Sonntagslesung: Das Gold der Liebe ist unersetzlich

Zu den Lesungen des fünfzehnten Sonntags im Jahreskreis (Lesejahr A)

Jes 55, 10–11

Röm 8, 18–23

Mt 13, 1–23

Der Prophet Jesaja vergleicht Regen und Schnee mit Gottes Wort, das nicht erfolglos zu Gott zurückkehrt. Denn Regen und Schnee tränken die Erde, lassen sie sprießen und keimen und geben dem Sämann Saat und dem Essenden Brot. So fruchtbar wirkt auch Gottes Wort. Jesus hätte sich, wäre der Stoff des Gleichnisses nicht allgegenwärtig, gut auf Jesaja 55 einlassen können. Denn in beiden Fällen erläutert ein Gleichnis eben die Funktion und Rolle seiner selbst und verwandter Redeformen.

Doch bei näherem Hinsehen ergibt der Vergleich, dass Jesus, um es salopp zu sagen, nicht ganz so optimistisch ist wie Jesaja. Denn bei Jesus kann nur ein Bruchteil des Saatgutes aufgehen, und der Ertrag ist dabei noch stark unterschiedlich. Anders als bei Jesaja kommt daher Gottes Wort oft nicht zum Ziel. Und die Vorstellung, dass ein Wort zum Sprecher überhaupt zurückkehrt, ob mit oder ohne Erfolg, findet sich bei Jesus nicht. Das Wort ist bei ihm kein Mitspieler, die Rolle des Mitspielers hat bei Jesus der Erdboden in seiner je unterschiedlichen Qualität. Bei Jesaja geht es um die segenspendende Macht von Gottes Wort, bei Jesus dagegen ergeht der Appell „Sei ein guter Ackerboden!“ Denn hier wie auch sonst ist es wichtig, was in der Zwischenzeit zwischen Aussaat und Ernte geschieht.

Auch in Röm 8, 18–23 ist das Thema die Zwischenzeit. Sie ist die Zeit des Leidens unter der Sklaverei der Vergänglichkeit, des Stöhnens unter dem Schmerz der Wehen, die Zeit, in der der Leib eben noch nicht erlöst ist. Zwar ist nicht vom Wort Gottes die Rede, aber doch vom Angeld des Heiligen Geistes. Und das ist ein Stück der künftigen Welt, etwas, das in den Christen wirken kann wie sonst Gottes Wort. Für unsere Vorstellung ist der Heilige Geist auch weitaus mächtiger als die gehörte Botschaft. Denn der Heilige Geist ist Gott selbst in Person, der in uns wirkt.

In jedem Fall aber, beim Wort wie beim Heiligen Geist, sind die Anfänge unscheinbar und kaum sichtbar. Sie sind oder scheinen bedroht. Daher muss man fragen, was uns denn die Sicherheit gibt, dass es weitergeht? Über Ostdeutschland schrieb ein bekannter Journalist kürzlich, indem er mit der Zeitangabe begann: „Nach dem Ende des Christentums“. Denn alle Christen zusammen machen zehn Prozent aus, die Kirchgänger sind davon noch einmal nur zwei bis fünf Prozent. Wozu alle die wunderschönen, kostbaren Kirchen, die Schätze an Liedern und die Erinnerungen an große, glaubwürdige Christinnen und Christen. Was also gibt uns die Sicherheit? – Die drei Texte des heutigen Sonntags geben die eindeutige Antwort: Der Sämann und der Heilige Geist, das ist Gott selbst. Der ist Kummer gewöhnt, aber seine Kirche auf Erden hat noch immer am Grab aller Verächter und Verfolger gestanden. Auch wenn absehbar ist, dass Zeiten kommen werden, in denen uns Inder und Filippinos missionieren werden. Es könnte aber sein, dass wir bei allen unseren sorgenvollen Überlegungen über die Zukunft des Christentums zu stark an unserer Mentalität als Macher orientiert waren.

Meine pfarrlichen Freunde im pastoralen Dienst fragen mich immer, was man denn tun könne oder müsse. Ja, was sollen wir tun, um die Welt zu retten? Antwort: Nichts. All unser Tun und Sorgen müssen wir bescheidener einordnen. Nicht, um die Welt zu retten, sind wir aktiv, sondern um wach zu sein, wenn die Sonne aufgeht. Wach zu sein, also nicht die Augen zu verschließen, sondern zu wissen, wer aus dem Schatten an die Sonne herausgetragen werden muss. Meinen Studierenden der Theologie habe ich deshalb als Universitätslehrer immer eingeprägt: Von der Ostkirche lernen heißt überleben lernen. Denn die Geistlichen der Ostkirche tun – im Vergleich zu manchem westlichen Aktivisten – oft so gut wie nichts. Sie kennen noch nicht einmal aktivistisch-besorgte Liturgiereformen, sondern feiern brav seit 1500 Jahren die göttliche Liturgie des heiligen Johannes Chrysostomos. Sie singen die alten Gesänge, und ihr Hauptwerk scheint die Anbetung zu sein. Mit dem anderen, was sie still tun, geben sie nicht so an wie wir mit der Bilanzierung von Spendenaufkommen, als könnten sie dadurch die Welt retten. Und Statistiken über Kirchenbesuch haben bei weitem nicht den Stellenwert wie bei uns.

Überleben lernen bedeutet: Gottes Gegenwart in der Welt feiern und im übrigen alles dem Herrgott anvertrauen. Nicht den Menschen nachrennen, sondern sich geborgen wissen im Haus der Liturgie. Das bedeutet nicht die Augen verschließen vor den Menschen und ihren Nöten, aber es bedeutet, ihren Hunger nach Ewigkeit zu kennen und ihn nicht seitens der Kirche zu übermalen und zu verdrängen. In den Dingen, die uns seit Jahrhunderten wichtig sind (Mission, Kirchenreform, Kirchenfinanzen, Liturgiereform, Caritas, kirchliche Öffentlichkeitsarbeit), tun sie oft fast nichts oder in unseren Augen zu wenig. Sie überleben, weil sie Gott einfach Gott sein lassen, vertrauen auf die Anziehungskraft des Geheimnisses Gottes in ihrer Mitte. Nicht-zerstörte Schönheit, „unverratene Anbetung“, lange Stunden Zeit haben für Gottesdienst, das Leben bescheiden als Pilgerreise zu Gottes Heiligtum begreifen, Verehrung statt rationalistischer Auflösung, Trost finden im ewig Gleichen der Liturgie, in den kaum merklich gewandelten Bildern der Heiligen. Diese merkwürdige und für uns Westler oft suspekte Form von Gelassenheit ist nicht zu idealisieren, aber man sollte einfach sehen, dass Hektik und Krampf hier fernliegen.

Man hat bemerkt, dass die eroberungssüchtige allgegenwärtige Reklame, der wir täglich und immer mehr preisgegeben sind, ihren Ursprung hat in der Evangelisation amerikanischer Sekten. Ich bin nicht neidisch auf deren Missionserfolge, finde aber, dass sie doch deutlich unterschieden sind von den Wachstumsgleichnissen Jesu. Denn immer wieder geht es in diesen Gleichnissen um den kleinen Anfang, nicht um spektakuläre Bekehrung aufgrund heuschreckenartiger Parolen. Nichts gegen andere Methoden der Mission, aber ich kenne auch die Verzweiflung der Event-Prediger, wenn die Massen einmal ausbleiben. Ich kenne auch den Zwang zum Erfolg, dem sie sich selbst aussetzen, wenn sie schon eine Minute nach dem Sonntagsgottesdienst in der Sakristei fragen: „Na, wie waren wir heute?“. Und wenn man auf diese unsachgemäße Frage mit Paulus antworten würde, der ein Urteil über sich freimütig wiedergibt: „Seine Briefe sind gewichtig und voll Saft und Kraft, doch sein Auftreten ist erbärmlich, und wenn er redet, ist das zum Lachen“ – was wäre dann die Reaktion? Peinliche Stille entstünde, weil man dann auch fragen könnte: Wie war der liebe Gott heute? War er gut? Hat er Menschen ohnmächtig vor Begeisterung umfallen lassen? Oder wenigstens zu Tränen gerührt? Wie war die Kollekte? Hat der liebe Gott wenigstens für das neue Kirchendach sorgen lassen?

Wenn Bischöfe verkünden, Kirche müsse man wie ein Industrieunternehmen führen und die Effizienz steigern, zeigen sie nur, dass außer Kapitalismus nichts in ihrem Herzen ist. Die Gegenwart Gottes lässt alle Sorgen dieser Art ganz klein erscheinen. Das Wort „Effizienz steigern“ auf Kirche zu beziehen grenzt an Götzendienst.

Woher wir wissen, dass es weitergeht? Unsere Zeit hat das schöne Wort „Alleinstellungsmerkmal“ erfunden. Das ist wie eine Sehnsucht danach, dass es im Meer der Gleichförmigkeiten etwas geben möge, das Zuflucht bietet wie eine Insel. Wo der Erfolgsdruck selbst die Kirchen voll ergriffen hat, irgendwo Zeit und Gelassenheit finden zu können, die einen dem dauernden Druck entziehen.

Die Kirche steht damit allein und ist darin singulär, dass sie die Frage nach Gott und dem Mitmenschen nur in einem Zugleich, in Gleichzeitigkeit zulässt. Sie steht darin allein, dass sie Weltmeisterin ist im Umgang mit dem Tod und in der Antwort auf die Frage, was danach kommt. Und sie kann sagen, dass das, was übrig bleibt nach aller Effizienz und allem Machtgebrauch, nach allem Reichtum und allem Verstand nicht wertlos ist, sondern das Wertvollste, der wahre Schatz, die Liebesfähigkeit, das Herz der Menschen. Sie weiß auch, dass alle physische Gesundheit nicht das Kostbarste ist, sondern nur ein Bild für das wahre Wohlergehen des Menschen. Aber über alles das redet man wie auf einer Spurensuche, nicht laut, sondern bereit zu verstecktem Humor, nicht im Schimpfen auf die da oben (zum Beispiel die Bischöfe), sondern in der Einsicht, dass die da oben es oft sehr schwer haben mit sich, wegen der vielen Ablenkung.

Oft ergeht es uns auf der Suche nach Trost im Christentum wie Goldgräbern. Wer ihnen einmal geduldig zugeschaut hat, weiß, dass es oft Tage und Wochen dauert, bis ein Stückchen des Kostbaren gefunden ist. Aber Gold ist eben einzig und durch nichts ersetzbar. Klaus Berger

Themen & Autoren

Kirche