Offen für alternative Weltanschauungen

Es bleibt ein fader Nachgeschmack: Impressionen von den Dialogveranstaltungen auf dem 36. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Von Josef Bordat
Foto: dpa | Das Kreuz stellt auf dem Kirchentag eine von vielen Perspektiven dar.

Berlin (DT) Dialog mit Juden und Muslimen, Dialog mit Nichtglaubenden und Andersdenkenden, Dialog mit der AfD – der 36. Deutsche Evangelische Kirchentag hat sich alle Mühe gegeben, offen zu sein für die alternativen Weltanschauungen. Und für die Ökumene. In Zusammenarbeit mit dem Zentralkomitee der Katholiken (ZdK) fand am Samstag ein Thementag „Ökumene“ statt, mit theoretischen Impulsen und pastoralpraktischer Veranschaulichung. Das alles unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Ökumene kein Dialog, sondern ein Trialog ist: die Orthodoxie darf nicht vergessen werden, auch wenn sie hierzulande quantitativ im Schatten der „Großkirchen“ steht.

Entsprechend waren die Veranstaltungen des Ökumenetags ausgelegt. Am Vormittag kamen unter dem Leitmotiv „Nachfragen – voneinander lernen“ sehr unterschiedliche Positionen zum Ausdruck, vertreten durch Bettina Beer-Aebi, evangelisch-reformierte Beauftragte für Kirchenbeziehungen des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Erzpriester Radu Constantin Miron von der griechisch-orthodoxen Kirche, den Katholiken Burkhard Neumann vom Johann-Adam-Möhler-Institut für Ökumenik (Paderborn) und den Vizepräses des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden, Frank Uphoff.

Sie diskutierten unter der Moderation der Geistlichen Elisabeth Krause-Vilmar vom Zentralausschuss des Ökumenischen Rats der Kirchen und Alexandra Pook, einer Priesterin der Alt-Katholischen Kirche. Die musikalische Gestaltung übernahm der ÖChor mit Band – ein ökumenischer Jugendchor aus Mössingen. Am Nachmittag stand dann die Praxis im Vordergrund. Nach pastoraltheologischen Impulsen Matthias Sellmanns, Gründer und Leiter des Bochumer Zentrums für angewandte Pastoralforschung, gaben Studierende, Sternsinger und Pfadfinder Beispiele ökumenischen Handelns im akademischen, im sozial-karitativen und im spirituellen Bereich. Bemerkenswert: die Initiative „Friedenslicht aus Bethlehem“, getragen von katholischen und evangelischen Pfadfinderinnen und Pfadfindern, die zu Weihnachten das Licht aus Bethlehem in Gemeinden und Schulen tragen, von wo es dann weiter gereicht wird – in die Familien hinein.

Konfessionsunterschiede spielen dabei, so die Vertreter der Pfadfinder, keine besondere Rolle, der Verband ist stark international ausgerichtet. Dies, aber auch die Tatsache, dass das Päpstliche Kindermissionswerk faktisch längst ökumenisch getragen wird, zeigt das Potenzial einer Zusammenarbeit der Konfessionen. Doch ansonsten bleibt ein fader Nachgeschmack. Universitäre Theologie, pastorale Praxis, Kultur – schon die Aufzählung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer macht deutlich, wie vielschichtig das Thema ist – und wie schwer es wird, in den Kernpunkten zur Einheit zu gelangen. Gerade auch der Umstand, dass mit Alexandra eine alt-katholische Priesterin (und nicht nur Pastorin) moderierend durch den Tag führte, macht sofort deutlich, dass noch eine lange Wegstrecke zu bewältigen ist. Daran ändert auch der donnernde Applaus bei ihrer Vorstellung nichts.

Gehen wir in medias res. Die Vertreter der verschiedenen christlichen Kirchen und Gemeinschaften umreißen gleich zu Beginn in den biographischen Interviews die unterschiedlichen Charismen ihrer Konfessionen. Sie berichten von Diskriminierungserfahrungen in der Diaspora, aber auch von Abgrenzungsbemühungen gegenüber dem religiösen Mehrheitsempfinden ihrer Wirkungskreise.

Auch für Selbstkritik ist Platz: „Etwas wortlastig“ und „recht arm an Ritualen“ sei ihre Liturgie schon, meint die reformierte Beer-Aebi. Auch die Tatsache, dass es nach Luther weiterging – mit weiteren Abspaltungen – wird von der Schweizerin thematisiert: Calvin und Zwingli. Das tut gut, in der Atmosphäre des Deutschen Evangelischen Kirchentags, der – mal ernst, mal ironisch – dazu neigt, Luther als Säulenheiligen zu behandeln.

Dass Bilder und Zeichen unbedingt zur Spiritualität gehören – neben dem Wort –, nimmt der griechisch-orthodoxe Erzpriester gut gelaunt auf: „Wir denken ja auch nicht nur mit einer Gehirnhälfte“. Der römisch-katholische Vertreter gab schmunzelnd zu, in manchen Fragen „evangelisch kontaminiert“ zu sein, zugleich durch die ökumenische Erfahrung besser bestimmen zu können, warum er in seiner Kirche ist und bleiben will. Den Wert der Reformation sieht er vor allem im Zuwachs der individuellen Freiheit in Gewissens- und Glaubensfragen. Der Christ werde unverfügbar, das Menschenbild Luthers sei mithin die eigentliche „Herausforderung“.

Frank Uphoff versucht die „im letzten Jahr um 8, 5 Prozent gewachsene“ Pfingstbewegung an die Reformationstradition anzuschließen. Er sieht eine Verbindung zur Täuferbewegung (Baptisten). Die Attraktivität seiner Gemeinschaft sieht er in der starken „Erfahrungsorientiertheit“ charismatischer Spiritualität. Damit ist der farbenfrohe theologische Fächer geöffnet: die kopflastige Debattenkultur, die dogmatisch definierte Zeichenhandlung, die persönliche „Erfahrung mit Jesus“. Nichts davon kann den Primat beanspruchen, nichts davon darf fehlen.

Wie wichtig eine saubere Klärung der Begriffe und ihrer Ideengeschichte ist, zeigt die Tübinger Dogmatikerin Johanna Rahner im Hauptvortrag des Tages. Zunächst nimmt die katholische Theologin den Luther-Kult auf den Arm. Es ärgere sie, dass man meine, Luthers Reformation habe die Moderne, die Freiheit, die Toleranz gebracht – also, alles Gute. „Da bin ich dann froh, dass das Rad vor 500 Jahren schon da war, sonst würde man heute meinen, Luther habe das auch erfunden.“ Es bleibt eigentümlich still im Publikum.

Reformation, so Rahner, sei „eine Lerngeschichte“, für alle. Sie sei ein überkonfessioneller Vorgang, der ein vielgestaltiges Erbe geschaffen habe. Johanna Rahner verdeutlicht das am Beispiel des Konzepts „Freiheit“. Luther als Befreier – das beziehe sich auf den Freiheitsbegriff seiner Zeit. Mit dem der Aufklärung und dem der Moderne habe er nichts zu tun. Luthers Freiheit gehe von Gott aus – Gott ist der Befreier. Der Freiheitsbegriff gehöre daher allen Christen, insoweit er Teil der europäischen Geistesgeschichte sei. Sie resümiert: „Wir stehen heute auf dem Grund einer ökumenischen Bildungsgeschichte Europas, die in der Welt einzigartig ist.“

Trotz des wunderbaren Frühsommerwetters war die Französische Friedrichstadtkirche am Gendarmenmarkt überfüllt. Das Thema zieht also. Und das ist gut so. Denn trotz aller offenkundigen Schwierigkeiten ist die Einheit der Kirche ein Ziel der Christenheit, das auch nach einem halben Jahrtausend fortschreitender Spaltungserfahrung und gewaltiger Zentrifugalkräfte nicht aus den Augen verloren werden darf. Der Weg – so steinig und steil er sei – muss gegangen werden. Nächstes Etappenziel: Frankfurt am Main. Dort findet vom 12.–16. Mai 2021 der dritte Ökumenische Kirchentag statt.

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