Reise in eine Hauptstadt des europäischen Laizismus

Als Theologe war Joseph Ratzinger ein „glühender Verehrer" der französischen Kultur – Als Papst erinnert er in Paris an deren Wurzeln

Rom (DT) Von allen Sprachen, die er spricht, beherrscht Benedikt XVI. das Französische am besten. Fast akzentfrei, wie Muttersprachler aus dem Land berichten, dem der deutsche Papst jetzt seinen ersten Besuch abstattet. „Leben wie Gott in Frankreich“ hieß die große Hommage des Schriftstellers und Paris-Korrespondenten Friedrich Sieburg an die „Grande Nation“. Es gibt sie, die deutschen Intellektuellen, deren Herz nicht für das Mittelmeer, das südliche Arkadien, schlägt oder die den Geist der Briten schätzen, sondern die es zu den Franzosen und ihrer Kultur hinzieht. Joseph Ratzinger gehört zweifellos dazu.

Ein Kenner französischer Literatur und Theologie

Im Mai 1998 besuchte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation die Villa Bonaparte in Rom, Sitz des französischen Botschafters beim Heiligen Stuhl. Jean-Louis Lucet, so der Name des damaligen Amtsinhabers, hatte dem deutschen Kardinal im Auftrag von Präsident Jacques Chirac den Kommandeurs-Orden der Ehrenlegion zu überreichen – und Ratzinger bedankte sich mit den Worten, dass er „immer, von Jugend an, ein glühender Verehrer“ der „Douce France“, des „süßen Frankreichs“ gewesen sei. Er habe die Werke von Georges Bernanos, François Mauriac und Charles Péguy gelesen, aber auch säkulare Autoren wie Jean Anouilh und Jean-Paul Sartre. In höchsten Tönen sprach Ratzinger damals auch von den großen Theologen, von Yves Congar, Jean Daniélou, Marie-Dominique Chenu und dem Jesuiten Henri de Lubac – alles Vertreter der von Papst Pius XII. kritisch beäugten „Nouvelle Théologie“ –, um dann einen begeisterten Toast auf Frankreich auszubringen: „Es lebe die Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland. Vive la France!“

Der junge Theologe Joseph Ratzinger war kein Thomist – und ist auch nie mehr einer geworden. Aber nach dem Zweiten Vatikanum war er nicht die Wege gegangen, die einen Karl Rahner oder Edward Schillebeeckx zu einer oft fragwürdigen Neuformulierung des katholischen Glaubensguts führten. Stattdessen wandte sich Ratzinger den Kirchenvätern zu, Bonaventura und vor allem Augustinus. Und dabei waren ihm nicht zuletzt die Vertreter der „Nouvelle Théologie“, der „neuen Theologie“, Lehrer und Pfadfinder zugleich. Frankreich war es auch, wo Ratzinger viel beachtete Vorträge gehalten hat, so etwa 1983 auf Einladung der dortigen Bischofskonferenz das Referat über die Krise der Katechese und ihre Überwindung.

Noch drei weitere Erzbischöfe (Ryan aus Dublin, Danneels aus Mecheln/Brüssel und Macharski aus Krakau) kamen damals zu Wort. Aber nur der Vortrag des Glaubenspräfekten schlug ein wie eine Bombe. Da hatte es der Kardinal gewagt, vom regelrechten „Zusammenbruch der klassischen Katechese“ zu sprechen und wieder das Erlernen der Glaubenswahrheiten nach dem guten, alten Katechismus zu empfehlen. Der unter seiner Ägide abgefasste „Katechismus der Katholischen Kirche“ sollte dann genau zehn Jahre später erscheinen.

Berühmt wurde auch der Vortrag, den er im November 1992 im Kuppelsaal der Académie française hielt, als er den Platz von Andrej Sacharow in der Académie des Sciences Morales et Politiques einnahm und über moralische Prinzipien in demokratischen Gesellschaften sprach. Damals warnte er davor, dass ein strenger Positivismus, „der sich in der Verabsolutierung des Mehrheitsprinzips ausdrückt“, irgendwann unvermeidlich in Nihilismus umschlage. Wenn aber eine Gesellschaft an nichts mehr glaube, wenn sie nicht mehr den geschichtlichen Grund ihrer Kultur und „die darin verwahrten sittlich-religiösen Einsichten“ achte, führe das zum Selbstmord dieser Kultur und der gesamten Nation.

Gleich am ersten Tag seiner Frankreichreise hat jetzt Benedikt XVI. dieses Thema wieder aufgegriffen, als er im „College des Bernardins“ in Paris vor siebenhundert Vertretern des kulturellen, politischen und wissenschaftlichen Lebens über Kultur und Religion sprach. Der Papst ist wieder in Frankreich und vor allem Paris wird ihm eine Bühne sein, um eine Grundfrage Europas am beginnenden 21. Jahrhundert anzusprechen: Wie kann eine Gesellschaft nach eigenen Regeln eine gesunde Laizität leben, ohne ihre geschichtlichen Wurzeln – und dazu gehört in Europa vor allem das Christentum – im Säurebad der „Diktatur des Relativismus“ aufzulösen? Der Augenblick ist günstig, aber nicht ganz ungefährlich.

Denn Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy bietet sich dem Vatikan als fast idealer Gesprächspartner an. Entgegen dem Protokoll hat er gestern Benedikt XVI. bereits am Flughafen begrüßt. Der Präsident hat ein Gespür für das Religiöse. Als er im Dezember vergangenen Jahres in der Bischofskirche des Papstes die Ernennungsurkunde zum Ehren-Kanoniker der römischen Lateransbasilika entgegennahm – ein Privileg, das allen französischen Staatspräsidenten zusteht –, erklärte er, mit seiner Anwesenheit wolle er deutlich machen, dass „wir den Beitrag der katholischen Kirche zur Orientierung und zur Gestaltung unserer Zukunft brauchen“. Er erinnerte daran, dass seit den Zeiten Karls des Großen feste Bindungen zwischen seinem Land und der Lateransbasilika bestünden, der ersten Kirche der Christenheit.

Und umgekehrt meinte Kardinal Camillo Ruini, damals noch der Vikar des Papstes für die Diözese Rom: „Es ist sicher kein Angriff auf die legitime Laizität der Französischen Republik, für sie zu beten und für sie die Gnade Gottes anzurufen, damit die Männer und Frauen, die sie lenken, ihren Einsatz für den zivilen internationalen Frieden sowie für wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung zu einem guten Ende bringen.“

Aber es gilt aufzupassen, wenn man die Laizität, die sich die Französische Republik in die Verfassung geschrieben hat, zum Thema eines versöhnlichen Dialogs zwischen Rom und Paris macht. Nach dem Lateran-Besuch mit all den versöhnlichen Tönen beschwerten sich die Freimaurer des Landes bei Sarkozy wegen einer allzu deutlichen Bevorzugung der katholischen Kirche – mit Erfolg. Zumindest musste der Präsident ihnen versprechen, ähnlich wie die katholische Seite im öffentlichen Fernsehkanal „France 2“ eine eigene Sendezeit zu erhalten. So könnte es jetzt auch Benedikt XVI. geschehen: Dass ein betont herzlicher Empfang des Papstes die antiklerikalen Kräfte Frankreichs in Stellung bringt. Seit der 1905 per Gesetz verfügten Aufkündigung des Napoleonischen Konkordats mit dem Vatikan und der strikten Trennung von Kirche und Staat wachen die Hüter des französischen Laizismus eifersüchtig darüber, dass der Katholizismus im Lande nicht mehr die Grenzen des Privaten überschreitet. Schon Papst Pius X. hat diesen antikirchlichen Laizismus verurteilt. Mit einer „legitimen“ oder „gesunden Laizität“ ist man jedoch in Rom ganz einverstanden – auch wenn beide Worte sprachlich so eng beieinander liegen.

Die Kirche hat gelernt, mit dem Gesetz von 1905 zu leben

Niemand Geringeres als Sarkozy selber hat das in seinem Buch „Die Republik, die Religionen, die Hoffnung“, das er noch als französischer Minister dem Vatikan überbrachte, so beschrieben: „Ich glaube an eine positive Laizität, an eine Laizität, die das Recht, seine eigene Religion zu leben, als grundsätzliches Recht der Person garantiert. Die Laizität ist nicht die Feindin der Religionen, im Gegenteil. Die Laizität garantiert jedem Einzelnen von uns, den eigenen Glauben zu bekennen und zu leben.“

Das Prinzip der 1905 in Frankreich verfügten Trennung von Kirche und Staat bestand darin, die Rechte der Kirche auf den kultischen Raum zu beschränken und ihr jedes Recht als kulturelle und soziale Kraft zu nehmen. Im Laufe der Jahrzehnte hat die Kirche in Frankreich gelernt, mit diesem Gesetz zu leben, auch dank einer Justiz, die die Bestimmungen von 1905 immer sehr weit ausgelegt hat.

Den Glauben zu leben, wie es Sarkozy geschrieben hat, bedeutet aber auch, ihn im sozialen Bereich oder auf dem Gebiet der Bildung Gestalt annehmen zu lassen, etwa durch katholische Schulen. Der dem Französischen sehr aufgeschlossene Papst aus Deutschland könnte die richtigen Worte finden, um die Befriedung zwischen Kirche und französischem Staat in dieser Richtung weiterzuführen. Allerdings ist auch festzuhalten, dass es nicht die katholische Kirche war, die die „religiöse Frage“ in Frankreich in den letzten Jahren wieder auf die Tagesordnung gesetzt hat, sondern der Islam.

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