„Nicht sehr überzeugend“

ZdK-Präsident skeptisch über Dementi der deutsch-türkischen Schule zum Weihnachtsverbot

Vatikan (DT/dr/rv) Wohin entwickelt sich die Türkei? Das muss man sich nicht erst seit dem Mord am russischen Botschafter vom Montagabend in Ankara fragen. Für Befürchtungen und Fragen sorgt auch die Meldung, dass am deutsch-türkischen Elitegymnasium Istanbul Lisesi Weihnachten im Unterricht angeblich nicht thematisiert werden darf.

Nach Angaben des Auswärtigen Amts soll dieser Streit inzwischen beigelegt sein. Aber der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, traut der Beschwichtigung nicht. Er hat den Eindruck, dass es das Weihnachtsverbot an der Lisesi-Schule tatsächlich gegeben hat; das Dementi der Schulleitung sei „nicht sehr überzeugend“. „Offensichtlich hat es große Auseinandersetzungen gegeben, um eine klarere islamische Ausrichtung der Schule zu garantieren.“ Was geht also vor am deutsch-türkischen Gymnasium am Bosporus? „Ich fürchte, da passiert in Istanbul etwas, was mich sehr betroffen macht. Was ist aus dieser großen Stadt Konstantinopel/Istanbul geworden? Unter Atatürk hat es eine Türkisierung der Stadt gegeben, und die Griechen wurden zum Großteil vertrieben. Und wenn es jetzt auch noch eine Islamisierung dieser großen internationalen, bunten Stadt geben sollte, dann wäre das geradezu tragisch.“

Das sei, so Sternberg im Kölner Domradio, „genau das Gegenteil von dem, was wir in Europa und Deutschland fordern“, nämlich: Informieren über das Andere. Damit Angst und Vorurteile überwunden werden. „Das muss einen ja nicht verunsichern, wenn man fest in seinen Traditionen steht. Wir wollen hier an unseren Schulen, dass zum Beispiel über das Zuckerfest informiert wird. Genauso selbstverständlich gehört zu einer türkischen Schule die Information, was das christliche Weihnachtsfest ist, und zwar nicht nur an Schulen mit deutschem Anteil. Aber an deutschen Gymnasien in der Türkei ganz besonders!“ Für die Lisesi-Schule zahlt Deutschland Millionen Euro an die Türkei, auf der Grundlage eines deutsch-türkischen Abkommens. Ein Ausklammern von Weihnachten im Unterricht wäre aus Sternbergs Sicht ein Verstoß gegen das Abkommen. „Selbstverständlich soll dieses Kulturabkommen dazu dienen, dass der Kulturaustausch zwischen den Völkern stattfindet. Austausch, Informationen, Dialoge bilden die Grundlage für eine gedeihliche internationale Zusammenarbeit. Was hier passiert, ist extrem erschreckend. Will die Türkei sich tatsächlich so abschotten und abriegeln und sich gegen eine Europäisierung und Integration in Europa, wie sie in den letzten Jahrzehnten noch angestrebt worden ist, wenden?“

Der CDU-Politiker Sternberg kennt die Lisesi-Schule aus eigener Anschauung. Vor sechs Jahren hat er sie besucht. „Solche Spannungen“ habe er da „überhaupt nicht bemerkt“, sagt er heute. „Denn dieses Lisesi ist eine hoch anerkannte, sehr, sehr gute Schule. Sie ist von allen hoch akzeptiert. Wir haben uns als Landesgruppe von Nordrhein-Westfalen mit dem Sprecher der deutschen Lehrergruppe getroffen. Und uns wurde erläutert, wie gut alles funktioniert und diese Schule arbeitet und welchen guten Ruf diese Schule genießt. Wenn das in Istanbul aufs Spiel gesetzt werden soll, dann wird das nicht nur für diese wunderbare Stadt, sondern auch für die gesamte Türkei weitere katastrophale Konsequenzen haben. Wohin entwickelt sich dieses Land, frage ich mich?“

Natürlich kann ein Protest gegen das mutmaßliche Weihnachtsverbot an der politischen Entwicklung in der Türkei per se nichts ändern. Aber: „Ich glaube, dass die Türkei merken muss, dass Dinge nicht unwidersprochen hingenommen werden und dass die zunehmende repressive Verengung der Türkei auf sich selber auf den Protest derer stößt, auf die die Türkei angewiesen ist. Die Türkei braucht die Zusammenarbeit nicht zuletzt mit Deutschland!“

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