Ökumenische Stunde des Gewissens

Mit der „Erklärung von Manhattan“ setzen Christen in den Vereinigten Staaten ein Zeichen für den Schutz des Lebens und der Familie

Würzburg (DT) Ziviler Ungehorsam kann angesichts der Kultur des Todes (Johannes Paul II.) ein Gebot der Stunde sein: Auf den Ruf des christlichen Gewissens verweist ein Appell prominenter Katholiken, Orthodoxer, Anglikaner und Evangelikaler in den Vereinigten Staaten „an alle Menschen guten Willens“. Vor allem Politiker sollen ermutigt werden, Gesetze, die den Schutz des menschlichen Lebens, der Familie und der Religionsfreiheit gefährden, kritisch zu überdenken. „Im Gehorsam gegen den einen wahren Gott“ stellten die Verfasser des Appells am 20. November im Nationalen Presseclub von Washington ihre „Erklärung von Manhattan“ vor.

Zentraler Gegenstand des Textes ist die Sorge um das Recht auf Leben und die Institution Familie: „Uns bereitet die ernsthafte Gefährdung des Lebens Ungeborener, Behinderter und alter Menschen tiefe Sorge“, heißt es in der Erklärung. Die mit der Abtreibung einsetzende Abwertung des Lebens habe nun Metastasen gebildet. Im Namen der Wissenschaft würden Embryonen auf Kosten des Steuerzahlers zu Forschungszwecken getötet. Mit Nachdruck unterstreichen die Verfasser die Würde jedes Menschen als Abbild Gottes, die Ehe als Keimzelle der Gesellschaft und Verbindung zwischen Mann und Frau sowie die Religionsfreiheit.

Kritische Worte finden sich in der Erklärung über die Regierung Obama. Der Präsident trete für liberalere Abtreibungsregelungen zu Lasten effektiver Lebensschutzgesetze ein. Zu letzteren gehört das Verbot der Finanzierung von Schwangerschaftsabbrüchen durch Steuergelder, gesetzlich vorgeschriebene Wartefristen für abtreibungswillige Frauen und die Zustimmungspflicht der Eltern bei Abtreibungen an Minderjährigen. Obama sowie viele Abgeordnete und Senatoren befürworteten eine Ausweitung der Embryonenforschung und wollten „therapeutisches Klonen“ staatlich fördern. Auch am Ende des Lebens sei der Mensch zunehmend durch aktive Sterbehilfe bedroht. Die Familie sei seit mehreren Jahrzehnten einer „Erosion“ ausgesetzt. Das geschehe durch zunehmende Akzeptanz von Ehebruch und Scheidung ebenso wie durch die Gleichstellung homo- und bisexueller Partnerschaften. Niemand habe aber das Recht, eine nicht-eheliche Beziehung wie die Ehe zu behandeln, heißt es. „Um die Familien zu stärken müssen wir aufhören, Promiskuität und Untreue als besonders reizvoll darzustellen und den Sinn der Menschen für die Schönheit, das Geheimnis und die Heiligkeit der Liebe zwischen Eheleuten zu fördern.“ Gleichgeschlechtliche Partnerschaften seien eher ein Symptom denn eine Ursache für die Aushöhlung der Ehe.

Der Erklärung zufolge liegt eine Ironie der Gegenwart darin, dass Verfechter von Minderheitenrechten durchaus rücksichtslos gegen die religiöse und moralische Freiheit anderer vorgehen und Klauseln zum Schutz der Gewissensfreiheit einschränken. Als Beispiel wird der Bundesstaat Massachussetts zitiert: Nachdem die Freigabe gleichgeschlechtlicher Ehen per Gerichtsbeschluss durchgesetzt worden war, zogen sich katholische Wohltätigkeitsverbände notgedrungen aus der Adoptivvermittlung zurück, da sie ansonsten gezwungen gewesen wären, Kinder an homosexuelle Paare zu vermitteln. „Einschränkungen der Gewissensfreiheit oder der Möglichkeit, Mitarbeiter der eigenen Religionsgemeinschaft bevorzugt einzustellen, unterminieren die Lebensfähigkeit gesellschaftlicher Strukturen, die einem Übermaß an staatlicher Autorität entgegenwirkt. Die Auflösung der bürgerlichen Gesellschaft ist der Vorbote der Tyrannei.“

Die Unterzeichner formulieren auch ihre Sorge über weltweite Verletzungen der Menschenrechte. Dazu gehörten „ethnische Säuberungen“ ebenso wie Kriegsopfer, Kindesmissbrauch, Menschenhandel und die Verfolgung aus religiösen Gründen.

Der „Weckruf“ wurde gemeinsam von dem katholischen Rechtswissenschaftler Robert P. George (Universität Princeton), dem evangelikalen Theologieprofessor Timothy George (Universität Samford) und dem Publizisten Chuck Colson (Washington) erarbeitet. Zu den 150 Erstunterzeichnern zählen die Kardinäle Adam Maida und Justin Rigali sowie die Diözesanbischöfe von Washington, Denver, Oakland, New York, Louisville, Portland, Newark, Kansas City, Saint Paul und Minneapolis, Phoenix, Pittsburgh und Colorado Springs. Zu ihnen haben sich der Papstschüler und Begründer des Verlags Ignatius Press, Pater John Fessio SJ und der Präsident der „Catholic League“ William Donohue gesellt, ferner das Oberhaupt der Orthodoxen Kirche in Amerika sowie führende Repräsentanten der evangelikalen Bewegung. Darunter sind nicht nur politisch Konservative, sondern beispielsweise auch der Sozialethiker Ron Sider, Direktor der Gruppe „Evangelikale für Soziale Aktion“ (Wynnewood/Bundesstaat Pennsylvania). Und die Liste der Unterstützer wird täglich länger: 107 137 Personen hatten die „Manhattan Erklärung“ bis Mittwoch mittag online unterzeichnet.

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