Seelsorger unter Pilgern

Wallfahrtsdirektor Erwin Reichart hält in Maria Vesperbild traditionsbewusst Kurs. Von Claudia Fuchs
Foto: Andreas Düren | Der Traum, einmal an einem Marienwallfahrtsort wirken zu dürfen, hat sich für Erwin Reichart erfüllt.

Die Gottesmutter ist sein Halt. Seit Kindheitstagen. „Meine Oma und meine Mutter zeichnete eine tiefe Marienfrömmigkeit aus. Und wir haben das in der Familie gelebt“, erinnert sich Erwin Reichart. Vor allem die „Maiandachten mit Glanz und Gloria“ sind ihm im Gedächtnis.

Das Bildnis Mariens, die ihren toten Sohn Jesus auf dem Schoß hält, das sogenannte „Vesperbild“, prägt das Leben des 64-Jährigen. Seine Augen leuchten, wenn er vom Vesperbild seiner Heimatkirche erzählt: „Hier ist es nicht mehr nur die Schmerzensmutter, nein, in Marias Gesicht ist schon österliche Hoffnung. Maria steht bereits über dem Karfreitag, entrückt und hoffnungsfroh.“ Nicht von ungefähr verwendet er genau diese Darstellung 1983 für sein Primizbild. Seit Jahrzehnten begleitet ihn an allen seinen Pfarrstellen „sein Maria Vesperbild“.

Seit Januar dieses Jahres nun ist Erwin Reichart Wallfahrtsdirektor in „Schwabens Marienhauptstadt“, wie Maria Vesperbild im Landkreis Günzburg liebevoll genannt wird. So geradlinig sein Lebensweg in dieser Hinsicht auch scheinen mag, es sind viele Wege und Umwege, die Erwin Reichart zu dem formen, was ihn heute ausmacht: Väterlichkeit und Güte, Bescheidenheit und Demut, Klarheit und Treue im Glauben.

Geboren wird Erwin Reichart 1954 als zweites Kind einer Arbeiterfamilie in Weitnau im Oberallgäu. Er wächst im Ortsteil Kleinweiler auf. Sein Vater arbeitet in der Fabrik, seine Mutter fertigt Handarbeiten an und betreut die Großeltern. Was er nach der Schulzeit werden will, weiß Erwin Reichart „zunächst gar nicht“. „Es gab bei uns im Ort zwei Fabriken. Die eine lehnte mich als Elektrikerlehrling ab, also machte ich bei der anderen eine dreijährige Schlosserlehre“, gibt er unumwunden zu. Ebenso, dass er immer gebetet hat: „Ich war überzeugt, dass Gott mir meinen Weg schon zeigen wird.“

Nach der Ausbildung besucht er die Berufsaufbauschule in Kempten und holt die Mittlere Reife nach. Und bald steht er wieder an einer Wegkreuzung seines Lebens: Fachoberschule Kempten, Bayernkolleg oder das Spätberufenenseminar St. Matthias in Wolfratshausen? Zu letzterem meint sein Freund und Mitschüler Ulrich: „Da muss man Pfarrer werden!“ Genau das will Reichart eigentlich nicht, er hält sich „nicht für würdig genug, zu wenig fromm“. Und doch geht er genau dorthin. Langsam, ja bedächtig erzählt der 64-Jährige von damals. Das „schreckliche Heimweh“, das er in Wolfratshausen hatte, klingt noch heute in seiner Stimme. „Es war furchtbar, Latein fiel mir so schwer, es gab keine richtigen Autoritäten, Trinkgelage statt Adventsstimmung.“ An Weihnachten beschließt er, „nach den Ferien nicht mehr zurückzukommen“. Doch Gott habe „es anders gefügt“. Ein Jahr vor dem Abitur weiß Erwin Reichart, dass er Priester werden möchte, aber er hat auch noch Zweifel. „Ich war sehr naiv damals, und die Kirche so sehr in Aufruhr.“ Vorbild im Glauben ist ihm sein Mitschüler Walter Böhmer, heute Pfarrer im schwäbischen Obergünzburg. „Er war einer der wenigen Treuen in diesem liberalen Sumpf damals“, erzählt Reichart. Er spricht plötzlich schneller, gestikuliert. Das Unverständnis dem „liberalen Ungeist“ gegenüber wird spürbar. „Von 120 Schülern gingen ungefähr drei in die Morgenmesse. Die Priester trugen bei den wöchentlichen Sitzmessen kein Messgewand, es gab lange Wortgottesdienste, aber eine schnelle Wandlung.“ Er fühlt, dass es „nicht richtig sein kann, so die heilige Messe zu feiern“. Auch als er im Februar 1977 sein Theologie- und Philosophiestudium in Augsburg beginnt, ist er oft ernüchtert und merkt schnell, „wie sehr es auf den Dozenten ankommt“. Mit einem „Modernismus, der das Neue Testament lächerlich machte“, hat er nichts am Hut. Ganz bewusst befasst er sich mit all den Strömungen und Ausprägungen der Kirche. „Die Auseinandersetzungen“ formen ihn – als Mensch und Priester.

Seine Diplomarbeit schreibt er im Fach Dogmatik über die „Wirksamkeit der Sakramentalien“. Nach seiner Priesterweihe 1983 wird er Kaplan in Dillingen, später Stadtprediger in Aichach. Von 1988 bis 2017 wirkt er als Pfarrer in Ebersbach und als Pfarrvikar in Ronsberg und Willofs, sechs Jahre lang als Dekan der Dekanate Marktoberdorf und Kaufbeuren, 2013 wird er zum Bischöflich Geistlichen Rat ernannt.

Vor gut 15 Jahren schreibt Erwin Reichart, damals seit mehr als 14 Jahren Pfarrer in Ebersbach, an den damaligen Generalvikar des Bischofs von Augsburg, dass er sich – „falls einmal eine Versetzung vorgesehen sein sollte“ – einen Marienwallfahrtsort wünschen würde. Die Bitte bleibt ungehört, und Reichart stellt sich darauf ein, „bis ans Lebensende in Ebersbach zu bleiben“. Im Herbst 2017 ist es der Augsburger Bischof Konrad Zdarsa, der andere Pläne mit ihm hat. In einem „guten und ehrlichen Gespräch“ habe dieser alle „Gegenargumente und Zweifel entkräftet“, bekennt Reichart, der sich selbst mit damals 63 Jahren die neue Aufgabe zunächst nicht zutraut. Seit Januar ist er nun Wallfahrtsdirektor in Maria Vesperbild.

Der Umzug ist nahezu bewältigt, auch wenn manche Bücherregale noch leer sind und Computerkabel noch auf ihren Einsatz harren. Die Erwartungen an Reichart sind groß, allein was die baulichen Herausforderungen an seiner neuen Wirkungsstätte betrifft. „Ja, wir werden im nächsten Jahr mit der Renovierung des Kirchturmes beginnen. 2020 soll die Außenrenovierung stattfinden, 2021 wird die Innenrenovierung folgen“, erklärt der Wallfahrtsdirektor. Vieles sei zum Glück schon vorbereitet worden, Sorgen mache ihm freilich die Finanzierung: „Die Kosten gehen auf die drei Millionen Euro zu.“

Weniger als „Direktor“, mehr „als Seelsorger und als Pilger“ sieht sich Reichart selbst. „Authentisch und echt“ will er bleiben, das habe ihm auch der Bischof mit auf den Weg gegeben. „Ich weiß, wie viele seelische Leichen auf dem Weg des Modernismus liegen. Ich möchte alle, die nach Maria Vesperbild kommen, im Glauben bestärken, ich möchte ihnen zeigen, welch ein Glück es ist, katholisch zu sein.“

Maria Vesperbild zieht auch den bayerischen Landesvater an. Am 8. August wird Ministerpräsident Markus Söder, selbst evangelischer Christ, den mittelschwäbischen Wallfahrtsort besuchen – auf Vermittlung des früheren bayerischen Justizministers Alfred Sauter. Geplant ist die Visite als eine „rein religiöse Veranstaltung“ und keinesfalls als ein „billiges Wahlkampfmanöver“, wie die Wallfahrtsdirektion mitteilt. Jeder „äußerliche Pomp“ werde bewusst vermieden.

Im Anschluss an eine Andacht in der Kirche wird Söder die Mariengrotte besuchen, „wo er zu Ehren der Muttergottes eine Kerze entzünden will“. In Maria Vesperbild suchen nicht nur Wallfahrtsdirektor Reichart und seine Pilgerscharen den Schutz und Halt der Gottesmutter, auch der bayerische Ministerpräsident weiß offensichtlich um die Notwendigkeit dieses himmlischen Beistands in allen Lebenslagen.

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20.09.2021, 13  Uhr
Andreas Drouve
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