„Verkündigt das Evangelium – wenn nötig, mit Worten“

Was Papst Franziskus künftigen Priestern und Ordensleuten rät – Eine Begegnung mit Seminaristen und Novizen am Samstagabend. Von Guido Horst
Foto: dpa | Nachdenkliches nicht nur für Geistliche: Auch am Sonntag fielen in Rom unkonventionelle Worte im Bergoglio-Stil.
Foto: dpa | Nachdenkliches nicht nur für Geistliche: Auch am Sonntag fielen in Rom unkonventionelle Worte im Bergoglio-Stil.

Rom (DT) Es war die letzte römische Großveranstaltung zum „Jahr des Glaubens“: Am Samstag und Sonntag ist Papst Franziskus mit Seminaristen, Novizinnen und Novizen beziehungsweise jungen Menschen auf dem Weg einer Berufung zusammengetroffen. Der Höhepunkt war ein feierlicher Gottesdienst am Sonntagvormittag im Petersdom. Aber zu einer sehr vertrauten und stimmungsvollen Begegnung kam es schon am Samstagabend in der Audienzhalle des Vatikans. Bis auf den letzten Platz war die zehntausend Menschen fassende Halle gefüllt, der Papst sprach zu den jungen Leuten, die aus Italien und aus der ganzen Welt zu dem insgesamt viertägigen Treffen nach Rom gekommen waren. Franziskus hatte ein Manuskript, wich aber oft davon ab. Wie auch bei Benedikt XVI. sind die frei gesprochenen Worte der Päpste oft die lebendigsten und eindringlichsten. Auch Papst Franziskus prägte an diesem Abend zahlreiche „Bonmots“, aus denen sich die Medien reichlich bedienen konnten – was sie dann auch taten. Radio Vatikan hat einige der Ratschläge des Papstes an die jungen Leute zusammengestellt. So etwa die Stelle, an der Franziskus vor der „Kultur des Provisorischen“ warnte:

„Ich habe einen wirklich guten Seminaristen sagen hören, er wolle Christus dienen, aber nur für zehn Jahre, und dann wolle er schauen… Das ist gefährlich! Hört alle gut zu: Auch wir Älteren stehen unter dem Druck dieser Kultur des Provisorischen: Und das ist gefährlich, denn man lebt sein Leben nur einmal. Ich heirate, solange die Liebe hält; ich werde Schwester für eine gewisse Zeit und dann schau ich mal; ich werde Seminarist, um Priester zu werden, aber ich kann nicht sagen, wie die Sache ausgehen wird. Das geht so nicht mit Jesus! Das ist kein Vorwurf an euch; ich werfe das dieser ,Kultur des Provisorischen‘ vor, die uns allen übel mitspielt, denn sie tut uns nicht gut.“

Lieber Golf als Mercedes

Den zukünftigen Priestern und Ordensleute legte Franziskus Bescheidenheit nahe: „Einige sagen vielleicht, die Freude entspringe dem, was man hat. So kommt es, dass wir das neueste Smartphone-Modell brauchen, den schnellsten Motorroller, das schicke Auto… Aber ich sage euch, ganz ehrlich: Mir tut es weh, wenn ich einen Priester oder eine Schwester mit dem neuesten Automodell sehe: Das geht doch nicht! Das geht nicht! Ich denke, wir brauchen Autos für die Arbeit, wenn wir unterwegs sind… Aber nehmt bitte ein bescheideneres Modell, ja?“

Wieder griff Franziskus den Gedanken auf, dass Christen nicht mit einem Gesicht wie saure Gurken herumlaufen sollten: „Wenn Du einen Seminaristen, einen Priester, eine Schwester, einen Novizen mit einem langen Gesicht siehst, traurig, als ob jemand eine pitschnasse Decke auf sie geworfen hätte, eine von den richtig schweren… Das zieht dich doch selber mit runter… Da stimmt doch was nicht! Ich bitte euch: Niemals Schwestern und Priestern mit einem Gesicht wie in Essig eingelegte Peperoni, niemals!“

Im Zusammenhang mit dem Mangel an Freude sprach der Papst auch den Zölibat an: „Aber woher kommt dieser Mangel an Freude? Es ist ein Zölibatsproblem: Ich erklär euch das jetzt einmal: Ihr Seminaristen und Ordensfrauen weiht eure Liebe Jesus, eine große Liebe. Euer Herz gehört Jesus, und das bringt uns dazu, das Gelübde der Keuschheit abzulegen oder den Zölibat zu versprechen. Aber das Gelübde der Keuschheit oder das Zölibatsversprechen hören nicht in dem Augenblick auf, in dem man es ablegt, sondern es geht weiter. Es ist ein Weg, auf dem man immer weiter reift in Richtung auf eine pastorale Vaterschaft und Mutterschaft hin. Und wenn ein Priester nicht der Vater seiner Gemeinde ist, und eine Schwester nicht die Mutter der Menschen ist, mit denen sie zusammenarbeitet, dann werden sie traurig. Das ist das Problem. Deswegen sage ich euch: Die Wurzel der Traurigkeit im pastoralen Leben ist eben genau der Mangel an geistlicher Vater- und Mutterschaft. Wenn man seine geistliche Berufung schlecht lebt, die eigentlich fruchtbar sein soll, dann ist das nicht katholisch! Das ist nicht katholisch! Das ist die Schönheit unserer Ordens- und Priesterberufung: die Freude, die Freude.“

„Ich möchte eine Kirche, die missionarischer ist, keine leise Kirche“, sagte Franziskus an einer anderen Stelle seiner Ansprache. Er wolle eine Kirche, die vorangehe, die aus sich heraustrete hin zur Transzendenz Jesu im Gebet, hin zur Transzendenz im Anderen durch das Apostolat, in der Arbeit. „Schenkt euren Beitrag zu einer solchen Kirche: Treu zum Weg, den Jesus will. Lernt nicht von uns, von uns, die wir nicht mehr die Allerjüngsten sind; lernt nicht von uns den Sport, den wir Alten oft praktizieren: den Sport des Jammerns! Lernt von uns nicht den Kult des Lamentierens! Sondern seid positiv, pflegt das geistliche Leben und brecht zugleich auf und seid fähig, den Menschen zu begegnen, besonders denjenigen, die verachtet und benachteiligt sind. Habt keine Angst, hinauszugehen und gegen den Strom zu schwimmen.“

Immer wieder fesselte Papst Franziskus die Aufmerksamkeit seiner jungen Zuhörer mit einem Scherz oder einer humorvollen Bemerkung. An einem gewissen Punkt fragte er Erzbischof Rino Fisichella, dessen Rat für Neuevangelisierung das Treffen vorbereitet hatte, wie viel Zeit denn noch bleibe. „Wenn sie weiter so sprechen, bis morgen… Absolut!“, antwortete der Erzbischof, worauf Franziskus meinte: „Er sagt bis morgen. Dann sollen sie euch allen wenigstens ein Brötchen und Coca Cola bringen, wenn das bis morgen geht.“

Aber Papst Franziskus wurde auch ernst, als er etwa davon sprach, keine Angst vor den eigenen Fehlern zu haben. Der Herr kenne die Grenzen eines jeden. „Unsere Fehler, unsere Grenzen – und ich setze noch eins drauf – unsere Sünden. Ich möchte eine Sache wissen: Ist hier im Saal einer, der kein Sünder ist, der keine Sünden hat? Die Hand heben bitte! Hand hoch! … Niemand? Niemand! Am Ende sind wir’s alle. Ich möchte euch eines raten: Seid ehrlich und transparent gegenüber eurem Beichtvater. Immer. Sagt alles, habt keine Angst. Suchen wir immer diese Transparenz vor Jesus in der Beichte. Das ist eine Gnade. Und wenn ich wieder sündige? Dann eben noch einmal. Ich sage das aus Erfahrung. Ich habe viele Ordensleute erlebt, die in die Falle einer mangelnden Transparenz geraten sind. Stattdessen gilt: Inmitten der eigenen Sünde entspringt übergroße Gnade! Öffnet dieser Gnade das Tor durch eben diese Transparenz!“

Ihr sollt nicht über einander lästern

Transparenz, aber auch Konsequenz legte der Papst seinen Zuhörern ans Herz: „Das ist ein anderes Wort, das ich sagen möchte: Glaubwürdigkeit. Jesus geißelte oft die Heuchler, die mit Hintergedanken, die – um es offen zu sagen – zwei Gesichter haben. Von Glaubwürdigkeit zu jungen Menschen zu sprechen, kostet nichts, denn die jungen Menschen – alle! – wollen authentisch sein und konsequent. Und es widert euch an, wenn ihr mitbekommt, dass wir Priester oder Schwestern nicht konsequent sind. Ich erinnere da immer an das, was Franz von Assisi sagte: ,Verkündigt immer das Evangelium. Und wenn nötig mit Worten.‘ Was bedeutet das? In unserer Welt, in der materieller Reichtum so viel Übel anrichtet, müssen wir Priester und Ordensleute unsere Armut konsequent leben.“

„Zu einer guten geistlichen Ausbildung“, meinte der Papst weiter, „gehören vier Säulen: Die geistliche, die intellektuelle, die apostolische und die gemeinschaftliche Dimension. Vier! Und für den letzten Aspekt ist es notwendig, dass diese Ausbildung im Noviziat stattfindet und im Gemeinschaftsleben. Ich denke immer: Das schlimmste Seminar ist immer noch besser als gar keins! Warum? Weil dieses Gemeinschaftsleben wichtig ist! Und hier kommen wir zu einem anderen Problem: Ich habe oft Gemeinschaften getroffen, Seminaristen, Ordensleute oder auch im Weltklerus, wo das am weitesten verbreitete ,Stoßgebet‘ die Lästereien sind! Das ist furchtbar! Sie ziehen einander die Haut ab! So ist unsere klerikale Welt und unter den Ordensleuten… Aber entschuldigt bitte, das gibt’s überall: Neid, Eifersucht, üble Nachrede. Nicht nur das Lästern über die Oberen; das ist noch der Klassiker! Ich will nur sagen: Auch mir ist das passiert, wie oft habe ich das getan, sehr oft, und ich schäme mich dafür! Wenn ich ein Problem mit einem Mitbruder oder einer Mitschwester habe, dann muss ich es demjenigen ins Gesicht sagen oder dem, der helfen kann, aber nicht irgend jemandem, um auf dem anderen Schmutz aufzuhäufen.“

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