„Stoßt Kranke nicht aus“

„Woche für das Leben“ in Würzburg eröffnet

Würzburg (DT) „Es ist der Mensch, den Gott liebt – gleich ob mit oder Behinderung“, so Heinrich Mussinghoff, Stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, bei der Eröffnung der „Woche für das Leben“ im Würzburger Kiliansdom. Gemeinsam mit Bischof Wolfgang Huber (Berlin), dem Vorsitzenden des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), hat der Aachener Bischof die gemeinsame Initiative von Deutscher Bischofskonferenz und EKD am Samstag bei einem ökumenischen Gottesdienst in der Würzburger Kathedralkirche eröffnet. Thema der bundesweiten Aktion für die kommenden drei Jahre ist „Gesundheit – höchstes Gut?“.

Beim feierlichen Eröffnungsgottesdienst wirkten der Würzburger Bischof Friedhelm Hofmann und für den erkrankten Landesbischof Johannes Friedrich Würzburgs evangelischer Dekan Günter Breitenbach mit. In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte Bischof Mussinghoff die Heilung des blinden Bartimäus aus dem Markusevangelium. Diese sei weniger eine Heilungsgeschichte als eine Glaubensgeschichte, hob Mussinghoff hervor. Jesus trete nirgends im Neuen Testament als wundertätiger Doktor auf. Daher handele es sich auch nicht um Gesundungsgeschichten, sondern um Heilungsgeschichten. Heilung gebe es dort, wo sich Glaube gegenüber dem Repräsentanten des hereinbrechenden Gottesreichs zeige. Bartimäus habe allein sein Glaube geheilt. Heilung bedeute daher viel mehr als Gesundheit, es gehe schlichtweg um das Heil und um das Geliebtwerden.

Mit dem Thema „Gesundheit – höchstes Gut?“ gehe es der „Woche für das Leben“ nicht allein um äußere Gesundheit“, erklärte der Bischof. Die Initiative bemühe sich vielmehr darum, Themen des Lebensschutzes und der Menschenwürde in der Gesellschaft zu fördern und im Bewusstsein zu halten. Fitness und Wellness seien nicht alles für die Gesundheit des Menschen. „Achten wir darauf, dass wir nicht zu einem Menschenbild hindriften, das Leute wie Bartimäus aus der Gesellschaft ausgrenzt“, warnte Mussinghoff. Jesus führe die Menschen durch Heilungen in die Mitte der Gesellschaft zurück. Soziale Aspekte spielten dabei eine wichtige Rolle. Gesundheit und Krankheit würden stets auch in gesellschaftlicher Hinsicht definiert. Die Bartimäus-Geschiche bedeute: „Stoßt Kranke nicht aus!“ Menschen, die nicht dem propagierten Bild körperlicher und mentaler Fitness entsprächen, gehörten genauso in die Mitte der Gesellschaft wie alle anderen. Werde Gesundheit als umfassendes Heil-Werden verstanden, bekämen auch Krankheiten und Behinderungen einen völlig anderen Stellenwert.

Immer wieder traten während des Gottesdienst Vertreter von Gesundheits- und Wellnessberufen mit Gebetsrufen vor den Altar. „Ich weiß, wie gefährdet meine Gesundheit durch die Belastungen und Herausforderungen meines Lebens ist, daher bete ich wie viele andere auch für dieses Gut“, sagte die Fitnesstrainerin Isabella Griebl. Der Palliativmediziner Rainer Schäfer rief die Zartheit des Lebens trotz allem in Erinnerung: die Zartheit der Berührung, das liebevolle Wort, den intensiven Augenblick.

Bischof Huber verwies in seiner Einführung auf die Erneuerung der Ordnung des Lebens durch die biblische Botschaft. Durch sie kehrten Menschen vom Rand zurück in die Mitte der Gemeinschaft. Durch Jesus werde die Schuldzuweisung an die Kranken, ihre Stigmatisierung und die Zweiteilung der Gesellschaft in Reine und Unreine überwunden. Sein Eintreten für die Belange der Kranken und Beladenen habe die Welt verändert. „Keiner soll die Hoffnung verlieren: Dieser Impuls geht vom Evangelium aus!“ Es sei nicht richtig, die Gesundheit zum Idol zu machen. Die Werbung wolle den Menschen einreden, dass Gesundheit machbar sei, für jene, die es sich leisten könnten. Sich fit zu halten, sei zwar richtig, könne aber nicht alles sein. „Krankheit und Tod gehören zum Menschen“, erinnerte Huber. Heute gehe es nur noch um das Heil des Körpers, nicht mehr um das der Seele. Versage der Körper, wolle man nur noch einen raschen Tod. Die daraus resultierende Geschäftemacherei mit der Sterbehilfe sei erschreckend. „Es liegt an uns selbst, der Lust am Leben mehr Bedeutung zu geben als der Sorge vor Krankheit!“ Entschieden verwahrte sich Huber gegen Zweiklassenmedizin, Benachteiligung der Menschen in den Entwicklungsländern und Abtreibung behinderter Kinder. „Hauptsache gesund – das war nicht das Lebensmotto Jesu“. Im Gegenteil: „Gesund oder krank – jeder soll wissen, dass er von Gott geliebt wird!“

Rund um den Kiliansdom stellten sich auf dem „Markt der Möglichkeiten“ gut vierzig Einrichtungen, Gruppen und Initiativen vor. Zur Information bot sich reichlich Gelegenheit, angefangen von Ständen zu gesunder Ernährung bis hin zur Ehrenamtlichenarbeit und zur Information über unterschiedliche Behinderungen. „Wir wollten einfach mal darauf hinweisen, dass es uns gibt, von uns hört man ja nicht so viel“, sagte doppeldeutig eine Frau mit Cochlea-Implantat am Stand von Gehörlosenverein und Hörgeschädigtenseelsorge. Sozialpädagogin Andrea Schwarz ist hauptberuflich für die evangelische Gehörlosenseelsorge in Würzburg und Nürnberg tätig. „Behinderung ist nicht nur eine Grenze“, ist sie sich sicher. Sie wechselt in der Kommunikation ohne Übergang zwischen Laut- und Gebärdensprache und betont: „Die Frage nach dem Kontakt ist für Gehörlose einfach zentral!“

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