„Unsere Kirchen sind voll“

Für den armenisch katholischen Erzbischof Boutros Maravati steht fest, dass der Glaube der Christen in den Kriegsjahren stärker geworden ist. Von Jean-Marie Dumont
Erzbischof Boutros Marayati

Exzellenz, kürzlich haben Sie mehrere Tage in Paris verbracht. Können Sie uns erklären, was das Ziel Ihres Aufenthaltes war?

Ich bin nach Paris gekommen, weil die französische Organisation „SOS Chrétiens d?Orient“ mich eingeladen hatte. Sie haben uns geholfen, unsere Schule Sankt Gregorius in Aleppo wiederaufzubauen. Der Krieg hat große Schäden an den Gebäuden verursacht, mehrere Bomben und Raketen sind auf die aus dem 18. Jahrhundert stammenden Gebäude gefallen. Wir wollten, dass unsere erzieherische Mission so schnell wie möglich wieder anfangen kann. Deshalb haben wir unsere ganze Kraft eingesetzt, um die Schule zu renovieren, sogar noch vor der Kathedrale, die ebenfalls Granaten abbekommen hat. Ich wollte auch kommen, um „SOS Chrétiens d?Orient“ für die konkrete Hilfe zu danken. Sie hat dazu beigetragen, dass die Jugendlichen aus Aleppo seit September wieder in die Schule gehen können, auch wenn die Arbeiten noch nicht fertig sind. Aber wir haben schon eine sehr schöne Schule im alten arabischen Stil des 18. Jahrhunderts.

Sie sind im französischen Senat und im Elysee-Palast empfangen worden. Was können Sie uns über diese letzte Etappe sagen?

Ziel dieses Treffens war, die Schwierigkeiten der Christen, nicht nur in Aleppo, sondern auch in Syrien und im ganzen Nahen Osten darzustellen. Ich habe darum gebeten, dass Frankreich eine größere Rolle im Friedensprozess spielt, der nun mit verschiedenen internationalen Friedenskonferenzen begonnen hat. Ich habe auch darum gebeten, dass die französische Botschaft in Damaskus wieder geöffnet wird. Den Frieden kann man nicht nur mit Worten schließen. Die Absichten müssen in die Tat umgesetzt werden. Und die Präsenz der europäischen Länder in Damaskus ist wichtig. Wenn es die Botschaft noch nicht wieder öffnen kann, muss es wenigstens einen Kulturattaché geben: Jemand, der vor Ort ist, Frankreich vertritt, und Gespräche führen kann. Das habe ich ihnen gesagt. Ich habe auch unterstrichen, dass die Orientchristen Unterstützung brauchen. Wenn sie keine bekommen, werden sie weiterhin die Gegend verlassen. Aber der Papst bittet uns darum, im Orient, wo Jesus Christus und die Apostel geboren wurden und gelebt haben, zu bleiben. In diesen Ländern ist unsere Anwesenheit unerlässlich. Aber wie können wir dort bleiben, wenn die europäischen Regierungen uns nicht unterstützen? Nach meinem Aufenthalt in Paris muss ich mit dem Papst in Rom sprechen. Ich werde ihm die Lage erklären. Wir brauchen Hilfe, um unsere Stadt wieder aufzubauen, und ein neues Leben ohne Krieg zu führen. Wir wollen Syrien nicht verlassen, wir wollen nur in einer neuen, friedlichen und neugeborenen Stadt leben.

Hat sich das Leben ein Jahr nach der Befreiung von Aleppo wieder normalisiert?

Die Lage ist im allgemeinen wieder völlig normal. Wir haben nun Strom, Wasser, Benzin und Gas. Wir haben alles. Man kann Autofahren, sogar während der Nacht und hat keine Angst mehr wie früher. Es fallen keine Bomben, es gibt in der Stadt keinen Raketenbeschuss. Die Sicherheit hat sich verbessert. Die Läden sind geöffnet, die Straßen und Stadtviertel sind beleuchtet. Die Leute führen ein normales Leben. Die Banken sind offen, Fabriken und Werkstätten nehmen ihren Betrieb wieder auf. Aber man kann nicht sagen, dass alles überstanden ist. Es gibt noch Probleme. Der Flughafen ist noch nicht wieder in Betrieb, weil bei der Befreiung Aleppos noch Rebellengruppen in der Nähe waren. Mit ihren Waffen könnten sie Flugzeuge angreifen und abschießen. Wir hoffen, dass diese Zonen bald befreit werden. Das gleiche Problem haben wir mit der Autobahn zwischen Homs und dem Libanon. Sie ist gesperrt, weil es dort ebenfalls noch Gruppen gibt, die einige Abschnitte der Autobahn kontrollieren, so dass man acht statt drei Stunden und einen Umweg durch die Wüste machen muss. Das macht uns viele Sorgen. Wir hoffen, dass solche Probleme bald gelöst werden.

Haben die Einwohner von Aleppo wieder Hoffnung?

Wir haben immer versucht, den Gläubigen – aber auch allen anderen – zu helfen, die Hoffnung nicht aufzugeben, trotz der in praktischer und geistlicher Hinsicht schwierigen Lage. Wir haben alles getan, damit sie in Aleppo bleiben können. Nun haben die Leute ein ruhigeres Leben. Unsere Kirchen sind voll. Dieser Krieg hat nicht zu einer Abkehr von Gott, der Religion oder der Kirche geführt. Ganz im Gegenteil, er hat zu einer Wiederentdeckung des Glaubens und der Kirche geführt. Mehr Menschen gehen jetzt in die Kirche. Im Krieg ist der Glaube gewachsen.

Haben die Christen eine eigene Rolle für die Versöhnung in Syrien zu übernehmen?

Zuerst müssen wir daran erinnern, dass es sich auf keinen Fall um einen Konflikt zwischen Christen und Muslimen handelt. Daher geht es nicht um das Thema Versöhnung von Christen und Muslimen. Wir leben zusammen. Nicht alle Muslime sind Fundamentalisten! Die meisten sind gemäßigt. Wir haben auch gute Beziehungen zu ihren Anführern. Die Beziehungen zwischen Christen und Moslems sind nicht das Problem. Es geht um die Versöhnung zwischen der Regierung und den Rebellen. Und das ist ein schwierigeres Thema, weil die Lage sehr komplex ist und viele Konfliktparteien daran beteiligt sind. Deshalb sind die internationalen Konferenzen von Astana, Genf und Sotschi sehr wichtig, deren Ziel eine allgemeine Versöhnung ist. Man muss auch die außerordentlich wichtige Rolle der USA und Russlands für die Konfliktlösung unterstreichen.

Während des Krieges haben viele Christen Aleppo verlassen. Kommen sie jetzt zurück?

Zwei Drittel der Christen haben Aleppo verlassen. Dasselbe gilt für ganz Syrien. Nur ein Drittel ist in Aleppo und in Syrien geblieben. In Aleppo waren wir 150 000 und jetzt sind wir 50 000. Aber wir bleiben sehr präsent, mit Schulen, Krankenhäusern, Waisenhäusern, Kirchen. Die Christen, die nach Kanada, Nordamerika, Belgien, Deutschland geflohen sind, werden nicht zurückkommen, weil ein Flüchtling mindestens fünf Jahre in dem Land, das ihn empfängt, verbringen muss. Im Gegensatz dazu kommen diejenigen, die in den Libanon oder an die syrische Küste geflohen sind, langsam zurück, auch, weil das Leben im Libanon sehr teuer ist. Das gilt auch für diejenigen, die nach Armenien gegangen sind, weil das Land große wirtschaftliche Probleme hat und es schwierig ist, eine Arbeit zu finden. Wir hoffen, dass die Hälfte der Christen zurückkommt, aber wir wissen, dass diese Hoffnung wahrscheinlich ein wenig zu optimistisch ist.

Was erhoffen Sie für Syrien?

Ich hoffe, dass diese großen Konferenzen, die alle Konfliktteilnehmer versammeln sollen, Früchte tragen werden. Ich wünsche mir, dass sich alle an einen Tisch setzen, damit eine endgültige Lösung gefunden werden kann. Es gibt keine ideale Lösung. Aber es ist möglich, einen Weg zum Frieden zu finden und so dem vielen Leid ein Ende zu machen. Wir haben genug von Krieg, Blut und Opfern. Es ist Zeit, dieses Kapitel abzuschließen und unser Land wiederaufzubauen, damit wir in einem neuen und friedlichen Syrien leben können.

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