Sonntagslesung: Der Herr weiß, was die Jünger wirklich brauchen

Zu den Lesungen des dritten Adventssonntags 2009 (Lesejahr C)

Zef 3, 14–17

Phil 4, 4–7

Lk 3, 10–18

Die alttestamentliche Lesung ist wieder ein schöner Beleg für die Sions-Theologie, die schon am zweiten Adventssonntag im Zentrum stand. Gegenüber Bar 5 und Jes 40 ist der Jubel hier stärker, die Kontraste sind kräftiger geworden. Wegen der ausgeprägten Aufforderung zur Freude steht dieser Text für den Sonntag Gaudete. Die zentrale Heilsaussage in Zef 3 ist V. 15b „Der Herr in deiner Mitte ist König von Israel!“ Für die christliche Auslegung war es kein Problem, diese Stelle auf Jesus zu deuten. Denn nach diesem Text ist ein bekanntes Kirchenlied verfasst, zu dem Georg Friedrich Händel die Melodie lieferte: „Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Sieh, dein König kommt zu dir, ja, er kommt, der Friedensfürst ... Hosianna, Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk! Gründe nun dein ewig Reich, Hosianna in der Höh! Hosianna Davids Sohn, sei gesegnet deinem Volk! ... Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild! Ewig steht dein Friedensthron, du des ewgen Vaters Kind. Hosianna, Davids Sohn, sei gegrüßet, König mild.“ In dem Lied werden daher zu „König von Israel“ kräftig Sohn-David-Traditionen assoziiert, nicht zuletzt auch Lk 13, 35; Mt 23, 39 und der Einzug nach Jerusalem. Der Ausdruck Tochter bedeutet „Tochter Gottes“, so wie die Weisheit nach Prov 8, 30f; Sir 24, 3 wohl Tochter Gottes ist.

Auch Phil 4, 4 beginnt wie Zef 3, 14 mit doppelter Aufforderung zur Freude. Wir fragen: Kann man Freude befehlen, wie es der Apostel hier tut? Im Kontext berichtet der Apostel noch in V.1.10 von seiner Freude, eine Begründung vielleicht in 4, 5 „Der Herr ist nahe“ und in 4, 3 von Mitarbeitern, „deren Namen im Buch des Lebens stehen“ (Darüber können sich Jünger auch freuen nach Lk 10, 20). Aber noch einmal: Kann man das befehlen? Freude ist nach Auskunft der Bibel weder ein Gefühl noch eine Stimmung noch Witzigkeit oder Scherz. Sowohl Freude als auch Trauer sind Verhaltensweisen (in) einer Gruppe oder Gemeinschaft von Menschen. Beides bezieht sich auf bestimmte Werte. Freude nennt man daher die bewusste Option für einen (unsichtbaren) Wert, und diese Freude schafft eine Art von gemeinschaftlicher Beziehung unter denen, die sich freuen. Daher ist Freude wie Liebe und Frieden eine Frucht des Heiligen Geistes (Gal 5, 23).

Ich gehe davon aus, dass eine naive Übersetzung „nach Lexikon“ gerade bei den psychologischen Begriffen leicht Missverständnisse weckt, als sei Freude heute und Freude vor 2000 Jahren in Palästina einfach dieselbe Wahrnehmung. Auch das Lexikon gibt ja nur eine Gewohnheit des Übertragens wieder, nicht aber den genauen Gehalt. Worin dieser besteht, das kann sich erst aufgrund der Analyse möglichst vieler Texte zum Beispiel eines Autors ergeben. So kann per Rekonstruktion sein Sprachgefühl ermittelt werden, das er ja nicht auf der Zunge trägt. Oft kann man das griechische Wort nicht mit einem einzigen deutschen Wort wiedergeben. Freude in Phil 4 ist demnach eine sozial höchst wirksame Einstellung zu einem (positiven) gemeinsamen Wert, die auf einer Entscheidung beruht. Daher kann Paulus die Freude auch befehlen und, wie gesehen, ansatzweise begründen. Das ist ähnlich wie wenn man sagt: „Lass dich doch dafür begeistern (oder: erwärmen), dieselbe Zeitschrift zu lesen wie ich.“ Freude biblisch ist daher deutlich mehr Wollen als Fühlen, Wählen und nicht Zufälligkeit, Gemeinschaft und nicht einsame Regung, mehr Fest als Seelentiefe, mehr Belohnung als innerliche Regung, mehr Objektives als Subjektives, vor allem aber Klarheit und nicht Diffuses. Daher kommt auch der Ausdruck „Geh ein in die Freude deines Herrn“ in den Evangelien (zum Beispiel Mt 25, 21.23). Genau genommen kann man das im Deutschen überhaupt nicht sagen. Gemeint ist Lohn und Belohnung in der Teilhabe am himmlischen Gastmahl.

Dabeisein ist dann alles, nicht innerliche Empfindungen. – Daher gehört eben ein Sonntag „Gaudete“ (Freut euch) in die Adventszeit, und zwar nicht, wie man oft in Predigten hören muss, als mehr oder weniger lustige Auflockerung des sonst angeblich düsteren Fastens und Betens, sondern als ein besonderer Aspekt christlicher Spiritualität. Denn auch diese ist nicht Gefühl und Innerlichkeit, sondern geprägtes Verhalten. So ist Freude ein klares, positives Verhalten als Dabeisein im Miteinander.

Die Freude hat eine Entsprechung in der Freiheit vom Sorgen, zu dem Jesus in 4, 6 mahnt. Denn hier geht es nicht darum, dass man sich keine Sorgen machen soll, etwa in dem Sinne „Nichts mache euch Sorge“. Paulus wendet sich hier nicht gegen das Grübeln und Nachrechnen, gegen ängstliche Überlegungen, ob es denn alles reichen wird, das Geld, die Gesundheit, die Kräfte. Vielmehr ist die Kombination „nicht sorgen“/„vielmehr beten“ aus der Bergpredigt Jesu gut bekannt (Mt 6, 9–34). Jesus meint tatsächlich, dass man sich nicht kümmern soll. Und eine der Pointen des Vaterunsers ist die Kürze der Brotbitte. Sie entspricht genau 7, 33b–34. Das Lebensnotwendige muss man nicht ausführlich erbitten, das tun eher die Heiden für viele Bedürfnisse bei vielen Göttern (Mt 6, 7). Gott dagegen weiß, was die Jünger brauchen (Mt 6, 8 und genauso 6, 32). Daher müssen sie ihn nicht besonders darauf aufmerksam machen. Das kurze Gebet um Brot in der Mitte des Vaterunsers genügt. Und Jesus meint, wie aus 6, 25–31 hervorgeht, wirklich die mangelnde Vorsorge, derer sich die Jünger befleißigen sollen. Sie sollen sich nicht um das Morgen kümmern. So meint es auch Paulus in Phil 4,6: Vorsorge und viel Kümmern ist nicht eure Aufgabe. Was ihr braucht, regelt euer Gebet (4, 6b). Speziell der Gegensatz von „Sich Kümmern“ und „Gebet“ in 4, 6 legt diese radikale Lösung nahe. – Aber kann man Paulus darin wirklich ernst nehmen? Nun, dass Jesus das Nicht-Vorsorgen ernst gemeint hat und eine Wanderexistenz führte, steht außer Frage. Und Paulus verdient als Tagelöhner für jeden Tag, was er für sich allein braucht (umgerechnet einen Denar, etwa 4 Euro). Aber ob er den Philippern das zumutet, scheint schon fraglich, ob er es uns heute zumuten könnte, noch mehr. Es könnte auch sein, dass Paulus schon wörtlich zu verstehen ist, dass er aber keine allgemein verpflichtende Ethik im Sinne von I. Kant verkünden will, sondern nur Maßstab und Richtung angeben möchte. Das wäre dann eine methodische Anfrage: Wörtlich und verbindlich sind die Mahnungen schon, aber nicht allgemein gültig wie ein Gesetz der Straßenverkehrsordnung.

Das Problem christlicher Ethik findet sich dann noch einmal im Evangelium nach Lk 3, 10–18, und zwar als so genannte Standesethik. Die Regeln lauten: Die Hälfte des Besitzes und der Nahrungsmittel abgeben, bei Geldgeschäften keinen Gewinn erzielen (das abführen, was man eingenommen hat, ohne Aufschlag), als Soldat auf alle Quellen verzichten, die über den Sold hinaus fließen könnten (Plünderungen, Erpressungen).

Das alles ist nicht so streng wie die Bergpredigt, dürfte dem Täufer aber kaum Freunde beschert haben. Der innere Duktus ist klar: Die Menschen sollen mit weniger als dem Minimum auskommen. Auch nur der Anschein von Unrecht (Plünderung, Erpressung) soll vermieden werden, aber auch jeder Gewinn bei Geldgeschäften, und zur Existenz reicht die Hälfte von allem. Es ist mit massiven Gerichtsdrohungen verbunden. (V.16b.17). – Die Frage, ob man so leben kann, ist von klösterlichen Kommunitäten aller Jahrhunderte mit Ja beantwortet worden – ganz unabhängig von der Frage der Standesethik. Aber danach fragt der Täufer hier gar nicht, er fragt auch nicht nach dem Erfolg oder Misserfolg, den eine so ausgerichtete Wirtschaft haben könnte, „wenn das alle täten“. Er sagt einfach, dass es so sein müsse. Es liegt alles an seinem Verständnis von Recht und Gerechtigkeit, und dem ist schlecht zu widersprechen.

Doch was damit anfangen? Wenn man so lebt wie der Täufer und seine Jünger, dann gilt das, dann ist es auch praktikabel. Es gibt genügend Gegenden auf der Welt, in denen Christen mehr oder weniger freiwillig so leben müssen. Es liegt nahe, hier Rabatt und Ermäßigung zu geben. Doch als Exeget kann man es nicht tun. Ist dann das schlechte Gewissen das, was bleibt, da wir uns ja doch nicht an das halten, was da steht?

Es gibt zwei Arten von Reaktionen der Normalbürger gegenüber Asketen: Lynchen oder verehren. Lynchen hat seinen Ursprung darin, dass man Abweichendes auf den Tod nicht vertragen kann, verehren wäre die klassisch-katholische Lösung: Lebensstil nicht übernehmen, aber in Situationen, die Freiheit erfordern, um Rat fragen, gerne sich mit solchen Leuten schmücken. Gibt es eine dritte Möglichkeit? Bestünde sie nicht darin, immer wieder zu versuchen, mit weniger Konsum auszukommen? Die Freiheit, die solche Versuche erbringen, ist sehr liebenswert und lohnt jeden Versuch. Da gibt es eine sehr enge Beziehung zur Freude im Sinne der Bibel und des heiligen Franziskus von Assisi.

Klaus Berger

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