Sonntagslesung: Gott wird alles in allem sein

Zu den Lesungen des Christkönigssonntags 2009 (Lesejahr B)

Dan 7, 2a.13b–14

Offb 1, 5b–8

Joh 18, 33b–37

Christus König – diese Botschaft lässt wirklich noch immer mein Herz höherschlagen. Es ist Gefühl und Begeisterung, das Wort Christus König lässt mich an Fahnen denken, an visionäre Bilder der Offenbarung über den „König der Könige“, an schöne, begeisternde Lieder und Melodien („Christus, mein König“ oder „Rex regnum“). Denn noch weiß jedes Kind, was ein König und ein Königreich ist. Und mit katholischem Herzen kann man die im Kern apokalyptischen Bilder ganz unschuldig bejahen. Denn „Apokalyptik“ heißt hier Geschichtstheologie der Endzeit, und wer kann die schon bieten außer den Schriften des Neuen Testaments und der katholischen Liturgie? Inklusive der von mir geliebten Glockeninschriften, deren häufigst belegter inschriftlicher Text lautet: „König der Herrlichkeit, Christus, komm zu uns mit Frieden“. Wo man Christus als den König erwarten kann, muss man nicht angstvoll über das Weltende spekulieren.

Denn mit Daniel stehen wir mitten in der frühjüdischen Theologie der Weltreiche. Vier große Weltreiche werden nacheinander zugrunde gehen, das fünfte Reich nach allen diesen ist wiederum ein Königreich. Personifiziert wird es nicht durch einen irdischen König, sondern durch den, der vor Gottes Thron mit der Macht betraut wird. Er „sah aus wie ein Mensch“, war aber mehr als ein Mensch, den Engeln vergleichbar, die bei Daniel sonst auch immer als menschenähnlich geschildert werden. Dan 7, 14 spricht von seinem unvergänglichen Königtum, das sich über alle Völker erstreckt. Diese Figur des von Gott Beauftragten, der wie ein Mensch ist, wird nun in der späteren außerbiblischen jüdischen Literatur immer stärker als endzeitlicher Herrscher, als Richter, ja als der Messias angesehen. Alle Hoffnungen richten sich auf ihn, denn seine Herrschaft wird gerecht und deshalb unvergänglich sein. Es ist hier bei Daniel keine neue Welt, keine neue Schöpfung, wohl aber eine neue Herrschaft, und zwar eine, die Gott selbst verliehen hat. Die Liturgie, speziell die Präfation zu Christ-König spricht vom ewigen Reich des Christus, das er „der göttlichen Majestät übergeben/anvertrauen“ wird. Das bedeutet nicht Ende oder Aufhebung, sondern Eingliederung, denn Gott wird alles in allem sein. Das bedeutet: Integration in Gottes Gegenwart in allen Dingen. Damit werden die stets die Menschheit bewegenden Fragen nach Gerechtigkeit und nach Macht in der Geschichte endgültig beantwortet.

Die Offenbarung des Johannes sieht schärfer hin und erkennt in diesem Menschensohn Jesus Christus. Der Seher Johannes weiß jetzt mehr über den Weg, auf dem Jesus Christus sich das Gottesvolk angeeignet hat, nämlich durch sein Blut (1, 5). Denn mit dem Blut Christi besprengt gehören die Christen zu Gott, weil Blut Gott gehört und jeder, an dem es haftet, Gottes Eigentum ist. Das Blut haftet an den Christen, weil sie besprengt sind mit dem Wasser der Taufe (1 Petr 1, 2). Daher kann der Seher Johannes sagen, dass die Christen ihre Gewänder gewaschen haben im Blut des Lammes (7, 14). So gehören sie zu Gott.

Nach Offb 1, 5 sind sie dadurch zu einem Königreich gemacht, zu Priestern vor Gott; ähnlich in derselben Schrift dann in 5, 9 (aus allen Völkern wurden sie mit Blut erkauft, zu einem Königtum und zu Priestern gemacht) und 20, 6 (die auferstandenen Märtyrer werden Priester Gottes und Christi sein und tausend Jahre regieren – in letzterem besteht ihr Königtum). Alle diese Texte sind Auslegungen von Ex 19, 6 (Könige, Priester, heiliges Volk, Eigentumsvolk).

Der Zusammenhang mit Christus, dem König, ist dieser: Die Glaubenden gehören diesem König, der sie losgekauft hat mit eigenem Blut. Diese Zugehörigkeit „färbt ab“. Im übrigen ergänzen sich die Metaphern Könige und Priester an dieser Stelle. Denn in beiden Fällen geht es um Besitz- und Schutzverhältnisse. Der Priester ist heilig und gehört daher Gott. Er steht unter seinem Schutz, denn „Eigentum verpflichtet“: Gott zu gehören, „verpflichtet“ Gott, für einen zu sorgen. Und die Untertanen des Königs gehören dem König, noch dazu, weil er sie erworben und freigekauft hat. Und er wird im eigenen Interesse alles Mögliche tun, um sein Eigentum zu schützen. Als König regieren in Offb 20, 6 darf man sich nicht im Sinne von konstitutioneller Monarchie vorstellen, sondern eher als gelebte Freiheit von Steuern, Dienstbarkeiten, Tod und Teufel, also „wie ein König leben“, nicht: regieren. Es ist klar: Offb 1, 5 unterstreicht nicht den König, sondern das königliche Eigentumsvolk.

Auch an dieser Stelle wird übrigens erkennbar: Die Bibel kennt kein allgemeines Priestertum, schon gar nicht in Differenz zu einem besonderen Priestertum, sondern es geht um ein königliches und priesterliches Volk. Es gehört dem König, weil er es erworben hat. Es ist priesterlich, weil es heilig ist und eben deshalb Gott gehört.

Vom Volk ist nun gar nicht die Rede in Joh 18, 33–37, und es ist auch recht schwierig zu bestimmen, wie Jesus das meint, dass sein Königtum darin besteht, dass er von der Wahrheit Zeugnis gibt. Wahrscheinlich muss man aber den nächsten Satz (18, 37b) mitlesen, und dann besteht Jesu Königtum darin, dass Menschen auf seine Stimme hören. Denn dass Menschen seiner Stimme folgen, dass ein König in diesem Sinne Gefolgschaft hat, das gehört zum König dazu. Das Königssein besteht mithin in der Gefolgschaft, die besondere Eigenart besteht darin, dass das, woraufhin die Menschen diesem König folgen, die Wahrheit ist, also nicht kurzlebiger Schein, Propaganda oder haltlose Wahlversprechen. Die Wahrheit dieser Wahrheit ist die Stabilität und Lebenskraft Gottes. Denn „Jesus hat der Welt Gott gebracht“, und seine Worte beschreiben nicht nur ewiges Leben, sondern sind ewiges Leben selbst, wer sie hört, eignet sich gleich direkt das Leben an. Zeugnis geben von bedeutet daher Anteil geben an. Man kann fragen: Warum genügt Jesus hier nicht das Bild von Meister und Jünger, warum wählt er das kräftigere Bild von König und Gefolgschaft? – Antwort: Wegen der Situation. Jesus steht hier Pilatus gegenüber, dem Repräsentanten des römischen Reichs und Königs (so heißt der römische Kaiser im Osten). Er entwirft ein Gegenbild: „nicht von dieser Welt“. So kommt es zum Konflikt, zur Alternative. Während Pilatus und mit ihm römisches Reich und römischer Kaiser für Töten steht, ist er der König, der Leben schenkt. In beiden Fällen geht es um den einen Machthaber, um sein Reich und um Menschen, die den Anhang bilden auf das Wort des Anführers hin. Diese vier gemeinsamen Elemente (König, Reich, Gehorsam, Wort/Befehl) werden in strenger Entsprechung gegensätzlichen Charakters entfaltet.

Während in Dan 7 der Charakter des fünften Reiches noch offenblieb, ist nun ganz klar, dass es sich um ein Reich ohne Gewalt und Waffen handelt. Stalin hatte später spöttisch gefragt: Wieviele Divisionen hat der Papst? Auch bei Jesus könnte man diese Frage spöttisch stellen. Doch was Stalin übersehen hatte, gilt auch hier: Die Kraft, Menschen zu binden, die Autorität gegenüber der Gefolgschaft ist bei dem Reich, das nicht von dieser Welt ist, ungleich stärker entwickelt. Denn wer das ewige Leben liebt und es seinem König verdankt, für den ist das irdische Leben ein Vorzimmer.

Paulus (1 Kor 15), Matthäus (13, 41) und die Offenbarung des Johannes (20, 4) lehren uns, wie dieses Reich Christi sich zum umfassenderen Reich Gottes verhält: Seit der Anbetung durch die Magier, seit dem Einzug in Jerusalem regiert Jesus Christus in seinem Reich; es ist voll und ganz Gegenwart. Bei der Wiederkunft Christi geht es auf im umfassenden Reich Gottes, das jetzt unsichtbar und still im Werden ist.

Es gibt einen Patriotismus für das Reich Christi. Die Heiligen mit glühendem Herzen, wie etwa P. Damian de Veuster, sind erfüllt davon. Ich weiß auch: Zu diesem Reich und zu diesem König gehört das Leiden (inklusive Martyrium) sehr viel mehr als zu anderen Reichen und zu üblichen Königen und Kaisern. In den romanischen Kruzifixen kann man Jesus als den König dieses Reiches sehen: Ruhig und mit segnenden Händen, ein Herrscher, vor dem die Könige in die Knie gingen, souverän und trotz Leiden und Kreuz wirklich nicht von dieser Welt. Die Präfation von Christ-König, entstanden zu einer Zeit, in der Europa alle Könige fortjagte (1925), beschreibt dieses ganz andere Reich: „Und wenn er einst alle Geschöpfe seiner milden Herrschaft unterworfen hat, soll Er deiner unendlichen Majestät ein ewiges, allumfassendes Reich übergeben: Ein Reich der Wahrheit und des Lebens, ein Reich der Heiligkeit und der Gnade, ein Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens.“ Bis dahin aber gilt immer zugleich auch, was der ehrwürdige, heute fast vergessene Hymnus am Karfreitag besungen hat: „Des Königs Fahnen (vexilla regis) ziehn einher/Es glänzt geheimnisvoll und hehr/Das Kreuz, daran das Leben starb/Und Leben aus dem Tod erwarb“ (Venantius Fortunatus, um 600). Klaus Berger

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