Schutzschirm für die Gemeinschaft

Christoph Müllers Einführung in die Benediktsregel bietet wertvolle Lebensweisheiten aus dem Kloster. Von Barbara Wenz
Benediktsregel als Detail einer Statue des Heiligen von Nursia
Foto: KNA | Eine Handvoll Kulturgeschichte: Die Benediktsregel als Detail einer Statue des Heiligen von Nursia im Fuldaer Dommuseum.
Benediktsregel als Detail einer Statue des Heiligen von Nursia
Foto: KNA | Eine Handvoll Kulturgeschichte: Die Benediktsregel als Detail einer Statue des Heiligen von Nursia im Fuldaer Dommuseum.

Es ist kein Zufall, dass unsere heutige, oft so maßlos gewordene Gesellschaft die menschliche Weisheit der Benediktsregel, die in allem das rechte Maß zu finden wusste, wieder- und neu entdeckt. Es waren wohl moderne Manager und Unternehmer aus Industrie und Wirtschaft – christlich geprägt oder nicht – welche die ebenso kluge Ausgewogenheit wie heilsame Humanität der Regeln des „Vaters des abendländischen Mönchtums“ für ihre Aufgaben, nämlich Menschen zu führen und anzuleiten, neu entdeckten. Die Empfehlungen Benedikts, obwohl schon fast 1 500 Jahre alt, haben geholfen, eine Welt wieder aufzubauen, die nach dem Zerfall des römischen Imperiums materiell wie spirituell einer in tiefste Finsternis gehüllten Trümmerlandschaft glich; mehr noch, die Benediktinerklöster in Europa waren Leuchttürme, in denen das Feuer der Wahrheit behütet, die Weisheit der Antike bewahrt und Zivilisationstechniken wie Acker- und Landbau, Heilkunde, Bienenzucht, Bierbraukunst und vieles mehr kultiviert und weitergegeben wurden.

Nun ist die Regula Benedicti auch für spirituell Interessierte manchmal etwas sperrig zu lesen; Weisungen zur „Ordnung der Vigilien im Sommer“ oder zum „Gottesdienst in der Nacht“ sind für Laien in der Welt eher wenig relevant.

Christoph Müller, Benediktinerpater aus dem Kloster Einsiedeln in der Schweiz, hat seinen ebenso unterhaltsamen wie interessanten Leitfaden zur „regula“ also „Benedikt für Anfänger“ genannt. Im Tyrolia-Verlag erschienen, liefert dieser kleine Band aber auch überraschende und originelle Informationen für gute Kenner der Regel.

Im Kapitel „Bloß nicht murren! – Denn es gilt die Gemeinschaft zu schützen“ wird besonders deutlich, dass die Benediktsregel von einer ziselierten Ausgewogenheit ist, die sowohl das Zusammenleben mit anderen wie auch den Einzelnen schützen möchte: „Benedikts Sorge gilt aber nicht nur der Gemeinschaft, sondern auch dem Murrenden selbst. Eine persönliche Intervention des Abtes erweist sich in solchen Fällen meist als kontraproduktiv. Daher schlägt Benedikt einen anderen Weg vor, der auch für Brüder gilt, die schon öfters zurechtgewiesen wurden. Der Abt soll ältere, erfahrene Mönche vorschicken, die den schwierigen Bruder möglichst diskret kontaktieren und ihn günstig zu beeinflussen suchen. Dem Abt soll bei allem bewusst sein, ,dass er die Sorge für gebrechliche Menschen übernommen hat, nicht die Gewaltherrschaft über Gesunde‘.“

Dass das berühmte „Ora et labora“ gar nicht auf Benedikt zurückzuführen ist, es aber ein lateinisches Verb gibt, welches den Anliegen des Ordensgründers besonders gerecht wird, sind zwei von vielen informativen Details, die das Büchlein so besonders wertvoll machen. Es handle sich um das Verb „colere“, schreibt Müller, dessen drei Bedeutungen – bebauen und bearbeiten, pflegen und sorgen, verehren und anbeten – ihm zunächst zusammenhanglos vorgekommen seien. An einer seiner Stammformen „cultum“ sei gut zu erkennen, auf welche drei Punkte Benedikt besonderen Wert gelegt hatte: Erstens um das Bebauen und Bearbeiten des Bodens, also Agrikultur. Zweitens um die Sorge und Pflege von Gebäuden, Malerei, Musik etcetera. und drittens um die Verehrung und Anbetung Gottes als Kult im höchsten Sinne des Worte.

Nebenbei hat Müller das Buch mit kleinen Anekdoten aus dem Klosterleben gespickt; diese und die Karikaturen von Renato Compostella am Ende jedes Kapitels machen das Büchlein zu einer kurzweiligen Lektüre. Die griffigen Kapitelüberschriften wie etwa „Fragt die Jungen!“, „Fleisch für die Kranken“, „Fasten mit Maß und Ziel“ und „Für einen gesunden Ausgleich sorgen“ helfen dabei, sich die wesentlichen Punkte in der Benediktsregel leichter zu merken, die der Autor hier in seinen zwanzig Auszügen vorstellt und kommentiert. Noch griffiger freilich sind die dreisprachigen Unterschriften zu den einzelnen Karikaturen je Kapitel in Latein, Hochdeutsch und Schweizerdeutsch, die „sicherstellen sollen, dass niemandem die wesentliche Botschaft Benedikts entgeht“. Diese drei Sprachen nebeneinander zu sehen, ist ungewöhnlich vergnüglich, etwa wie hier am Ende des Kapitels zum Gemurre: „Non esse murmuriosum – Nicht murren – Nöd a allem umenörgele. Kurzweilige Unterhaltung und wissenswerte Informationen nicht nur für Einsteiger – das ist „Benedikt für Anfänger“ von Christoph Müller OSB.

Christoph Müller OSB: Benedikt für Anfänger. Lebensweisheiten aus dem Kloster. Zeichnungen von Renato Compostella. Tyrolia-Verlag, Innsbruck-Wien 2012, ISBN 978-3-7022-3201-6, EUR 12,95

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