Vom Wein des Glaubens und den Wassern der Vernunft

Die Theologische Sommerakademie in Aigen nahm das Verhältnis von Offenbarung und Tradition, Schrift und Lehramt unter die Lupe. Von Ignaz Steinwender
Foto: KNA | Dass junge Menschen auf dem Weltjugendtag in Madrid das Sakrament der Beichte wiederentdeckten, beschrieb Sankt Pöltens Bischof Klaus Küng.
Foto: KNA | Dass junge Menschen auf dem Weltjugendtag in Madrid das Sakrament der Beichte wiederentdeckten, beschrieb Sankt Pöltens Bischof Klaus Küng.

Aigen (DT) „,Wer euch hört, der hört mich‘: Zum Verhältnis von Offenbarung, Tradition, Heiliger Schrift und Lehramt“, lautete das Thema der diesjährigen, nunmehr 23. Internationalen Theologischen Sommerakademie im oberösterreichischen Aigen im Mühlviertel, die vom 29. bis zum 31. August abgehalten wurde. Im Einleitungsreferat beschäftigte sich der Fundamentaltheologe Professor Joseph Schumacher aus Freiburg mit dem Thema Offenbarung und Glaube. Er unterschied die natürliche und übernatürliche Offenbarung und sprach über den Glauben als lebendige Antwort auf die Offenbarung. Das Wort glauben, lateinisch credere, komme von cor dare, sein Herz geben. Von der Vernunft und vom Willen getragen, gründe der Glaube im Vertrauen, das von der Vernunft verantwortet werde. Die Krise der Autorität, der Subjektivismus, Ideologien und die Anfälligkeit für den Relativismus würden die Bereitschaft zum Glauben lähmen. Die Theologie als Offenbarungs- oder Glaubenswissenschaft, so Schuhmacher, unterscheide sich von jeder anderen Wissenschaft.

Pater Johannes Nebel, der den Nachlass von Professor Leo Scheffczyk verwaltet, erläuterte das Anliegen des nachsynodalen Schreibens „Verbum Domini“ aus dem Jahr 2010 und legte die Gedanken Leo Scheffczyks in seinem 1966 erschienenen Buch „Von der Heilsmacht des Wortes“ dar. Eine lebhafte Diskussion löste der Orientalist und Bibliker Professor Karl Jarosch aus Wien mit seinem Ausführungen über die Schriften des Neuen Testamentes aus. Er merkte an, dass in der Bibelwissenschaft die Regel, dass eine Hypothese von Argumenten lebe, offenbar nicht zutreffe. Wenn eine Hypothese nicht zuträfe, würden neue Hypothesen erfunden, um diese abzustützen. Jarosch kritisierte in diesem Zusammenhang die sogenannte Gemeindetheologie und die Zweiquellentheorie bei der Erklärung der Entstehung des Lukas- und des Matthäusevangeliums. Er legte dar, dass die Evangelien von einzelnen Autoren stammten. Nach Jarosch sei die Fertigstellung des Markusevangeliums auf das Jahr 44, des Lukasevangeliums Ende der 50er Jahre, das Johannesevangelium auf das Jahr 59, die Apostelgeschichte und das Matthäusevangelium auf das Jahr 62 zu datieren. Er vertrat die These, dass die Schriften des Neuen Testamentes, die von der Kirche des Altertums und bis heute als kanonische Schriften verstanden wurden und werden, bereits um 70 bis 80 als Schriften der Apostel und Apostelschüler existiert hatten.

Professor Hans Christian Schmidbaur aus Lugano referierte über das Verhältnis von Schrift, Tradition und Lehramt aus dogmengeschichtlicher Sicht. Er sagte, das wir als Christen nicht nur Schriftbesitzer, sondern vielmehr Kinder des Wortes seien. So wie durch den Engel der Geist über die Jungfrau Maria kam, so sei auch die Kirche Jungfrau Christi, lebendige ancilla Christi. In und mittels der Kirche bleibe die Offenbarung weiter lebendige Gegenwart. Bibelwissenschaft könne nur solche sein, wenn sie alles von Gott her mit innerer Glaubenszustimmung bedenke. Wer dies umkehre und die menschliche Vernunft zum Richter über das Mögliche oder Unmögliche mache, verwandle den Wein des Glaubens in das Wasser der Vernunft. Objekt der Forschung sei die größere Wahrheit, Gott, für den nichts unmöglich sei. Würde man die Schrift wörtlich nehmen, so Schmidbaur, „hätte man Gott schon zu einem Götzen gemacht“.

Eine fundierte Darstellung des Verhältnisses Gewissen und Lehramt präsentierte der Bischofsvikar von St. Pölten und Lehrbeauftragter für Moraltheologie in Heiligenkreuz, Helmut Prader. Dabei berührte er auch die Tugend des Gehorsams als Teil der Gerechtigkeit, die „als jene marianische Hingabe“ zu verstehen sei, durch die sich der Mensch Gottes Gebot in Ehrfurcht, Demut und Liebe unterordne. Im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils schulde der Christ dem authentischen Lehramt den religiösen Gehorsam des Willens und des Verstandes. Das Lehramt, so Bischofsvikar Prader, müsse dem „Volk Gottes auf seiner Wanderung durch die Geschichte“ ein „Wegweiser“ sein, der mit Sicherheit den richtigen Weg angeben müsse. Wer durch brüchiges Gelände gehe, fühle sich nicht bevormundet, wenn ihm jemand den festen Felsen zeige.

Katechesen haben keinen Platz im Religionsunterricht

Über den Verzicht auf Glaubensakt und Glaubensinhalt im heutigen Religionsunterricht referierte der Dogmatiker Peter Christoph Düren aus Augsburg. Er konstatierte eine Krise des Religionsunterrichtes, die sich in der wilden Zeit der 68er Jahre einstellte und beklagte die Eliminierung der Katechese aus dem Religionsunterricht. Düren kritisierte die Religionsbücher sowie die Lehrpläne. Die heute gängige Einstellung, man solle „den Erfolg des Unterrichts nicht an einer nachprüfbaren Glaubenspraxis der Schüler messen“, sei der „Sündenfall“ der modernen Religionspädagogik. Der Auftrag Jesu, „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen!“, werde als Ziel des Religionsunterrichtes aufgegeben. Man wolle „den mündigen jungen Menschen, nicht mehr den gläubigen Schüler“. Düren mahnte eine Reform des Religionsunterrichtes an, die Wiederentdeckung der Katechese, die Verwendung guter Katechismen und Religionsbücher, schlug die Einführung pfarrlicher und überpfarrlicher Katechesen vor und erinnerte an die Aufsichtspflicht der Hirten.

Der Salzburger Kirchenhistoriker Professor Gerhard Winkler stellte fest, dass wir heute am Rande einer neuen Reformation stünden und verwies auf den damals wie heute existierenden Grobianismus in der Kirche. Zu einem Höhepunkt wurde das abschließende Referat des Münchner Pastoraltheologen Professor Andreas Wollbold. Er bezeichnete die Ansicht, dass die Krise der Kirche eine Krise der Bischöfe sei, als nicht ganz zutreffend. Wollbold analysierte, dass die traditionelle Gesellschaft, die auf dem Gehör beruhe, sich leichter tat, den Glauben als Ordnung anzunehmen. In der modernen Gesellschaft, die auf dem Geschrei beruhe, sei die Selbstbestimmung vorrangig. Dies führe bis zur Besitzergreifung der Religion, sodass religiöse Feiern nach den eigenen Bedürfnissen transformiert würden. Dies habe zur Folge, dass der Pfarrer zu gebrauchen sei, dass das Gottesbild modelliert werde und Gott zur Aura des Selbst werde. In dieser Welt der Selbstbestimmung, so Wollbold, sollte man die Relativierer selbst relativieren, neues Vertrauen und Einheit schaffen und die kontinuierliche Katechese fördern.

Die von Schuhmacher formulierte Erkenntnis, dass die Theologie die Annahme des Glaubens voraussetze, fand im Gesamtprogramm der Akademie seinen Niederschlag. Gott, das lebendige Wort, war nicht nur Gegenstand von theologischen Reflexionen, sondern Mittel- und Höhepunkt in der täglichen Eucharistiefeier und Gegenstand einer Anbetung, die von jungen, idealistischen Glaubenszeugen der „Jugend für das Leben“ gestaltet wurde. Bischof Andreas Laun legte in seiner Predigt das Wirken Johannes des Täufers dar und zitierte den verstorbenen Bischof von Fulda, Johannes Dyba, mit den Worten: „Hätte Johannes der Täufer so gehandelt wie die deutschen Bischöfe, wäre er im Bett gestorben.“ St. Pöltens Diözesanbischof Klaus Küng ging in seiner Predigt auf die dramatische Glaubenssituation ein, sprach von der fortgeschrittenen auch innerkirchlichen Säkularisierung, dem Glaubensschwund und der teilweisen Fruchtlosigkeit in der Sakramentenpastoral. Der Priestermangel sei eine Folge dieser Entwicklungen. Gleichzeitig, so Bischof Küng, seien jedoch auch andere Entwicklungen festzustellen, wie sie beim jüngsten Weltjugendtag in Madrid sichtbar wurden. Viele Menschen würden wieder das Sakrament der Beichte entdecken, die Anbetung werde da und dort wieder lebendig und es sei ein vermehrtes Bedürfnis nach Katechese vorhanden. Junge Menschen wollten wieder wissen, was die Kirche lehre.

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