiedenheit zu leben. „Wir müssen die Einsicht erneuern, dass das Evangelium, der christliche Glaube, die Tugenden und Werte, die Weisheit Gottes und Freundschaft mit und in Jesus Christus, der Heilige Geist, uns eine gute Zukunft schenken.“

Ausdrücklich appellierte Schick auch an das Unitarier-Gewissen. „Wer uns erlebt, muss spüren: Denen ist Sein wichtiger als Schein, das Innere wichtiger als das Äußere“. „Für uns muss deutlich sein, dass das Gewissen wertvoller ist als die öffentliche Meinung“, sagte er. Außerdem ermutige er Schick die „Bundesbrüder und -schwestern“ dazu, missionarisch zu sein und neue Mitglieder zu gewinnen. „Dabei soll es nicht um Rekrutierung, sondern um Gewinnung für unsere Ideale gehen. Wenn die, die gewonnen werden sollen, nicht eintreten, dann sollen sie wenigstens an unserem Leben, unserer Arbeit, unseren Einstellungen teilhaben und so die Gesellschaft mitbestimmen.“

Bei einer Messe am Vortag hatte der Unitas-Verbandsseelsorger Stefan Wingen, ein 38-jähriger Priester aus der Diözese Eichstätt, an die Warnung des emeritierten Papstes Benedikts XVI. vor einer „Diktatur des Relativismus“ angeknüpft. „Wenn der Relativismus recht hätte, dann wäre der Mensch der Naht- und Angelpunkt des Kosmos.“ Wohin so eine Haltung führe, zeige der Nationalsozialismus: ein Regime, das willkürlich entschied, wer leben darf und wer nicht. Zu seinen Opfern gehört auch ein Würzburger Unitarier. Dem Pfarrer Georg Häfner bescherte seine offene Kritik an den Machthabern 1942 den Hungertod in Dachau. Seine Asche ruht nun in der Kiliansgruft des Neumünsters. Am Ende des Pontifikalamts am Sonntag zog auch Erzbischof Schick dort hinunter, um seinen 2011 als Märtyrer seliggesprochenen Bundesbruder als Fürsprecher anzurufen.

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