Stein des Anstoßes

Vor fünfzig Jahren erschien der „Holländische Katechismus“. Von Alexander Brüggemann

Utrecht (DT/KNA) Die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils waren in vielen Ländern der westlichen Welt der Startschuss für Neuerungen im Gottesdienst und in der Glaubensvermittlung. Was von den meisten Katholiken als Erleichterung und Phase eines geistlichen Aufbruchs empfunden wurde, uferte mancherorts weit über die eigentlichen Leitplanken des Konzils aus. Nirgends war der Eifer so groß wie in den Niederlanden. Der sogenannte Holländische Katechismus, dem am 1. März 1966, vor 50 Jahren, als „Nieuwe Katechismus“ der Utrechter Kardinal Bernard Alfrink die kirchliche Druckerlaubnis erteilte, enthielt diverse Glaubenslehren, die im Vatikan die Alarmglocken schrillen ließen.

Der Bibelwissenschaftler Alfrink (1900–1987) war beim Konzil Mitglied des Präsidiums und einer der Wortführer des Reformflügels. Zu seinen unverrückbaren Überzeugungen gehörte das Bild einer kollegialeren, weniger zentralistischen Kirche. Insofern beförderte und begrüßte er den Demokratisierungsschub in der niederländischen Kirche, der bereits in den 1950er Jahren begonnen hatte. Damals hielten eigens dafür freigestellte Ordensgeistliche sogenannte Messwochen ab, in denen mit neuen Gottesdienstformen experimentiert wurde. An einigen Orten bildeten sich sogenannte Experimentierzentren, die viele Besucher anzogen, so etwa 1959/60 die Studentenkirche in Amsterdam. Auf diesen Experimenten wurde nun aufgebaut, als die Niederländische Bischofskonferenz im Herbst 1964 erste Richtlinien zum volkssprachlichen Gottesdienst im Sinne der Liturgiekonstitution des Konzils erließ. Allerdings schossen viele Gemeinden in ihrer Begeisterung teils weit über das Ziel hinaus.

„Auftakt der

sogenannten

nachkonziliaren Krise in

der katholischen Kirche“

Von besorgten niederländischen Katholiken alarmiert, setzte Papst Paul VI. (1963–1978) eigens eine Kardinalskommission zur Begutachtung des Katechismus ein. Diese beanstandete schwerwiegende Irrtümer, vor allem in der Lehre über Christus, über die Kirche und über Gottes Schöpfung und die Nähe und Ferne Gottes. Viele der beanstandeten Passagen fußen in der französischsprachigen sogenannten Nouvelle Theologie, einer kritischen Denkströmung seit den 1930er Jahren. Unterdessen entwickelte sich das umstrittene Werk und seine Übersetzungen zu einem internationalen Verkaufsschlager. Seine Ablösung vom jahrhundertealten Frage- und Antwortspiel des kindlichen Katechismus-Unterrichts und das Ausgehen vom erwachsenen Menschen wurde als willkommene Neuerung aufgenommen. 1968 erschien im Freiburger theologischen Verlag Herder auch eine deutsche Ausgabe der „Geloofverkondiging voor volwassenen“ – samt einer beigefügten „Erklärung der Kardinalskommission über den Neuen Katechismus“. Der Konflikt um den Katechismus markiert den Auftakt der sogenannten nachkonziliaren Krise in der katholischen Kirche.

Noch weiter ging freilich das niederländische Pastoralkonzil (1966–1970), das bald in offene Rebellion gegen Rom umschlug und unter anderem die Freigabe des Priesterzölibates und der Pille forderte. Paul VI. hatte Alfrink noch im Vorfeld der Abstimmung aufgefordert, ein römisches Lehrschreiben zu verlesen und damit die vatikanische Linie vorzugeben. Doch der Bischofskonferenz-Vorsitzende wollte der Kirchenversammlung selbst die Entscheidung überlassen – und schwieg still. 1975 wurde Adrianus Simonis Nachfolger Alfrinks. Die innerkirchliche Uneinigkeit, ja Spaltung zwischen Konservativen und Liberalen ging mitten durch die einzelnen Gemeinden – und auch sie war nirgends in Europa so stark wie hier. Die starke Entkirchlichung der Niederlande seit den 1970er Jahren steht außer Frage.

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