Von den Kreuzzügen bis zum Kulturkampf

Farbige Festschrift für den Bonner Historiker Gabriel Adriányi. Von Urs Buhlmann
Foto: KNA | Die Abtei Brauweiler ist eine Station in der spannenden Lebensgeschichte von Petrus Heister, von der der Band berichtet.
Foto: KNA | Die Abtei Brauweiler ist eine Station in der spannenden Lebensgeschichte von Petrus Heister, von der der Band berichtet.

Der bemerkenswerte Lebenslauf des emeritierten Bonner Professors für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte „mit Einschluss der osteuropäischen Kirchengeschichte“, Gabriel Adriányi, der Stationen in der ungarischen Heimat, Rom und dann im Rheinland umfasst, ist bereits in der „Tagespost“ gewürdigt worden (DT 18. Januar 2012). Schüler und Freunde hatten ihn zum 65. Geburtstag mit einer Festschrift geehrt, zehn Jahre später wurde ihm nun zum zweiten Mal ein solches Zeichen der Verbundenheit zuteil, unter dem leider nicht sehr aussagekräftigen Titel „Kirche und Gesellschaft im Wandel der Zeiten“.

Doch davon soll man sich nicht abschrecken lassen, die dreißig Beiträge enthalten manche Fundstücke und legen von den vielfältigen Interessensgebieten des für seine feurigen Vorlesungen bekannten Geehrten Zeugnis ab. So, wenn Gisela Muschiol und Regina Illemann dafür plädieren, Elisabeth von Thüringen besser Elisabeth von Ungarn zu nennen, wie es international auch meist geschieht. Das wird im deutschen Sprachraum wegen des langjährigen Wirkens der Heiligen in Thüringen und Hessen anders gesehen: „Man nahm Elisabeth nicht so sehr als Tochter des ungarischen Königs, sondern vielmehr als eng mit dem Hochadel des Reiches verwandte Person wahr.“ Doch ist das darin zum Ausdruck kommende nationalstaatliche Denken ein Kind der Neuzeit und der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts.

Über eine Lebensreise, die vom geldrischen Niederrhein über Rom nach Wien führte, berichtet der benediktinische Historiker Pater Marcel Albert: Petrus Heister, 1596 in Roermond geboren, gehörte zu den ersten am römischen Collegium Germanicum et Hungaricum ausgebildeten Klerikern, sollte also, wie es die Gründungsbulle dieser Institution vorsieht, ein „unerschütterlicher Glaubensstreiter“ sein. Erst als Priester trat Heister der bei Köln gelegenen Abtei Brauweiler bei, von wo er dann zu einer wohl nur damals für einen Ordensmann möglichen diplomatischen Karriere aufbrach: Sein der Bursfelder Kongregation des Ordens angehöriges Kloster schickte ihn 1631 als Procurator an den Kaiserhof nach Wien. Das war sinnvoll, denn die in vielerlei Hinsicht bedrohten Abteien appellierten zum einen an den Kaiser als obersten Schutzherrn gegen widerstreitende territoriale Interessen, hatten zum anderen aber auch konkrete Forderungen an ihn, den Verzicht auf die Vergabe von Abteien als Kommenden etwa.

Besonders erfolgreich war Heister weder darin noch in den meisten seiner anderen Projekte, freilich waren die Zeitläufe schwierig und die Kaiser schwach. Doch wurde der niederrheinische Wahlwiener Prior und dann Abt des 1155 als ältestes Kloster Wiens gegründeten Schottenstifts, das sich wegen seines Gründers aus dem Hause Babenberg und der räumlichen Nähe zum Hof stets auch der Aufmerksamkeit der Habsburger erfreute. Das Procuratorenamt legte Petrus Heister nach nunmehr zwanzig Jahren nieder und war bis zu seinem Tod 1662 ein hochverehrter und -verdienter Vorsteher seiner neuen klösterlichen Heimat. Noch heute findet man im übrigen viele Hinzugezogene aus Deutschland und anderen Ländern im klösterreichen Österreich.

Den Kulturkampf im Bistum Trier und besonders in der Eifel lässt Helmut Rönz in seinem Beitrag aufleben und gestattet damit möglicherweise unbeabsichtigt auch einen Blick in die der Kirche hierzulande bevorstehende Zukunft. Die Auswirkungen auf die Seelsorge waren enorm: Mehr als ein Viertel der Seelsorgestellen war 1883 unbesetzt, rund eine Viertelmillion Katholiken blieben ständig oder zeitweise ohne geistlichen Beistand. Wie sehr die ländliche Bevölkerung der Eifel aber hinter ihren Pfarrern stand, macht Rönz am Beispiel des kleinen Kirchspiels Wiesbaum im Landkreis Daun deutlich, dessen Bewohner nicht ohne List für ihren Priester kämpften.

Einer der anregendsten Aufsätze in der Festschrift stammt von dem Kölner Juristen und Verleger Franz Norbert Otterbeck. Er will Henri Bergson, einen der „wirkungsmächtigsten französischen Philosophen im 20. Jahrhundert“, wie es heißt, mit seinen beiden Schülern Jacques Maritain und Jean Guitton in Verbindung setzen. Das tut Otterbeck sehr pointiert vor dem Hintergrund der nachkonziliaren Zeit, die auch kirchlich stark von der Agenda der 68er Zeit geprägt war. Und die war davon bestimmt, wie Otterbeck anmerkt, dass „die westliche Zivilisation, etwas mehr als zwanzig Jahre nach dem Kriegsende in Europa, einen heftigen Ausbruch aus den überlieferten Traditionen jedweder ,Autorität‘ unternahm. Das ist das zentrale Stichwort“. Otterbeck zieht faszinierende Querverbindungen zum letzten Konzil und dem von manchen so geschmähten Papst Paul VI.. Guitton ging es im Kern um Kritik der Kritik, für ihn eine klassische Aufgabe der Kirche. Denn, so Otterbeck, „wenn die geistliche Autorität überzeugend daherkommt, dann gilt weiterhin: Die Religion, jedenfalls in ihrem öffentlichen Anspruch, stellt uns immer wieder vor die Machtfrage, da es ihre Macht ist, die Mächte ,diesseits‘ zu relativieren“.

Allerdings: „Modern ist eine Religion nur dann, wenn sie bewusst Machtverzicht üben kann, um glaubwürdig zu dienen.“ Um die Freiburger Rede von Papst Benedikt kommt man halt nicht herum! Otterbeck gelangt, im Lichte der drei von ihm untersuchten Denker, zu einem überraschend positiven Ausblick in die weitere Kirchengeschichte.

Ein Hochgenuss ist die profunde Einführung des Düsseldorfer Historikers Christoph Weber in Leben und Werk des kolumbianischen Denkers und Aphoristikers Nicolás Gómez Dávila, dessen Schriften in Deutschland in den letzten Jahren etwas bekannter geworden sind. Dessen Beschäftigung mit allem, was zum kulturellen, politischen und religiösen Leben gehört, ist wesentlich von den Veränderungen der Nach-Konzilszeit (besonders in der Liturgie) geprägt, die von Gómez kritisiert werden, polemisch, anspielungsreich, aber gekonnt, wie Weber in seiner klugen Auswahl aus den gut 6 000 Aphorismen herausstellt. Manche der Sentenzen des Kolumbianers treffen mitten ins Schwarze, Ähnlichkeiten zu heutigen Zuständen sind natürlich zufällig: „Den Nächsten an die Stelle Gottes zu setzen, war das Ziel des liberalen Protestantismus des vergangenen Jahrhunderts und des post-konziliaren Katholizismus“, lässt er sich vernehmen, und: „Die theologische Erfindungsgabe besteht heutzutage darin, Formen heimlicher Abtrünnigkeit auszutüfteln“. Und deswegen gilt auch: „Die Riten schützen den Glauben, die Predigten unterminieren ihn.“

Man täusche sich aber nicht, Gómez Dávila ist nicht einfach ein Reaktionär, der Vergangenes konservieren oder wiederbeleben will, Papsttum und Kurie, scholastische, aber auch jesuitische Theologie kommen, so Weber, gleichermaßen schlecht bei ihm weg – „Thomisten und Marxisten können ihr Personal untereinander austauschen“ – sein Ansatz- und Kritikpunkt, den er auch für die Theologie als gegeben sieht, ist der Einfluss der antiken Gnosis, von Gómez wohl etwas simpel aufgefasst als Ausdruck eines sich über sich selbst erhebenden Menschentums: „Jedes von einem Rhetor, Intellektuellen, Demagogen oder Techniker inspirierte historische Geschehen lässt zum Schluss das Volk im Blut ertrinken“, aber das „macht nichts“, denn: „Den Liberalen erschüttert die Hinrichtung des Mörders mehr als der Tod des Ermordeten“. Es lohnt sich, an der Hand Christoph Webers den unbotmäßigen südamerikanischen Denker kennenzulernen. So bietet die Festschrift für Gabriel Adriányi eine bunte, gelegentlich pikante Mischung von Beträgen sehr verschiedener Optik und trägt damit dem Charakter des Geehrten, der auch als Koch von hohen Graden hervorgetreten ist, Rechnung.

Scheidgen, Hermann-Josef/Prorok, Sabine/Rönz, Helmut (Hg.): Kirche und Gesellschaft im Wandel der Zeiten – Festschrift für Gabriel Adriányi zum 75. Geburtstag, mit einer Bibliographie des Geehrten von Markus Lingen. Verlag Traugott Bautz, Nordhausen, 2012, 830 Seiten, ISBN 978-3-88309-574-5, EUR 120,-

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