„Nur wer den Menschen kennt, der kennt Gott“

Predigt von Joachim Kardinal Meisner, Erzbischof von Köln, bei der Herbstvollversammlung der deutschen Bischöfe in Fulda am 25. September 2008

Liebe Brüder, liebe Schwestern!

1. Es gibt kaum einen Heiligen, der so viel Unverständnis und Ablehnung hervorruft, wie Bruder Klaus, der Landesvater und der Friedensstifter der Eidgenossenschaft in der Schweiz. Als Fünfzigjähriger – seine zehn Kinder waren schon erwachsen –, verließ er am 16. Oktober 1467 Haus, Hof und Familie, um irgendwo als Einsiedler eine Klause zu suchen und sich ausschließlich Gott hinzuwenden.

Übrigens, etwas Ähnliches spielte sich im Leben der heiligen Johanna Franziska von Chantal ab. Als junge Mutter von 29 Jahren mit vier Kindern wird sie im Jahre 1601 Witwe. Mit 38 Jahren verlässt sie die gut versorgte Familie, um Gott in der Gründung des Heimsuchungsordens zu dienen. Und als sich dabei ihr Sohn Celse-Benigne in die Tür legte, um die Mutter in der Familie festzuhalten, schritt sie über ihn hinweg. Auch das provoziert und rückt die Heilige in die Nähe des Pathologischen.

Lebensweg der Heiligen ist Hinweis auf Gott

Nur als Mutter Teresa von Kalkutta die Geborgenheit der Gemeinschaft bei den Loretoschwestern verlassen hatte, um Gott in den Armen zu dienen, nimmt niemand Ärgernis. Das passt wohl eher in unsere Vorstellungen von Gott und seinen Erwählten. „Nur wer Gott kennt, kennt den Menschen“, sagt Romano Guardini. Wir können aber auch umgekehrt sagen: „Nur wer den Menschen kennt, der kennt auch Gott.“ Der Lebensweg dieser ersten beiden großen Heiligen ist ein Hinweis darauf, wer Gott ist. Er ist nicht der gutmütige Großvater, der zu allem, was der Mensch sagt, denkt oder tut, „Ja“ und „Amen“ zu sagen hat, sondern diesen Gott erkennt man an seinen Forderungen. Sicher ist aus der Lebensberufung des hl. Niklaus von der Flüe keine Regel abzuleiten, aber das gibt es: Gott ist absoluter Herr des Himmels und der Erde und natürlich auch Herr des Menschen, sodass er im Einzelfall einen solchen Menschen aus den engsten Familienbanden herauslöst, um mit ihm seine speziellen Ratschlüsse in der Welt zu verwirklichen.

Er ist wirklich, wie der heilige Ignatius von Loyola definiert, der „Deus semper maior“, das heißt der je größere Gott, den wir mit unseren Denkkategorien nicht einfangen können. Ich persönlich habe am Schicksal des hl. Klaus von der Flüe mehr von der Gotteslehre begriffen als später in den theologischen Vorlesungen: Gott ist Herr, der Mensch ist sein Geschöpf, und der Christ ist Kind Gottes und Bruder Jesu Christi. Und wie der Vater im Himmel seinem Sohn vieles zum Heile der Menschen zugemutet hat, so tut der Sohn das mitunter an einem Menschen: „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt“ (Joh 15, 9). Und die Liebe Gottes wird oft in seinen Zumutungen an uns Menschen deutlich. Was ist das für ein Gott?

2. Der heilige Klaus von der Flüe kann uns in seiner Berufung den Blick auf Gott hin freimachen. Dann leben wir im Verbindlichen und nicht im Unverbindlichen, und dann stimmt das menschliche Leben auch wieder. Denn ohne Gott, ohne diesen Fixpunkt außerhalb unserer selbst verrutscht das ganze Koordinatensystem unseres Lebens. Ist er der Wirkliche oder müssen wir ihn uns erst als solchen erdenken? Ist er der Wahre oder müssen wir die Wahrheit selbst erfinden? Gott ist, das bedeutet: Es gibt die Hoheit der Wahrheit; es gibt die Würde des Rechts über allen Zwecken und über alle Interessen hinaus; es gibt den unantastbaren Wert des irdisch Wertlosen, zum Beispiel den Wert des unheilbar Kranken, die Würde des ungeborenen Kindes; es gibt die Anbetung Gottes selbst, sein Lob, dass den Menschen vor der Diktatur der Zwecke und Zwänge schützt und allein imstande ist, ihn vor der Diktatur der vielen Götzen zu verteidigen.

Was entsteht hier für eine Welt? Wahrlich, hier trifft das Herrenwort zu: „Wie im Himmel, so auf Erden.“ Das wird im Leben von Bruder Klaus von der Flüe deutlich. Seine Christusnachfolge wirkt wirklich befreiend. Denn der Grund dazu liegt nicht in den Dingen, die man ihm wegreißen und aus den Händen schlagen kann, sondern er liegt in der innersten Tiefe seines Daseins gegründet, die keine Macht der Welt zu entreißen vermag, nämlich im Dasein Gottes selbst. Jeder äußere Verlust sollte ihm zu einer Hinführung auf dieses Innerste werden und ihn reifer machen für seine missionarische Berufung an seinem Volk. Gottes Dasein ruft den Menschen in seiner Christusnachfolge über sich selbst hinaus. Es befreit ihn aus allen Bindungen an Menschen und Welt und erhebt ihn zu Gottes Größe. Wie wir wissen, geschieht das zugunsten der Menschen.

3. Der heilige Niklaus von der Flüe wurde auf einen Weg geführt, auf dem er nicht in die Versuchung kam, sich selbst oder die Dinge, die ihm am Herzen lagen, zu vergöttern. Auf einem solchen Weg klinkt der Mensch sich aus all dem aus, was für ihn eigentlich gang und gäbe ist, sich selbst zu bestimmen und zu verwirklichen. Wer heute – wie der heilige Niklaus von der Flüe damals – sagt, es gebe nur den einen und einzigen Gott, der wendet sich gegen die Anbetung der Macht und dagegen, Politik oder Reichtum oder Vergnügen oder Menschen absolut zu setzen. Dort, wo der Mensch sich Gott entzieht, da greifen all diese Dinge wie Götter nach dem Menschen. Aber wer wie Bruder Klaus von der Flüe sich ganz Gott verschreibt, der muss sich nicht mehr auf sich selbst stellen, der muss den Sinn seines Lebens nicht mehr in den Menschen oder Dingen um sich herum suchen, der braucht sich nicht mehr selbst von irgendetwas zu befreien, sondern der kann sich immer nur wieder befreien lassen. Im heiligen Bruder Klaus ist uns Gott so nahe und zugänglich geworden, dass wir ihn erreichen können. Gott ist so ohne Grenzen, dass er sich auf das Maß von Niklaus von der Flüe eingelassen hat. Seine kleine schlichte Klause hatte zwei Fenster. Das eine führte in die angrenzende Kapelle auf das Kreuzesbild über dem Altar, und das andere Fenster führte zu dem kleinen Vorplatz, zu dem permanent Menschen kamen, um in ihrer Not und Ausweglosigkeit seinen Rat zu erbitten. Gott reicht in das Geringste der Menschen hinein, weil nichts zu gering für ihn ist. Das macht er an Niklaus von der Flüe deutlich. Das höchste Wesen verliert sich nicht im Abstrakten. Es ist keine reine Mathematik des Alls, sondern lebendige persönliche Zuwendung. Gott ist nicht nur der „Deus semper maior“, der je größere Gott; er ist auch der „Deus semper minor“, das heißt der je kleinere Gott. Er passt in unsere Maße hinein. Und Niklaus von der Flüe ist in seinen kleinen und eng begrenzten Lebensverhältnissen ein authentischer Dolmetscher der großen Ratschlüsse Gottes für die Menschen und darum gerade für unsere Situation eine lichtvolle Gestalt.

4. Wem werden denn die Menschen in unserer von Zweifeln und Abfall geprägten Gesellschaft glauben? – Die Antwort kann doch eigentlich für vernünftige Menschen nur lauten: „Gott glauben“, denn er ist der Einzige, der den Glauben des Menschen rechtfertigt und nicht enttäuscht. Und wir glauben Gott nicht, um gut durchs Leben zu kommen, um einen festen Halt zu haben, um moralisch aufgebessert zu werden oder um die Welt zu erklären oder die Gesellschaft zu verbessern. Nein, unser Gott ist keine Art von Zulieferungsbetrieb von Ersatzteilen für beschädigte menschliche Existenzen. Gott ist nicht Ersatzteil, „Gott ist mein Anteil auf ewig“, wie der Psalmist sagt (Ps 73, 26). Dabei erinnert er sich an seinen Ackeranteil, den er bei der Landverteilung durch Auslosung erhalten hat. Von diesem ausgelosten Ackerteil muss er leben. Gott ist mein Lebensunterhalt, mein Lebenselixier. Er fungiert dabei nicht nur für uns als Geber aller guten Gaben, nein, er ist die gute Gabe selbst. Wir glauben Gott – wie Niklaus von der Flüe –, weil wir etwas von ihm erfahren haben, was für uns wahr ist, was uns Freude macht, was uns fasziniert und was wir den anderen einfach weitersagen möchten. Er erhält uns, und er trägt uns. Nicht wir fassen Gott an und halten ihn, sondern Gott fasst uns an und hält uns, und zwar jeden einzelnen Menschen.

„Nicht darin besteht die Liebe, dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat“ (1 Joh 4, 10), sagt der Apostel Johannes. Diese Verhältnisbestimmung ist die Mitte allen Glaubens und allen Vertrauens. Vertrauen ist nur ein anderer Name für Glaube. Vertrauen ist nicht zuerst Leistung des Menschen, sondern immer Geschenk Gottes. Der Grund unseres Glaubens liegt außerhalb von uns selbst. Nicht gläubige Gefühle in uns und die mehr oder weniger glaubensfeindliche Welt um uns sind entscheidend für unseren Glauben! Unser Glaube hat seinen Grund außerhalb von uns und unserer Umwelt, nämlich in Gott allein. Aber dieser außer uns liegende Grund steht zu uns in einer festen Beziehung.

Nur demütigem Denken zeigt sich Gott als Urgrund der Welt

5. Im Kreuz Christi greift Gott in unsere Welt ein und fasst uns buchstäblich unter die Arme. Darum werden wir manchmal gegen unsere eigenen Erfahrungen Gott darin Recht geben müssen, dass wir von ihm geliebt sind. Dafür steht der heilige Niklaus von der Flüe in der Kirche und in der Welt: Als Geschöpf Gottes trägt Niklaus von der Flüe die Spuren Gottes tief verborgen in sich selbst. In seinen Sehnsüchten nach Gott bewegten sie sein Herz, das nun für sein Volk offen stand. „Nur wer Gott kennt, der kennt den Menschen“, und nur wer den Menschen kennt, der kennt Gott.

Wir lernen diesen Gott in der Klause im Ranft kennen, in der Niklaus von der Flüe betet und den Menschen beisteht. Alles Machen-können nützt nichts, wenn wir nicht wissen, wozu es dient, wenn wir nicht mehr fragen, wer wir sind und was die Wahrheit der Dinge ist. Wenn nur jenes Wissen zählt, das sich am Ende durch ein Machen-können ausweisen lässt, dann sind wir kurzsichtige Toren, die ihr Leben auf Sand gebaut haben. Nur der inneren Wachsamkeit und der Fühlsamkeit für das Ganze der Welt, nur einer Demut des Denkens, die bereit ist, sich der Majestät der Wahrheit zu beugen, vor der wir nicht Richter, sondern Bettler sind, zeigt sich Gott als Urgrund der Welt. Das erleben wir in der Klause von Sachseln mehr als vielleicht in einem Hörsaal. Wenn schon gilt, dass die großen Ergebnisse der Wissenschaft sich nur langer, wachsamer und geduldiger Arbeit öffnen, die bereit ist, sich immer neu korrigieren und belehren zu lassen, dann versteht sich von selbst, dass die höchsten Wahrheiten eine große Beständigkeit und Demut des Hörens verlangen. Es geht hier um die Urhaltungen des Menschen überhaupt. Sie sind bei Bruder Klaus von der Flüe zu lernen: Nur dem demütigen Vernehmen, das sich durch keine Verweigerung entmutigen und sich weder durch Beifall noch durch Widerspruch verführen lässt, öffnet sich die Hoheit der Wahrheit und damit der Zugang zur wahren Größe Gottes und des Menschen. Wo wirklich Glaube gelebt wird – wie in der Klause im Ranft –, da geschieht etwas, was die Welt im Innersten berührt und verändert: Sie wird Anwesenheitsort Gottes und Berührungspunkt des Menschen mit Gott selbst. Amen.

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