Vom IS verfolgt

Ihre Wurzeln liegen außerhalb des Römischen Reichs, heute steht sie dennoch in Gemeinschaft mit Rom: die chaldäische Kirche – „Tagespost“-Serie über die katholischen Ostkirchen (Teil V). Von Oliver Maksan
Foto: Maksan | Patriarch Louis Raphael I. Sako beim Gottesdienst Ende Juni in der chaldäischen Kathedrale in Erbil anlässlich der Synode der Kirche.
Foto: Maksan | Patriarch Louis Raphael I. Sako beim Gottesdienst Ende Juni in der chaldäischen Kathedrale in Erbil anlässlich der Synode der Kirche.

„Die Gemeinschaft mit Rom ist uns wichtig. Sie bewährt sich gerade in Zeiten der Verfolgung wie diesen“, sagt Erzbischof Amel Nona. Er residierte bis Juni als chaldäischer Erzbischof in Mossul, ehe er und tausende seiner Gläubigen – etwa 12 000 – vor IS fliehen mussten. „Ich habe meine Diözese an IS verloren“, sagt er. „Wir haben alles zurücklassen müssen.“ Heute ist ein guter Teil der größten Kirche des Irak zu Flüchtlingen geworden.

Hervorgegangen ist die chaldäische Kirche aus der Assyrischen Kirche des Ostens. Dabei handelt es sich um eine außerhalb der Grenzen des Römischen Reichs entstandene Kirche im Gebiet des heutigen Irak. Polemisch wurden ihre Anhänger früher als Nestorianer bezeichnet. Damit sollte zum Ausdruck kommen, dass der Christusglaube von dem der Orthodoxie im Reich abwich. Die menschliche und die göttliche Natur Christi waren allenfalls durch ein Liebesband verbunden und nicht, wie das Konzil von Chalzedon später festhielt, in der einen Person Christi. Die Konfessionskunde sagt heute, dass die Assyrer zu Unrecht des Nestorianismus bezichtigt worden sind. Sie hätten nie eine häretische Christologie vertreten. Terminologische Missverständnisse und ein theologischer Entfremdungsprozess hätten dazu geführt. Allerdings haben sich die Assyrer bereits früh aus dem theologischen Konsens mit der Reichskirche verabschiedet: Nur das Nizänum und das erste Konstantinopolitanum wurden mit Verspätung angenommen, nicht aber die folgenden ökumenischen Konzilien. Von vorephesinischer Orthodoxie ist deshalb in Bezug auf die Assyrer auch die Rede, weil sie das Konzil von Ephesos von 431 schon nicht mehr rezipierten.

Es ist deshalb so, dass die Assyrer, von denen sich in den sechziger Jahren die sogenannte Alte Kirche des Ostens abgespalten hat, bis heute mit keiner anderen Kirche in voller Gemeinschaft stehen. Die ökumenischen Beziehungen zur chaldäischen Kirche sind indes gut. 1994 erklärten Papst Johannes Paul II. und Patriarch Mar Dinkha IV. die Einheit im Christusglauben. Auf dieser Grundlage gestattete der Vatikan 2001 dann auch die begrenzte Sakramentengemeinschaft zwischen beiden Kirchen ostsyrischer Tradition für den Fall, dass der Sakramentenempfang in der eigenen Kirche nicht möglich ist.

Dabei waren die Beziehungen nicht immer so gut. Wann genau Teile der assyrischen Kirche in die Gemeinschaft mit Rom eintraten, lässt sich nicht genau datieren. Schon im 13. Jahrhundert standen einzelne Bischöfe der ostsyrischen Kirche in Gemeinschaft mit dem Papst, nachdem Franziskaner und Dominikaner in Kontakt mit ihnen getreten waren. Eine dauerhafte Union kam aber nicht zustande. Das gelang erstmals auf Zypern, als die dort lebenden Assyrer sich dem Römischen Stuhl unterstellten. Im 15. Jahrhundert jedoch zerbrach diese Union. Im Zweistromland selbst gelang im 16. Jahrhundert die Etablierung dauerhafter Kirchengemeinschaft. Innerhalb der ostsyrischen Kirche war Kritik laut geworden an der Praxis, das Patriarchenamt vom Onkel an den Neffen zu vererben. Die Kritiker wählten 1552 deshalb einen Gegenpatriarchen. Papst Paul III. weihte diesen 1553 in Rom zum „Patriarchen der Chaldäer“. Dieser nahm seinen Sitz in der Folge in Diyabakir im Osten der heutigen Türkei, wurde aber schon 1555 von Gegnern der Union ermordet. In der Folge stabilisierte sich die Kirchengemeinschaft mit Rom jedoch und eine Hierarchie etablierte sich, wenn auch mit Unterbrechungen, während denen die Kirchengemeinschaft mit Rom aufgekündigt wurde.

1830 wurde der Patriarchatssitz nach Mossul verlegt, 1950 dann nach Bagdad. Hier residiert der heutige Patriarch der Chaldäer, der im vergangenen Jahr von der Synode gewählte Louis Raphael I. Sako. Er folgte Emanuel III. Delly nach, der von Rom und seiner Synode wegen gesundheitlicher Probleme zur Abdankung gedrängt wurde. Tatsächlich erfordert die heutige Lage im Irak eine Kirchenführung, die über alle ihre Kräfte verfügt. Denn zum einen muss das Leben der chaldäischen Flüchtlinge organisiert werden. Zum anderen ist die chaldäische Kirche längst eine Diasporakirche mit weltweiter Verbreitung geworden, die dem Kirchenoberhaupt eine rege Reisetätigkeit abverlangt.

Mit Patriarch Sako steht ein Reformer an der Spitze seiner Kirche. Besonders die Reform der ostsyrischer Tradition folgenden Liturgie liegt ihm am Herzen. Die aramäische Liturgiesprache wird von den Gläubigen häufig nicht mehr verstanden, weshalb zunehmend das Arabische, aber je nach Land beispielsweise auch das Englische an seine Stelle treten. Besonders in den USA, aber auch in Australien hat sich eine lebendige Diaspora gebildet, die die verfolgte Mutterkirche im Irak nach Kräften unterstützt. Neben den zehn irakischen Diözesen vor allem im Norden des Landes gibt es noch weitere Diözesen im Iran und über den Nahen Osten verteilt. Weltweit sollen etwa 400 000 Gläubige der chaldäischen Kirche angehören.

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