Feuilleton

Theodor Haecker: Der katholische Kierkegaard

Theodor Haecker war eine demütige europäische Seele, seine Bücher tragen den dreifachen Adel der Schönheit, der Wahrheit und der Güte – Eine Würdigung zum 140. Geburtstag. Von Stefan Hartmann
Theodor Haecker
Foto: IN | „Alle Schönheit dieser Welt ist nass mit dem Tau von Tränen.“ (Theodor Haecker)

Ist etwas in diesem Buch, das Zweifel ausdrückt an der Autorität der katholischen Kirche in allen Fragen der Lehre und der Sitten oder das ihren dogmatischen Sätzen in Wort oder Geist entgegen ist – litera scripta manet – so ist es zurückgenommen nicht nur, sondern widerrufen, ohne Vorbehalt, ohne Schikane, einfach und einfältig, wie ,Ja ja‘ ist und ,Nein nein‘. Und selbstverständlich gilt dies nicht nur für die hier gesammelten Aufsätze, sondern für alles, das von mir geschrieben wurde.“ Es war der nach intensiver Newman-Lektüre frisch konvertierte Kierkegaard-Übersetzer und Kulturphilosoph Theodor Haecker, der mit diesen unzeitgemäßen Worten 1922 seine Textsammlung „Satire und Polemik“ einleitet. Am 4. Juni 1879 wurde der markante schwäbische Autor im württembergischen Ort Eberbach (Jagsttal) in einer evangelischen Familie geboren. Er arbeitete mit Ludwig von Ficker für die Kulturzeitschrift „Der Brenner“ und fand hohes Lob vom Wiener streitbaren Schriftsteller Karl Kraus.

Theodor Haecker prägte teilweise die Texte der gegen das Nazi-Regime verteilten Flugblätter der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“. Nach einer Begegnung mit ihm schrieb Sophie Scholl zwei Wochen vor ihrem Tod an ihren Verlobten Fritz Hartnagel an der russischen Kriegsfront: „An Deinem Geburtstag (4. Februar) war Haecker bei uns. Das waren eindrucksvolle Stunden. Seine Worte fallen langsam wie Tropfen, die man schon vorher sich ansammeln sieht, und die in diese Erwartung hinein mit ganz besonderem Gewicht fallen. Er hat ein sehr stilles Gesicht, einen Blick, als sähe er nach innen. Es hat mich noch niemand so mit seinem Antlitz überzeugt wie er.“ Haeckers Freund Richard Seewald hat ihn öfter porträtiert, die starke Wirkung seiner Augen und seines Blicks ist jedoch kaum erfassbar.

Im Schicksalsjahr 1933 wurde Haecker wegen eines Aufsatzes über das Hakenkreuz, das er als Symbol der sinnlosen Bewegung, des bloßen „Drehs“, verspottete, kurz verhaftet. 1935 wurde Redeverbot über ihn verhängt, nach 1938 konnte keine seiner Schriften mehr gedruckt werden. Nach der Flucht aus München, wo seine Wohnung 1944 zerstört wurde, erliegt er am 9. April 1945 in Ustersbach bei Augsburg einem diabetischen Koma. Am selben Tag wurde in Flossenbürg Dietrich Bonhoeffer hingerichtet.

Christentum und Kultur

Die erste Ausgabe seiner Essays („Christentum und Kultur“, München 1927) widmet er Carl Muth. Seine Diktion ist oft absolut, verletzend und determiniert. Rudolf Steiner, Thomas Mann und andere („Simmelei“) werden vernichtend karikiert. Max Scheler wird in boshaft-stilistischer Meisterschaft als zügelloser Genussmensch geschildert, der im Grund nie wirklich erfasst habe, was Katholischsein bedeutet. Sogar Hans Urs von Balthasars „Apokalypse der deutschen Seele“ wird niedergemacht. Aber er konnte auch applaudieren: Autoren wie Francis Thompson, Hilaire Belloc, Gilbert K. Chesterton, Jacques Maritain, Gertrud von Le Fort und besonders T. S. Eliot fanden seine ungeteilte Zustimmung und oft persönliche Freundschaft. In einem „Dialog über Christentum und Kultur“ (Hellerau 1930) wird abschließend gesagt: „Sehen Sie, der letzte Sinn einer jeden Kultur ist ein Verherrlichen und Glorifizieren. Aber wessen? Das ist die Frage. Gloria mundi oder Gloria Dei. Das ist der Scheideweg.“

Das Abendland, Vergil und die Deutschen

In seinem zentralen Werk „Vergil – Vater des Abendlandes“ (Leipzig 1931) ging es Haecker nicht um Fortführung historisch-politischer oder geistesgeschichtlicher Diskussionen, wie sie Oswald Spengler mit „Der Untergang des Abendlandes“ oder Hermann Platz mit seiner Zeitschrift „Abendland“ betrieben. Die These des Buches lautet: Vergil ist Vater des Abendlandes, weil er an der Schwelle der Fülle der Zeit die Fülle natürlichen, abendländischen Menschentums verkörpert, weil er in einer paradigmatischen Form ein adventistischer Heide ist, weil in ihm am Vollkommensten die Natur des Abendländers in ihrer Besonderheit eine für die Übernatur bereite, auf sie harrende und nach ihr sich sehnende ist. In Aachen bei Karl dem Großen ist der Thron des vergilischen Imperium Romanum und die Berufung zum „Reich“, die die Deutschen durch die „Untat Luthers“, die Trennung vom römischen Papst und vom Felsen Petri, verwirkt hätten. Am Ende seines Vergil-Essays steht eine europäische und universale Seele, „sie ist eine demütige Seele, humilis wie der Boden Italiens, sie ist – und an sie vor allen andern muss Tertullian gedacht haben, da er das Wort fand – sie ist: anima natualiter christiana“.

Dem „Vergil“ lässt Haecker mit der Schrift „Was ist der Mensch?“ (Leipzig 1933) eine theologische Anthropologie folgen, die kurz nach Hitlers „Machtergreifung“ veröffentlicht wurde und zu seinem systematisch nachhaltigsten Werk geworden ist. Für Hans Urs von Balthasar ist es eine Schlüsselreferenz seiner „Theodramatik“, in der es um das Ringen göttlicher und menschlicher Freiheiten geht. Am Ende des ersten Bandes der Prolegomena übernimmt er aus „Was ist der Mensch?“ ein Zitat mit dem Schlusssatz: „Nur im Drama des Gottmenschen selber ist die Identität des erhabenen Spielers selber und der Rolle selber, welche er zu spielen hatte.“

Haecker gibt sich zwei Prinzipien: „das Höhere kann das Niedere erklären, niemals das Niedere das Höhere“ und „die Veränderlichkeit des Menschen ist ein Relativum, seine Unveränderlichkeit ist ein Absolutum“. Antimaterialistisch bekennt er sich zum Primat des Geistes, zu einer philosophia perennis und zum Hierarchismus: „Wir sind Hierarchisten“, nicht Dialektiker. Vor der Frage: Was ist der Mensch? muss die Frage kommen: Was ist Gott? Diese beantworten die engagierten Schriften „Schöpfer und Schöpfung“ (1934), „Der Christ und die Geschichte“ (1935) und „Der Geist des Menschen und die Wahrheit“ (1937) .

Ein wirkkräftiges Werk sind die nach seinem Tod 1947 bei Kösel veröffentlichten „Tag- und Nachtbücher“, die 1989 von Hinrich Siefken in den Innsbrucker „Brenner-Studien“ erstmals vollständig und kommentiert herausgebracht wurden. Es ist ein gläubiges Zeugnis der inneren Emigration, das an die Seite von Dietrich Bonhoeffers „Widerstand und Ergebung“ gestellt zu werden verdient. Am 8. Februar 1945 notiert er: „Das ist das untrügliche Zeichen des falschen Propheten, des Propheten der ,Welt‘, dass er dem Menschen klar oder versteckt sagt, dass der Weg des Heils breit sei und die Pforte weit, während in Wahrheit und nach Gottes Willen der Weg schmal ist und die Pforte eng.“

Haecker war ein echter Prophet der Wahrheit, des Glaubens und des christlichen Abendlandes, aus dessen Kultur er schöpfte. Für den befreundeten englischen Dichter T. S. Eliot war er noch mehr: „ein wahrhaft großer Mensch, Gelehrter, Denker und Dichter zugleich. Seine Bücher tragen den dreifachen Adel der Schönheit, der Wahrheit und der Güte.“

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16.09.2021, 13 Uhr
Stephan Baier