Spiegelbilder der Gnade

Ludwig Mödls Heiligendarstellungen lassen das Geheimnis Gottes in verschiedenen Epochen aufleuchten. Von Barbara Wenz

Die Mehrzahl der vorliegenden Bücher älteren oder jüngeren Datums über Heilige, ob Monographien zu Einzelpersönlichkeiten oder Sammlungen, gehen ihr Thema zumeist chronologisch-enzyklopädisch an mit dem Ziel, die besondere Tugendhaftigkeit dieser Frauen und Männer herauszustellen, sei es in der Lebensführung, sei es im Festhalten am christlichen Glauben selbst unter den unwahrscheinlichsten Martern. Ludwig Mödl geht in seinem Buch über die Heiligen als Boten Gottes darüber hinaus einen eigenen Weg: Er will aufzeigen, inwiefern das Leben von Heiligen wie Benedikt von Nursia, Franziskus von Assisi, Thomas von Aquin, Teresa von Avila oder Rupert Mayer und Paul VI. etwas von der Wirklichkeit Gottes widerspiegeln können. Sie künden uns ganz konkret von Gott und sind somit eine Form der Theologie, der Rede von Gott, vermerkt auch der Klappentext auf der Buchrückseite.

Der Autor ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie und Predigtlehre, doch seine Betrachtungen über die Heiligen stammen nicht aus Fachbüchern, sondern aus einer Exerzitienreihe, mithin also aus der pastoralen Praxis, und ermöglichen einen geistlichen Zugang zu der jeweilig vorgestellten Persönlichkeit, der zum Gebet anregen soll. Mödl versteht die Heiligen dabei als Träger einer göttlichen Botschaft, die er dem Leser in einer Mischung aus Essay, Meditation und einleitend mithilfe einer kurzen biografischen Skizze zugänglich macht, als eine hagiografische Theologie, die einen Funken des Geheimnisses Gottes in dem jeweiligen vorgestellten Menschen aufleuchten lassen will.

Die jeweiligen Kapitel sind sinnvoll in kleine Unterabschnitte unterteilt, welche die Lesbarkeit der kurzen Texte zusätzlich erleichtern, zum Innehalten und Meditieren über den Abschnitt anregen wollen.

Inhaltlicher Schwerpunkt der Beiträge ist stets, wie bereits erläutert, der Versuch, die spezifische Gottesrede zu skizzieren. Zu Benedikt von Nursia heißt es da bei Mödl: „Gott ist der allzeit zu Suchende, denn er, der Allheilige und Unbegreifliche, hat sich offenbart und er offenbart sich je neu dem, der ihn sucht.“

Dagegen sei der heilige Franziskus von Assisi in seiner Lebensweise ein Bild der Entäußerung, der das Paradox Gottes in neuer Weise habe verkünden können – nicht nur in Worten, sondern durch sein Leben und durch Zeichen, so Mödl. Und weiter: „Im Kleinsten das Größte sehen! In Abtötung Glück erfahren! In Armut Reichtum erspüren.“

Geradezu kongenial sind die gut neun Seiten zu Thomas von Aquin, denn hier findet sich auch eine prägnante und leicht verständliche Zusammenfassung seiner „Fünf Wege der Gotteserkenntnis“, seiner „Gottesbeweise“, die Lust darauf macht, sich intensiver mit dem wahrscheinlich größten Gelehrten der Kirchengeschichte, der nach einem mystischen Erlebnis abrupt aufhörte, theologisch-philosophisch zu arbeiten, zu beschäftigen.

Bemerkenswert auch der Zugang, der Mödl uns zu den „heiligen drei Madl‘“ – Katharina, Barbara, Margareta – finden lässt. Für Mödl handelt es sich bei den Legenden, die man um diese drei und andere antike Heilige erzählt, um „Theologie in Bildern“.

Zumeist handele es sich um tatsächlich historische Figuren, deren wesentliche Bedeutung und theologische Aussage durch fantastische Geschichten erhellt werde: „Diese Geschichten haben oft eine katechetische Tendenz und wollen etwas Wesentliches vom Glauben aussagen.“ Doch Mödl deckt dankenswerterweise noch einen weiteren, wenig beachteten, vertiefenden Zusammenhang auf, der über die frommen Legenden hinausreicht und tiefe Wurzeln in der Theologie der Frühkirche hat: Barbara stammt aus Nikomedien, Katharina aus Alexandria und Margareta lebte und starb in Antiochien. Alle drei Orte sind bedeutend für die Entwicklung frühkirchlicher Theologie mit großer Strahlkraft für Gelehrte wie für Gläubige über Jahrhunderte hinweg.

Barbara, von ihrem heidnischen Vater in einem Turm mit zwei Fenstern gefangengesetzt, bricht ein drittes in die Mauern und verweist so auf den Dreieinen Gott, das Geheimnis der Dreifaltigkeit, den Gott, der Raum und Weite schafft. Margaretas Symbol ist das Kreuz, an dem Jesus starb – die antiochenische Schule hielt in der Auseinandersetzung mit den Alexandrinern strikt an der Trennung der göttlichen und menschlichen Natur in Christus fest.

Alexandria wiederum galt bereits in vorchristlicher Zeit als hervorragendes Zentrum von Gelehrsamkeit auf philosophischem, poetischem und wissenschaftlichem Gebiet – nach christlichem Verständnis schließlich als ein Hort des Heiligen Geistes, eine Heimat der göttlichen Weisheit. Katharina vermochte durch ihre Vermählung mit Christus, dem Logos, alle irdische Weisheit in ihre Schranken weisen, denn, so der Autor, in Christus und durch ihn wirkt der Heilige Geist.

Auch die Legende um den Jugendheiligen Vitus weiß Mödl für uns Heutige aufzuschlüsseln und fruchtbar zu machen, in der Erinnerung daran, dass auch der Glaube eines Kindes ein ganz und gar vollwertiger, ernstzunehmender Glaube vor Gott ist. Schließlich werden auch Verehrer so bekannter Heiliger wie Teresa von Avila, Johannes von Gott, der heilige Pfarrer von Ars und John Henry Newman durch Mödls Herangehensweise neue Aspekte und Zugänge zu ihren Vorbildern entdecken. Sein Buch lässt sich nicht nur ausgesprochen gut an einem langen Winterabend durchschmökern, es lässt sich auch bestens betend und meditierend entdecken, bietet Stoff für das eigene geistliche Tagebuch und ist aus all diesen Gründen auch ein ideales Geschenk.

Ludwig Mödl: Heilige. Boten Gottes.

Media Maria Verlag, Illertissen 2017, gebunden, ISBN 978-3-9454012-5-5, Seiten, EUR 14,95

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