Unter dem liebenden Blick der Gottesmutter von Guadalupe

Zu Gast bei dem Volk, „das mir so am Herzen liegt“ – Die fünf Besuche Johannes Pauls II. in Mexiko. Von Guido Horst
Papst Johannes Paul II. in Mexiko 1979
Foto: (UPI) | Der polnische Papst während seines ersten Mexiko-Besuchs 1979 in Oaxaca.Foto: dpa
Papst Johannes Paul II. in Mexiko 1979
Foto: (UPI) | Der polnische Papst während seines ersten Mexiko-Besuchs 1979 in Oaxaca.Foto: dpa

Es war das erste Reisejahr von Johannes Paul II.: 1979. Er besuchte im Juni sein Heimatland Polen und flog im September nach Irland, war aber bereits im Januar, nur drei Monate nach seiner Wahl, in Richtung Lateinamerika aufgebrochen. Die Dominikanische Republik, Mexiko und die Bahamas standen auf dem Programm – es war wohl diese Visite, mit der der große Pole auf dem Petrusstuhl seine „Berufung“ als erster „Reisepapst“ der Kirchengeschichte gefunden hat. Bereits Paul VI. hatte mehrfach das Flugzeug bestiegen und sorgfältig ausgesuchte Pilger- und Pastoralbesuche unternommen: das Heilige Land, Die Vereinten Nationen in New York, Indien, Uganda oder Ortskirchen in Ozeanien und Australien. Aber für Papst Wojtyla wurden diese teilweise sehr langen Erkundungen der Weltkirche zu einem der auffälligsten Kennzeichen seines Pontifikats. Mit starken Gesten: So das Niederknien und Küssen des Bodens sofort nach der Landung in einem neuen Gastland.

Puebla und die besondere Vorliebe für die Armen

Insgesamt 104 Mal ist der Heilige zu Auslandsvisiten aufgebrochen – und Mexiko steht als erstes größeres Land ganz vorne in der Reihe. Am Freitag, den 26. Januar 1979, feierte er die erste Messe mit Gläubigen in der Hauptstadt des Landes. Der Papst sprach direkt in seiner ersten Predigt drei Dinge an, die für ihn bezeichnend waren: Maria, die Mutter Gottes. Direkt nach der Begrüßung verwies er auf die Jungfrau von Guadalupe. Sodann die Vertiefung des Wissens über die Kirche und vor allem der Texte des Zweiten Vatikanums. Ausdrücklich empfahl er etwa die Lektüre von „Lumen gentium“, dem Konzilsdokument über die Kirche. Und schließlich die innere Kohärenz, die Übereinstimmung der Zugehörigkeit zur Kirche mit der eigenen Lebensführung.

Bereits am nächsten Tag war Johannes Paul II. im Marienheiligtum von Guadalupe und sprach dort zu Priestern und Ordensleuten. Geeint durch die Liebe Christi und zu den Menschen, unter dem mütterlichen Blick Mariens, so sollten die Diener des Herrn das Evangelium verkünden. Erste Anspielungen auf das Politische blitzten auf: Nur im Licht des Evangeliums sei die Vorliebe für die Armen und für die Opfer des menschlichen Egoismus zu interpretieren, „ohne sozio-politischen Radikalismen nachzugeben, die sich auf Dauer als inopportun und kontraproduktiv erweisen“.

Dann der Auftritt vor der dritten Generalkonferenz des Lateinamerikanischen Episkopats, des CELAM, in Puebla. Sie war der eigentliche Anlass der Lateinamerikareise. Es war die Hochzeit der Befreiungstheologie – und Puebla sollte Klarheit bringen. Der spätere Kurienkardinal Alfonso López Trujillo war damals Generalsekretär des CELAM und erinnerte sich noch 25 Jahre später in einem Interview mit „Trenta Giorni“ sehr gut an die Spannungen von damals. Es ging um die kirchlichen Basisgemeinschaften und die besondere Option für die Armen: „Puebla hat jene Basisgemeinschaften letzten Endes als wertvoll eingestuft, die evangelisierenden Charakter haben und in Gemeinschaft mit den Bischöfen stehen. Man erkannte aber auch,“ so López Trujillo weiter, „dass es notwendig war, politische Manipulation dabei zu vermeiden und vielmehr ihre Kirchlichkeit zu bewahren, da einige die Basisgemeinschaften als von der ,Basis‘ der Volkskirche gebildet interpretierten. Was nun die Befreiungstheologie angeht, muss daran erinnert werden, dass nicht wenige in Lateinamerika den Gewalt bringenden Weg der Guerilla gewählt hatten, darunter auch Priester, Ordensleute, die zwar aus Großzügigkeit gehandelt hatten, sich aber vom marxistischen Mythos hatten einlullen lassen, der keineswegs dabei half, mit der Armut ,aufzuräumen‘, sondern sich letzten Endes als Seifenblase erwies. Puebla dagegen leitete die weltweite Wiedergeburt der Soziallehre ein, mit ihrem Eintreten für die Menschenwürde, die Armen und die unterdrückten, ausgebeuteten, von der weltlichen Ungerechtigkeit verwundeten Völker.“ In Puebla, meinte der Kardinal weiter, „wurde also die besondere Option für die Armen verteidigt, die zwar eine Vorzugsoption ist, aber keinen reduzierenden, exklusiven oder ausschließenden Charakter hat. Und das gefiel den Befreiungstheologen ganz und gar nicht.“

Das aber gefiel wiederum Johannes Paul II. sehr gut, der vor den Delegierten des CELAM nicht nur eine Ansprache, sondern ein langes, in vier Kapitel und zahlreiche Untertitel gegliedertes Grundsatzreferat vortrug, das die Hirten als „Lehrer der Wahrheit“, „die Zeichen der Einheit“ und deren Aufbau sowie die Verteidigung und Förderung der Würde der Menschen behandelte. In einem vierten und abschließenden Kapitel legte der Papst den Bischöfen einige vordringliche Aufgaben vor, unter anderem die Familie, die Förderung der geistlichen Berufungen und die Begleitung der Jugend als der Hoffnung und Zukunft der Kirche.

In Cuilapan im mexikanischen Bundesstaat Oaxaca traf Johannes Paul II. mit Ureinwohnern zusammen, mit Mixteken und Zapoteken aus Oaxaca, dem Chiapas und anderen Landesteilen. Zu ihnen sprach er, wie auch heute Franziskus zu den Armen und Indios Lateinamerikas spricht: über Unterdrückung, Ausbeutung, die Landflucht und den wachsenden Individualismus, über die Bedeutung der Familie, die Kirche als Mutter, die Pflege der menschlichen Würde, den Frieden und die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Volksgruppen. Die erste Reise des polnischen Papstes nach Mexiko sollte nur der Anfang von weiteren Besuchen sein, aber sie fasste bereits das ganze Themenspektrum Johannes Pauls II. für dieses Land zusammen.

Dann die weiteren Besuchsetappen: 1990 stattet der polnische Papst vom 6. bis 13. Mai Mexiko seinen zweiten Besuch ab. Wieder ist er sofort im Heiligtum von Guadalupe, es gilt, neben drei jungen Märtyrern und einem Priester und Ordensgründer den Indio Juan Diego seligzusprechen, einen Witwer, dem im Dezember 1531 nördlich von Tenochtitlan, der heutigen Hauptstadt Mexico-City, die „Morenita“, die dunkelhäutige Mutter Gottes erschienen war – die Geburtsstunde der Wallfahrt nach Guadalupe, dem größten Wallfahrtsort der Welt, den Papst Franziskus am 13. Februar besuchen wird. Dann folgten Tage der ununterbrochenen Begegnungen mit der Jugend, mit den Vertretern der nicht-christlichen Konfessionen, Arbeitern, Priestern, Ordensleuten, den Bischöfen und Vertretern der Welt der Kultur.

1993 der dritte Besuch. Er war kurz, sozusagen eine Zwischenstation auf der Reise von Jamaika zum Weltjugendtag in Denver. Aber Johannes Paul II. setzte einen besonderen Akzent: Adressaten einer Ansprache im Heiligtum „Unserer Lieben Frau von Izamal“ und Teilnehmer an einem Gottesdienst in Mérida waren vor allem Indios, das offizielle Programm sprach von der „indigenen Bevölkerung Mexikos“.

Zu Füßen der Mestizin, des „Sterns der Neuen Welt“

1999 begann ein weiterer zweitägiger Besuch wieder in Guadalupe. Der „Mestizen-Jungfrau, Unserer Lieben Frau von Tepeyac, Stern der Neuen Welt“, legte er das Apostolische Schreiben „Ecclesia in America“ zu Füßen, das ein Jahr nach der Sondersynode zu Amerika erschienen war. Johannes Paul nannte die Madonna von Guadalupe die „Mutter und Königin dieses Kontinents“ und die Zukunft der Evangelisierung Amerikas.

Zum fünften und letzten Mal besuchte der schon von Krankheit und Alter stark gezeichnete Papst das Land im Jahr 2002. Wieder drehte es sich um Guadalupe. In der Basilika des Wallfahrtsorts sprach er am 31. Juli den seligen Juan Diego heilig. Am Tag darauf folgte die Seligsprechung zweier Märtyrer. „Liebe Brüder und Schwestern aller ethnischen Gruppen Mexikos und Amerikas“, sagte er bei der Heiligsprechungsfeier und legte fast eine Liebeserklärung an Mexiko ab: „Wenn ich heute die Gestalt des Indio Juan Diego ehre, möchte ich dadurch die Nähe der Kirche und des Papstes zu euch allen zum Ausdruck bringen. Ich umarme euch in herzlicher Zuneigung und fordere euch auf, die schwierigen gegenwärtigen Umstände hoffnungsvoll zu überwinden. In diesem entscheidenden Abschnitt der Geschichte Mexikos, nun da die Schwelle zum neuen Jahrtausend bereits überschritten ist, vertraue ich der mächtigen Fürsprache des heiligen Juan Diego die Freuden und Hoffnungen, die Ängste und Sorgen des geschätzten mexikanischen Volkes an, das mir so am Herzen liegt.“

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