Von der Geschichte durchweht

Nibelungenlied, Investiturstreit, Martin Luther: Der Wormser Dom wurde vor 1 000 Jahren geweiht. Von Georg Blüml
Dom zu Worms
Foto: dpa | Hoch über dem Rhein: der Dom zu Worms.

Hoch über dem Rhein erhebt sich ein Gotteshaus. Aus roten Sandsteinquadern fest gemauert, thront es wie eine Krone über der Stadt Worms. Die Römer siedelten hier und mit ihnen der Stamm der Vangionen, denen der umgebende Wonnegau seinen Namen dankt. Als das Reich der Cäsaren am Ende war, hausten in der Stadt die legendären Burgunden, denen wiederum die Hunnen den von Kriemhild beschworenen Untergang bereiteten. Vom Drachentöter Siegfried bis zu den Zerstörungen des II. Weltkriegs: Worms ist durchweht vom Atem der europäischen und deutschen Geschichte und sie manifestiert sich im Wormser Dom. Der dem Apostelfürsten Petrus geweihte Bau überdauerte den Untergang der Reiche und das Vergehen der Herrschaften, und 2018 gilt es, die tausendste Wiederkehr seiner Weihe zu feiern. Dem Schlüssel des Bistumspatrons dankt das Jubeljahr auch sein Motto: „Aufgeschlossen!“

Die Wurzeln des in den Wirren der Französischen Revolution untergegangenen Bistums verlieren sich im Dunkel der Spätantike. Die ostfränkische Königswitwe Brunichildis – die wohl der Brünhild des Nibelungenlieds den Namen lieh – ließ eine erste Kirche errichten. Im Jahr 614 wird ein Berthulf als Bischof erwähnt, der „Wormatia“ genannte Ort selbst aber blieb Königsgut. Karl der Große soll hier die langen Winterabende verbracht haben. Erst an der Wende zum 10. Jahrhundert gingen die königlichen Rechte auf die Bischöfe über und mit ihnen nahm die Stadt ihren großen Aufschwung. Unter dem Schutz des Krummstabs siedelten sich Juden an, die in der auf Jiddisch „Vermayze“ genannten Stadt eine bedeutende Gemeinde ausbilden konnten. 1048 fand im Wormser Dom eine der beiden Papstwahlen auf deutschem Boden statt, in der Papst Leo IX. gewählt wurde. Auf dem Höhepunkt des Investiturstreits erklärte Heinrich IV. in Worms Papst Gregor VII. 1076 für abgesetzt und hier wurde diese Auseinandersetzung zwischen Kaisermacht und päpstlichem Anspruch auch beendet: mit dem Wormser Konkordat von 1122, in dem der Sohn des Canossa-Gängers das Vorrecht der Päpste bei der Bischofseinsetzung akzeptierte.

Unter den nachfolgenden Staufer-Königen war Worms ein Mittelpunkt der kaiserlichen Repräsentation. Friedrich Barbarossa verlieh der Stadt die Freiheitsrechte und der heutzutage vor allem für sein apulisches Castel del Monte bekannte Kaiser Friedrich II. ehelichte hier in einer Märchenhochzeit die englische Prinzessin Isabella Plantagenet. Vier Reichs- und zwei Hoftage fanden in Worms statt. Auf einem von ihnen sprach Martin Luther 1521 das berühmte „Hier stehe ich, ich kann nicht anders...“. Die englische Bezeichnung für diesen für die europäische Geschichte so bedeutenden Reichstag von Worms (englisch: „Worms diet“) regte mit seiner Doppelbedeutung „Würmer-Diät“ schon Shakespeare zu einem makabren Wortspiel im „Hamlet“ an: Der tragische Prinz von Dänemark erklärt, der ermordete Polonius sei beim Abendessen – eine Versammlung hungriger Politikwürmer mache sich gerade über ihn her. Der Wormser Dom ist – nach Mainz und Speyer – der kleinste und jüngste der rheinischen Kaiserdome. Schlanker und steiler konzipiert als jene, stellt die doppelchörige Pfeilerbasilika einen Höhepunkt der Spätromanik dar. Die Vierung krönt ein Zentralturm, ein weiterer erhebt sich über dem westlichen Chor, der wie der Ostchor von zwei runden Treppentürmen flankiert wird. Mit bewunderungswürdigem Einfallsreichtum gestalteten die unbekannten, von burgundisch-zisterziensischen Vorbildern inspirierten Baumeister die Fensterrose des Ostchors mit den umgebenden Rundfenstern. Aus dem abgebrochenen Domkreuzgang stammen die zur Ausstattung zählenden gotischen Relieftafeln.

Weihe unter Bischof Burchard I.

Im pfälzischen Erbfolgekrieg wurde der Dom von Truppen Ludwigs XIV. arg verwüstet. Den notwendig gewordenen Reparaturarbeiten ist der sich harmonisch einpassende, wundervolle Barockaltar Balthasar Neumanns zu verdanken. 1801 verlor der Wormser Dom seinen Status als Kathedrale, diente zwischenzeitlich als Pferdestall und Lagerhalle und wurde schließlich katholische Pfarrkirche innerhalb einer mehrheitlich protestantischen Stadt. In Erinnerung an ihre frühere Bedeutung wurde sie von Papst Pius IX. zur Propsteikirche erhoben und Pius XI. verlieh ihr den Ehrentitel einer „Basilica minor“.

Der Bauherr des ersten, historisch fassbaren Dombaus war Bischof Burchard I. Der rührige Oberhirte war nicht nur Theologe, sondern auch findiger Politiker, Kriegsherr, bedeutender Gelehrter und sogar „Bestseller-Autor“, dessen klar strukturierte und praxistaugliche Kirchenrechtssammlung vielfach kopiert und in zahlreiche Bibliotheken des Mittelalters aufgenommen wurde. Als Burchard nach seiner Weihe durch den heiligen Erzbischof Willigis, den Bauherrn des Mainzer Kaiserdoms, Worms im Jahr 1000 zum ersten Mal besuchte, war die Stadt aufgrund einer längeren Vakanz des Bischofsstuhls verwüstet. Ohne eine oberste lokale Autorität hatten sich Rechtlosigkeit und Gewalt ausgebreitet. So war denn auch Burchards erste Maßnahme die Wiederherstellung der schützenden Stadtmauern, die den abgewanderten Einwohnern eine Rückkehr ermöglichte. Er unterstützte militärisch die Italienzüge Kaiser Ottos III. und setzte sich bei der Wahl von dessen Nachfolger für Herzog Heinrich von Bayern ein – den nachmals heiliggesprochenen Kaiser Heinrich II., den Stifter des Bamberger Doms. Zuvor aber nahm Burchard dem Kandidaten noch das Versprechen ab, die Wormser Königsburg dem Bistum zu überschreiben. Durch umfangreiche Schenkungen erreichte er für sein Bistum erhebliche Gebietszugewinne, straffte die kirchlichen Strukturen, verbesserte die Ausbildung der Kanoniker und baute zahlreiche Kirchen und Stifte. Burchards größtes Projekt aber war der Bau des Wormser Doms, für den er die alte Hauptkirche der Merowingerzeit niederlegen ließ. Das Datum der Grundsteinlegung ist nicht bekannt, wohl aber das Datum der Domweihe: Am 9. Juni 1018 konnte Burchard seinen Kirchenbau feierlich weihen, der in Gestaltung und Ausmaßen bereits den heutigen Dom skizzierte. Sogar Kaiser Heinrich II. ließ sich anlässlich dieses Festtages in Worms sehen.

So fest gemauert, wie er heute erscheint, war der Dom allerdings nicht. Nur zwei Jahre nach der Weihe stürzte der westliche Baukörper ein und musste neu aufgeführt werden. 1110 wurde der Dom ein zweites Mal geweiht; vermutlich aufgrund einer notwendig gewordenen Reparatur. Der heutige Dom, in dem vom Burchardsbau lediglich noch die Untergeschosse der Westtürme erhalten sind, entstand zwischen 1130 und 1181. Knapp 250 Jahre nach der dritten Domweihe stürzte ein Teil des Nordwestturmes ein. In einem frühen Beispiel von denkmalpflegerischer Weitsicht wurde er der Form nach – trotz spätgotischer Ornamente – gemäß seiner ursprünglichen romanischen Konzeption wieder errichtet. Größere Schäden zeigten sich im 19. Jahrhundert. Im Zuge von Untersuchungen stellte man fest, dass der Ostteil des Domes auf sicherem Rheinschotter errichtet wurde, während das Westwerk auf einer gefährlich rutschigen Lössschicht stand. 1901 begann man daher, den Westchor sorgsam abzutragen und die mittelalterlichen Fundamente mit Beton zu ummanteln. Beim Wiederaufbau wurde der größte Teil der originalen Steine wiederverwendet. Leider entschloss man sich, im Inneren aus statischen Gründen die schlanken, das Gewölbe tragenden Rundstäbe gerade auszuführen, weswegen sie heute in die Fensterrose einschneiden – die mittelalterlichen Baumeister hatten sie kühn um das Rundfenster herum geführt. Trotz dieser Schwächen gegenüber dem Zahn der Zeit widerstand der Dom allen mutwilligen Zerstörungsversuchen mit bemerkenswerter Standfestigkeit. Weder die Sprengversuche der Franzosen im 17. Jahrhundert noch die Bombenabwürfe der Alliierten vermochten dem Wormser Dom – anders als der Innenstadt – substanziellen Schaden zuzufügen. Das stärkste und dauerhafteste Fundament einer Kirche aber sind nicht die Steine. Es ist der Glaube der Menschen.

 

 

Hintergrund

Am 28. Januar überträgt das ZDF um 9 Uhr 30 ein Pontifikalamt mit dem Mainzer Bischof Peter Kohlgraf aus dem Wormser Dom. Mit der Festmesse wird das Jubiläumsjahr eröffnet. Ein besonderes Geburtstagsgeschenk hat sich der Wormser Dombauverein einfallen lassen: Mit fünf neuen Glocken soll das seit dem letzten Krieg bestehende Notgeläut wieder zum Festtagsläuten werden; die Glockenweihe findet am 2. April statt. Nach dem Vorbild der von französischen Kathedralen bekannten, Ton- und Lichtinstallationen „Son et Lumiere“ soll der Dom am 8. und 9. September in ganz neuem Licht erstrahlen. Im Oktober wird im Ostchor des Domes ein neuer Altar geweiht. Höhepunkt ist die vom 4. bis zum 10. Juni dauernde Festwoche. gb

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