Herzogenrath

Vorbilder als Ausbilder

Von den Chancen der Priesterausbildung in Zeiten beständigen Strukturwandels.

Priesterweihe
Selbst in Zeiten gesellschaftlichen Bedeutungsverlustes treten auch heute noch junge Männer ihren Weg an, ihrer Berufung zum Priester zu folgen. Foto: Corinne Simon (KNA)

Je nachdem welches Smartphone man benutzt, macht die automatische Sprachkorrektur aus „gnadenreich“ „tränenreich“. Eigentlich kein Wunder, denn religiöse Begriffe gehören immer weniger zum Allgemeingut der Sprache.

Nicht anders verhält es sich mit dem Priester, dessen Existenzform, dessen Funktion und Herkunft, dessen Bedeutung und Wirkung dem überwiegenden Teil der Bevölkerung fast zur Gänze verschlossen bleiben. Man hört von ihm, wenn es um die moralischen Unfälle geht, die Priester in ihrer Lebensführung verursacht haben. Die Coronakrise hat ihn gänzlich aus der medialen Öffentlichkeit gestoßen. Keine Talkshow ließ sich herab, neben Ärzten, Virologen, ums Überleben kämpfenden Köchen und Reiseveranstaltern Priester als Krankenhausseelsorger oder Gemeindepfarrer in die Runde zu holen. Offenbar sind die Vertreter des Christentums in eine Bedeutungslosigkeit gefallen, die sich noch unterhalb des bislang zum Gaudium einer postchristlichen Zuschauerschaft in den Talkshowmanegen vorgeführten Medizinmanns befindet, um sich an dessen Weltfremdheit zu delektieren. Der Coronatest hat nun gezeigt: der Priester gehört nicht zur systemrelevanten Kaste der Gesellschaft.

Die Bindung des Priesters an Jesus Christus

Ungeachtet dieses durch die Weltveränderung eines fiesen unsichtbaren Virus gepushten Bedeutungsverlustes des Priesters in der Gesellschaft treten auch heute noch junge Männer ihren Weg an, ihrer Berufung zum Priester zu folgen. Heroisch, möchte man meinen. Heldenhaft schon allein deswegen, weil schon bevor der virale Angriff auf den christlichen Glauben die Rolle und das Wesen des Priesters hatte unsichtbar werden lassen, die Kirche selbst – wenigstens in unserem Land – aus den diversen kirchensteuerlich befeuerten Kanonen den Priester beschoss. Liest man regelmäßig das von der Deutschen Bischofskonferenz finanzierte „Erklärportal der katholischen Kirche in Deutschland“, dann hat man einen geeigneten Wasserstandsanzeiger, der offenbart, wie hoch der Pegel der postchristlichen Flut bereits in den eigenen Reihen steht. Alles, was den Priester theologisch begründet und ausmacht – Kult, Mission, Leitung, Heiligung – wird ihm zwar nicht bestritten, aber es wird die darin liegende sakramentale Wurzel übersehen, die den Priester in seiner wesenhaften Bindung an Jesus Christus in dessen Person zu handeln befähigt.

Marginalisierung des sakramentalen Priestertums

In oft abenteuerlicher Begriffsverkennung und Doktrinverschweigung wird das Zweite Vatikanische Konzil in Haft genommen, um ein „Allgemeines Priestertum“ zu fordern, das jenseits sakramentalen Denkens funktional begründet ist und zu dem dann schließlich auch jeder und jede Zugang haben muss.

Die Marginalisierung eines sakramentalen Priestertums als Folge einer Missachtung der Sakramentalität der Kirche erhält sodann ihren letzten Schliff durch die Soziologisierung der Seelsorge, wie sie uns der „Synodale Weg“ und zuvor bereits die zwar derzeit von Rom gebremsten aber allerorten schon faktisch durchgeführten Strukturreformen der Diözesen beschert haben. Dort ist der Priester kaum noch als persona sacra eine einzigartige Größe im Heilswerk Christi, sondern nur noch ein Teammitglied im Reigen des „Pastoralpersonals“ – und zwar keineswegs bloß auf einer für die heutige Zeit unumgehbaren Kooperationsebene, sondern eingebettet in einer geradezu militant egalitäre Mystik, die alles und jedes inkriminiert, was genuin priesterlich und damit eigentlich unersetzbar ist.

Sakramentaler Totalausfall

Bestes Beispiel ist der von Verlustgefühlen weitgehend freie Umgang mit dem coronabedingten sakramentalen Totalausfall der letzten Monate. Aber auch „extra coronam“ sind der Versuche nicht wenige, dem Priester das zu nehmen, was ihn begründet. Der „Synodale Weg“ lässt in den ersten Metern seiner ersten Etappe bereits erkennen, dass er das nicht unterschreiben kann, was die römische Kleruskongregation im Jahre 2002 über den Priester mit Berufung auf die Konzilskonstitution „Lumen Gentium“ auf Papst Johannes Paul II. ausgeführt hat. Der sakramentale Charakter, so heißt es dort im Schreiben „Der Priester, Hirte und Leiter der der Pfarrgemeinde“, der die Priester kraft der empfangenen Weihe auszeichnet, sorge dafür, dass ihr Dasein und ihr Dienst einzigartig, notwendig und unersetzlich sind. Die Gegenwart des geistlichen Amtsträgers sei eine wesentliche Bedingung des Lebens und nicht bloß der guten Organisation der Kirche.

Ein Blick in die Realitäten unserer Diözesen und Pfarreien zeigt, dass diese Sicht eine faktische Ablösung erfahren hat. Lebensbegleitung, soziale Kompetenzen, Einholen und Deuten der Lebenswirklichkeit heutiger Menschen – vor allem der letzte geradezu in neodogmatische Steine gemeißelte Paradigmenwechsel im priesterlichen Amtsverständnis – sind heute Aufgaben aller in der Kirche. Wozu also noch Priester? Verstärkt werden auch wieder angestaubte Thesen aus den Siebzigern laut, die beweisen wollen, dass – nachdem das Neue Testament die kultischen und nach verbranntem Fleisch riechenden Opferpriester des Alten Testamentes fraglos verjagt hat – so etwas wie ein neues kultischen Priestertum nicht zu begründen sei.

Die Modellierung einer neuen Welt

Schöner Schlamassel! Auf was sollen denn nun die Priesteramtskandidaten vorbereitet werden? Wie soll man ihnen den Beruf erklären, zu dem sie sich berufen fühlen? Muss man gar von einem geistlichen Irrtum ausgehen, wenn junge Männer in unseren Tagen sagen: „Ich fühle mich zum Priestertum berufen, weil ich gerne die heilige Messe feiere, weil ich die Kirche und das Apostolische Amt liebe, weil ich den Menschen in den Himmel helfen will?“ Zumal es sich in unseren Tagen – weit mehr als in der Vergangenheit – abzeichnet, dass junge Berufene keineswegs das Berufsbild eines Sozialarbeiters verfolgen, sondern eher ein traditionelles Priesterbild im Herzen tragen, so wie es die Dokumente der Kirche verkünden. Was passiert mit ihnen nach der Weihe? Werden sie überhaupt das tun können, was das Amt von ihnen jenseits seiner synodalen Erneuerungen verlangt. Wo ist ihr Ort in den Megapfarreien, in denen es vieles Tränenreiches aber nur noch selten Gnadenreiches gibt. Oder – genauer gesagt – in denen das Gnadenreiche durch das Zeitliche ersetzt ist, das man zur Modellierung einer neuen Welt absorbiert hat.

Werden diese Priester die Heilige Messe so feiern können, wie es die Kirche vorsieht, also in Treue zur liturgischen Ordnung, als einzigartiges Geschehen, das durch keinen noch so schnieke gestalteten Wortgottesdienst ersetzbar ist? Werden sie verkündigen dürfen, so wie es die Tradition der kirchlichen Lehre verlangt, oder wird man ihnen genau dies nach den diversen Neuauslegungen deutscher Kirchenbeamten bestreiten? Und werden sie die ihnen anvertrauten Menschen geistlich leiten dürfen in Übereinstimmung mit dem Glauben der Jahrhunderte und ihrem Gewissen jenseits gruppendynamisierter Teamabsprachen? Sieht schlecht aus, so scheint es. Selbst der Papst, der sich redlich müht, über jeden Verdacht des Klerikalismus erhaben zu sein, konnte in Deutschland mit seinem durchaus sorgenvollen Brief zu Beginn des „Synodalen Weges“ nicht mit seiner Aufforderung zum Primat der Mission und Neuevangelisierung landen. Flugs wurde ihm aus Kreisen der Synodalen bedeutet: Kirchenreform ist Evangelisierung!

Ratlos und voller Hoffnung

Der Verfasser dieser Zeilen, der selbst als Diözesanpriester und Gemeindepfarrer am Ende und am Anfang der seelsorglichen Nahrungskette lebt und arbeitet, wurde gebeten, sich an dieser Stelle zur Frage der Gestalt der Priesterausbildung auf dem Hintergrund der geschilderten deutschen Lage zu äußern. Er ist ratlos und voller Hoffnung zugleich. Ratlos, weil sich weder in den personellen Besetzungen noch in den strukturellen Dimensionen heutiger Verantwortungsebenen eine Perspektive zur Wiederentdeckung des Schatzes katholischen Priestertums erkennen lässt – ganz zu schweigen von dem Totalausfall einer übernatürlichen Sicht der Krise und ihrer Heilungschancen, die jenseits von Strategien liegen. Hoffnung gibt es dennoch. Denn in der Wüste der gegenwärtigen beschädigten Welt gibt es genügend Verlangen nach frischem Quellwasser bei den Menschen – auch wenn viele in ihrer Not noch nicht die Oasen der Gnade entdeckt haben, die die Kirche durch die Hand ihrer Diener anbietet.

Es gibt also einen geistlichen Bedarf, auch wenn von ihm in den Synodenaulen keine Rede ist, weil man sich dort entschieden hat, die Lebenswirklichkeit zu bestätigen statt sie zu verändern. Das Profil junger Berufener zeigt jedoch, dass es unter ihnen eine Graswurzelbewegung der neuen Bereitschaft zu wahrem priesterlichen Dienst gibt. Ihnen fehlt eigentlich nur das eine in hohem Maße: priesterliche Vorbilder, die mit Leidenschaft und Feuer für Christus leben und arbeiten und die das Glück darüber ausstrahlen, dass Christus sie berufen hat, durch sie zu retten und zu heiligen. Solche Vorbilde sind wichtiger als alles andere. Empfehlungen zur Neugestaltung einer adäquaten Priesterausbildung müssen dort ansetzen. Nur wer ein glühendes Vorbild hat, wird in seiner eigenen Leidenschaft für den Beruf stark werden können – stark gegen die Versuchung zur Resignation und zum im Floskeldschungel verfangenen Beamtentum, stark gegen das Einknicken vor dem mittlerweile ekklesial inkarnierten Zeitgeist und stark, um nicht dem Martyrium auszuweichen.

Gnadenreich und tränenreich

Darin liegen Hoffnung und Chance: dass diejenigen, die Priester werden wollen von Priestern ausgebildet werden, die bereit sind, sich für Christus die Haut abziehen zu lassen und das mit Gelassenheit und Zuversicht leben, weil sie wissen, dass „gnadenreich“ und „tränenreich“ keine widerstreitenden Dimensionen des Priesterberufes sind. Allerdings ist eine solche Erneuerung der Priesterausbildung an eine Voraussetzung geknüpft: dass es einen Bischof gibt, der als erster und oberster Priester seiner Diözese in der genannten Art und Weise in der Ausbildung das erste Vorbild für diejenigen ist, deren Ehrfurcht und Gehorsam er am Ende bei der Weihe verlangen wird. Und der es sich nicht verbietet, ein Märtyrer zu sein.

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