„Vergib uns unsere Schuld“

Die katholischen Bischöfe im deutschsprachigen Raum rufen zu Pfingsten zur Erneuerung der Kirche auf

Berlin (DT/KNA) Die katholischen deutschen Bischöfe haben am Pfingstfest zur Erneuerung der Kirche aufgerufen. Dabei sprachen viele von ihnen am Sonntag die Missbrauchsfälle an. Die Kirche habe an Glaubwürdigkeit verloren. Umso mehr sei neuer Aufbruch notwendig. Weitere Appelle galten dem Lebensschutz und sozialer Gerechtigkeit. Unter Verweis auf die Botschaft des Pfingstfests ermunterten Bischöfe die Gläubigen auch zu mehr missionarischem Engagement.

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner rief zur Erneuerung der Kirche auf. „Sie ist in der Tat – wie wir traurig in den letzten Wochen erkennen mussten – keine Elite des Menschengeschlechts“, sagte der Erzbischof am Sonntag im Kölner Dom. „Doch auf diese menschliche, vielleicht allzu menschliche Glaubensgemeinschaft ist der Heilige Geist aus.“ Der Geist Christi wolle die Kirche prägen und von innen her gestalten. Der Kardinal beklagte auch eine gestörte und bedrohte Umwelt. „Es ist Zeit, dass wir Christen die Schicksals- und Hoffnungsgemeinschaft mit allen Bewohnern unserer geplagten Erde einsehen und praktisch bezeugen“, so der Erzbischof. Der Heilige Geist öffne die Augen für die Sehnsucht der Schöpfung und für ihre Gefährdung durch menschlichen Missbrauch. Es komme nicht darauf an, noch größere Leistungen zu vollbringen und noch mehr zu produzieren, „sondern das Leben der Welt zu hegen und zu pflegen“. Meisner appellierte auch zu mehr Anstrengungen beim Lebensschutz. „Mehr Särge als Wiegen sind ein Zeichen einer geistverlassenen Welt“, betonte der Erzbischof. Zudem dränge der Geist Gottes dazu, das Leben aller Menschen zu bewahren, auch das der Alten und Kranken. Weiter mahnte Meisner zur Überwindung von Klassen- und Rassengrenzen und Vorurteilen. Jede Diskriminierung sei Sünde gegen den Heiligen Geist, „da sie nicht zusammenwachsen lässt, was zusammengehört.“

Der Münchner Alt-Erzbischof, Kardinal Friedrich Wetter, wandte sich betont an alle christlichen Konfessionen mit dem Appell, die Kirche zu erneuern. „Die Geschichte lehrt uns: Erneuerungen der Kirche haben stets von innen begonnen, mit der Umkehr der Herzen“, sagte Wetter am Sonntag in seiner Predigt im Liebfrauendom der bayerischen Landeshauptstadt. Anlass des Festgottesdienstes, den der 82-Jährige unter anderen gemeinsam mit dem Münchner Erzbischof Reinhard Marx und drei Weihbischöfen feierte, war der 25. Jahrestag von Wetters Ernennung zum Kardinal. Wetter war am 25. Mai 1985 von Johannes Paul II. ins Kardinalskollegium der katholischen Kirche aufgenommen worden. Der Heilige Geist wirke auch heute in vielfältiger Weise, erinnerte der Kardinal. Gott wohne durch ihn in der Kirche und in jedem Christen. Auch auf die Missbrauchsfälle ging Wetter ein. Es gehöre zum katholischen Glauben, dass die Kirche heilig sei. In letzter Zeit seien jedoch Vorgänge offenkundig geworden, die mit Heiligkeit nichts zu tun hätten, sondern mit Versagen und Sünde. „Die Kirche ist nicht heilig durch uns, sondern durch die Gegenwart des Heiligen Geistes in ihr.“ Deshalb gelte es jeden Tag zu beten: „Vergib uns unsere Schuld!“ Jesus fordere dazu auf, die Zeichen der Zeit zu erkennen und den Willen Gottes zu entdecken, betonte der Kardinal. Die Vorgänge der vergangenen Wochen und Monate zeigten, dass sich die Kirche erneuern und ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen müsse: „Die Kirche muss sich erneuern, das heißt, wir müssen uns erneuern.“

Der Mainzer Kardinal Karl Lehmann warnte die Kirche vor einem Rückzug in Nischen. Es gehe immer um die missionarische Sendung hinaus in die Welt, sagte er am Pfingstsonntag im Mainzer Dom. Zwar sei Kirche immer eine unverbrüchliche Gemeinschaft von Menschen. „Aber sie verschließt sich nicht in sich selbst. Sie verkapselt sich nicht in ihre eigenen Nischen.“ Lehmann erinnerte angesichts der Pfingstbotschaft an die Bedeutung des Geistes Gottes für die Kirche. Kirche sei „Geschöpf des Geistes, nicht zuerst unsere Veranstaltung allein“. Deshalb sei es „verräterisch, wenn wir von Kirche sprechen, man aber im Endeffekt nur Funktionen, Strukturen und Organisationselemente im Blick hat“. Weiter warnte der Kardinal vor einer Reduzierung des Pfingstereignisses auf das im biblischen Bericht geschilderte Sprachenwunder. Der Kern der Pfingstbotschaft sei, dass das Evangelium Jesu in allen Sprachen verstehbar sei. Deshalb sei das Sprachenwunder nicht ein zu bestaunendes Mirakel, als das es heute gelegentlich in den sogenannten Pfingstkirchen und charismatischen Gemeinschaften gelte. Es stehe dafür, dass die Sprachenvielfalt eben kein Hindernis für die Botschaft Jesu zu allen Menschen sei.

Der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann hat am Pfingstfest gemahnt, ein Europa der Zukunft nicht nur als Wirtschafts- und Währungsunion zu begreifen. Europa müsse auch eine Wertegemeinschaft sein. Die Überwindung der Spaltung Europas habe für Millionen von Menschen neue Horizonte und Möglichkeiten eröffnet. Doch liege Vieles noch im Argen und bedürfe der zupackenden Mithilfe, sagte er mit Blick auf die Pfingstaktion Renovabis. Das Pfingstfest ist nach den Worten des Bischofs gleichsam das Gründungsfest der Kirche. Der Heilige Geist bleibe aber für viele Menschen das unbekannte Wesen. Die Wirkung des Heiligen Geistes sei, dass aus entmutigten Männern glühende Verkünder der Frohbotschaft wurden. „Die Apostel gingen aus verschlossenen Räumen auf die Straßen und Plätze und verkündeten das ungeheuerliche der Frohen Botschaft.“

Der Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller nannte Pfingsten die Geburtsstunde der Kirche. In dieser dürften die Menschen Gemeinschaft erfahren. Sie seien aber keine Zählkandidaten zur Aufbesserung einer Statistik, damit in der Öffentlichkeit mit großen Zahlen aufgetrumpft werden könne. Gott habe den Menschen als Gemeinschaftswesen erschaffen, unterstrich der Bischof. Deshalb werde er auch die Schäden im Gemeinschaftsleben überwinden und die Gemeinschaft der Gläubigen in Christus zu einem Mittel der Erlösung machen.

In Eichstätt sagte Bischof Gregor Maria Hanke, Kirche sei zuerst Begegnung mit dem Auferstandenen. Dieser Glaube sei nicht privat zu sehen, sondern gehöre der großen Welt. Pfingsten mache deshalb deutlich, Gottes Geist reiße die Fenster der Kirche zur Welt hin auf.

In Bamberg mahnte Erzbischof Ludwig Schick, das weit verbreitete Reden über Krisen nicht rein negativ zu sehen. Krise bedeute nicht Ende, sondern Neubeginn. Zudem appellierte er an die Gläubigen, sich nicht von den Missbrauchsskandalen und Schwierigkeiten entmutigen zu lassen. Kirche müsse sich erneuern und aktiv bleiben. Deshalb gelte: „Tretet nicht aus, sondern auf.“ Jeder Einzelne sollte sich nach Ansicht Schicks kirchlich engagieren. Möglich sei dies im Sozialen, im Gottesdienst, in kirchlichen Gremien und Verbänden oder zugunsten weltweit tätiger Hilfswerke. Trotz aller Nöte gelte es, auch die vielen guten Errungenschaften zum Wohl der Menschen in der Kirche zu sehen. Außerdem rief der Erzbischof zur Bewahrung der Schöpfung auf. Alle könnten dafür etwas tun. An die Politiker appellierte er, offen zu sein für mehr Investitionen in strukturschwache, aber landwirtschaftsreiche Regionen. Weiter forderte Schick erneuerbare Energien zu fördern, anstatt die Laufzeiten von Atomkraftwerken zu verlängern.

Die Zukunft der Kirche hängt nach den Worten des Passauer Bischofs Wilhelm Schraml vom Geist Gottes ab. Er gebe die Kraft „zu echter innerer Erneuerung“, sagte Schraml am Sonntag in seiner Pfingstpredigt. Das Pontifikalamt aus dem Passauer Stephansdom wurde vom Bayerischen Fernsehen live übertragen. Gottes Geist ermögliche Versöhnung und Verständigung, betonte der Bischof. Er führe zu innerer Umkehr. Schraml sprach von einer „tiefgreifenden Erschütterung im Innengefüge der Welt und der Kirche“. Deshalb gelte es, den Glauben durch alle Verwirrung und Dunkelheit hindurchzutragen und zu neuem Leben zu führen. Dabei sei „unser authentisch gelebtes christliches Zeugnis“ nötig. Beim Gottesdienst wurde auch die Bitte um geistliche Berufungen ausgesprochen. Am Pfingstmontag endet im Bistum Passau das 720-Stunden-Gebet. Seit 25. April beten etwa 5 000 Gläubige rund um die Uhr um geistliche Berufungen und Nachwuchs für kirchliche Berufe.

In Augsburg unterstrich Weihbischof Anton Losinger, der Glaube an Jesus Christus fordere ein Bekenntnis von Mut und Entschlossenheit. Dies sei besonders in einer Zeit wie heute wichtig, in der atheistische Bewegungen zum Teil militante Züge aufwiesen.

Angesichts des Missbrauchskandals rief der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck an Pfingsten zu einem Neuanfang in der Kirche auf. „Als Kirche müssen wir neu zu Jesus zurückkehren“, sagte der Bischof am Sonntag im Essener Dom. An Pfingsten seien die Christen eingeladen, Jesus neu „als die Form unseres Lebens“ zu entdecken. Overbeck unterstrich die Bedeutsamkeit der Kirche als Institution. So sehr der Glaube den Einzelnen meine, so sehr brauche er den Raum der Kirche. Notwendig sei eine Gestimmtheit, damit Institutionen getragen und in ihrer Sinnhaftigkeit erkannt würden. Zugleich räumte der Bischof ein, dass die Träger von Institutionen „immer begrenzte und sündhafte Menschen“ blieben. Es gelte, wachsam zu bleiben für die, die ihre Macht missbrauchten und ihre Verantwortung nicht recht ausübten. Nach den Worten Overbecks muss die Kirche die Menschenwürde in die Mitte der Verkündigung stellen. Dies gelte besonders angesichts zunehmender wirtschaftlicher Herausforderungen, medizinischer Entwicklungen und zu erwartender politischer Schwierigkeiten. Aus der Menschenwürde heraus erhielten auch die Verkündigung von Sitte und Moral und der Vorrang von Ehe und Familie ihren tiefen Sinn.

Der Paderborner Erzbischof Hans-Josef Becker rief dazu auf, sich der Opfer sexuellen Missbrauchs anzunehmen. Zugleich bekundete er im Pfingstgottesdienst am Sonntag im Paderborner Dom Ratlosigkeit über die kirchlichen Entwicklungen in den vergangenen Wochen und Monaten. Es sei offen, wie es mit Kirche weitergehe und welche Lehren aus der Missbrauchsdebatte zu ziehen seien. Die Kirche muss nach den Worten Beckers deutlich machen, „wo es im Getriebe der Welt und im Alltag der Kirche Verwundungen und Verletzungen gibt“. Er verwies auf das Beispiel des auferstandenen Jesus, der seinen Jüngern die Wunden des Karfreitags gezeigt und damit nichts von dem übergangen habe, was an Schmerzlichem geschehen sei. Für Christen könne dies ein Beispiel sein, wie die Kirche sich nach innen und in der Öffentlichkeit verhalten solle. Weiter appellierte der Erzbischof an die Christen, ihre Meinungsverschiedenheiten zwar klar und deutlich, aber in einer friedlichen Weise auszutragen. Der Pfingstgeist erinnere an die Pflicht, Brücken der Verständigung und des Friedens zu schlagen.

Der Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen plädierte gleichfalls für einen Neuanfang. Im Dom zu Fulda sprach er von einer „großen Krise der Kirche“. Unter Hinweis darauf, dass Pfingsten das Fest des Heiligen Geistes sei, sagte Algermissen, nicht blinde, atemlose Hektik für das Reich Gottes sei angesagt, „sondern die leeren Hände als Zeichen unserer Armut und Ausweglosigkeit öffnen für den Geist, uns von ihm durchdringen lassen wie vom Lebensatem“. Das sei der erste Schritt, „wenn es im Geiste Jesu weitergehen soll“. Ausdrücklich hob der Bischof hervor, weil es nur einen Geist gebe, müsse es unter denen, die sich zu Christus bekennen würden, eine Grundsolidarität geben. Sie liege weit vor allen persönlichen Vorlieben, kirchlichen Strömungen und theologischen Richtungen.

Der Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst unterstrich in seiner Pfingstpredigt, die Kirche brauche Umkehr und Erneuerung. An Pfingsten schenke Gott ihr dazu den nötigen Geist. Der Bischof von Limburg forderte trotz aller Kritik an der Kirche den Blick auf ihren göttlichen Ursprung. „In der Kurzatmigkeit der Konflikte fehlt das Bewusstsein um die Bedeutung der Kirche. Wo sie nach menschlichen Maßstäben beurteilt und manchmal verurteilt wird, ist zu wenig im Blick, dass sie göttlichen Ursprungs ist“, sagte Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst. Die Kirche sei zu allen Zeiten Kirche der Sünder und der Heiligen sowie zugleich das Sakrament der Versöhnung. Sie habe den Atem, der aufleben lasse und Verrat in Vergebung verwandeln könne. „Läuterung braucht die Luft der Liebe, damit ein Leben in Leidenschaft gedeihen kann. Diesen Odem schenkt Gott seiner Kirche am Pfingstfest“, so Bischof Tebartz-van Elst.

Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann wandte sich gegen Tendenzen der Resignation in Kirche und Gesellschaft. Der Geist Gottes solle den „Mief“ aus der Kirche treiben.

Der Freiburger Weihbischof Rainer Klug warnte bei einer Erneuerung der Kirche vor „deutscher Kleingeisterei“. Die Bibel verbiete jede Sektiererei. „Manchmal kann in Deutschland der Eindruck entstehen, wir hätten das vergessen“, meinte er. „Wenn wir uns von unseren Wurzeln abschneiden“, lasse sich die Glaubwürdigkeit der Kirche nicht wiedergewinnen. Klug leitete den Gottesdienst im Freiburger Münster, da Erzbischof Robert Zollitsch, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, in Kur ist.

Die Bibel, so der Rottenburger Weihbischof Johannes Kreidler, spreche aber auch vom Geist der Wahrheit. Das könne tröstlich und schmerzlich zugleich sein. Eine Kirche, die sich im Besitz der vollen Wahrheit fühle, müsse sich in vielerlei Hinsicht sagen lassen, dass nur Gottes Geist in die ganze Wahrheit einführe. Kreidler wörtlich: „Wir brauchen diesen Geist der Wahrheit, der Freiheit schafft. Wo wir vergessen haben, was Jesus uns sagt und wer er für uns ist, da müssen wir uns vom Geist der Wahrheit erinnern lassen. Und wo wir vor dem Weiterführen in die ganze Wahrheit stehenbleiben wollen, da müssen wir geradezu um diesen Geist der Wahrheit bitten.“

Der Aachener Bischof Heinrich Mussinghoff rief zur Reinigung und Erneuerung der Kirche auf. Er bekundete im Gottesdienst am Pfingstsonntag im Aachener Dom die Hoffnung, dass das gegenwärtige Leiden der Kirche wegen der Missbrauchsfälle „die Voraussetzung für eine demnächstige neue Blüte“ sei. Die Christen müssten „in aktiver Geduld“ nun auf Gottes Geist warten können. Nach den Worten des Bischofs scheint der Geist Gottes in der Welt derzeit schwach zu sein. „Aber immer noch ist Glut unter der Asche“, sagte Mussinghoff. „Immer herrscht irgendwo Karfreitagsstimmung, wie wir es Anfang dieses Jahres bei der Aufdeckung der Fälle sexuellen Missbrauchs durch Priester schmerzlich erfahren mussten. Zugleich gibt es anderswo Osterfreude und wieder anderswo pfingstliche Begeisterung, wie wir sie bei Weltjugendtagen oder bei Treffen zu Friedensgebeten und Friedensgesprächen erfahren.“

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