ALCUIN REID.

„Mit Nächstenliebe und pastoralem Gespür vorgehen“

Ein Gespräch mit dem Liturgiker Alcuin Reid über Tradition und Reform der heutigen Riten. Von Katrin Krips-Schmidt
Foto: Krips-Schmidt | Alcuin Reid.
Foto: Krips-Schmidt | Alcuin Reid.

Alcuin Reid ist Geistlicher in der französischen Diözese Fréjus-Toulon. Nach dem Studium der Theologie und der Erziehungswissenschaft in Melbourne in Australien promovierte er im Jahre 2002 am King's College der University of London mit einer Doktorarbeit über die Liturgiereform des zwanzigsten Jahrhunderts, die anschließend unter dem Titel „Die organische Entwicklung der Liturgie“ mit einem Vorwort von Kardinal Ratzinger veröffentlicht wurde (Ignatius Press, 2005). Er hält Vorträge auf der ganzen Welt und hat zahlreiche einschlägige Beiträge publiziert, u. a. „Looking Again at the Question of the Liturgy“, gemeinsam mit Kardinal Ratzinger (2003), „The Monastic Diurnal“ (2004) und „The Ceremonies of the Roman Rite Described“ (2009). Sein Buch „A Bitter Trial: Evelyn Waugh and John Carmel Cardinal Heenan on the Liturgical Changes“ wird in diesen Tagen bei Ignatius Press neu aufgelegt. Katrin Krips-Schmidt sprach am Rande einer Konferenz von Liturgiewissenschaftlern in Freiburg mit ihm, die kürzlich von den Lehrstühlen für Dogmatik und Liturgiewissenschaft in Freiburg und München veranstaltet wurde.

Welche positiven Impulse sind vom Konzilsdokument Sacrosanctum Concilium im Hinblick auf eine Neubelebung für die Liturgie der Kirche ausgegangen?

Der positivste Faktor war die Forderung, dass die participatio actuosa – eine echte aktive Teilnahme an der Liturgie – im Zentrum des Kirchenlebens stehen sollte. Das war das Ziel der Reform – „warum“ sie überhaupt durchgeführt wurde. Die Liturgische Bewegung hatte das schon seit fünfzig Jahren gefordert. Das zweite Ziel war die Vorgabe des Konzils, innerhalb der Kirche habe auf sämtlichen Ebenen eine liturgische Bildung, eine Unterweisung in liturgischen Dingen, stattzufinden. Dies war das Mittel, um die Reform durchzuführen: die Antwort auf die Frage nach dem „Wie?“. Aber dieses wichtige Konzilselement ist in Vergessenheit geraten. Doch ohne eine solche Bildung fehlt das erforderliche Fundament, um der participatio actuosa den Weg zu bahnen, wobei es keine Rolle spielt, wie viele Änderungen überhaupt an den Riten vorgenommen werden. Darüber hinaus verlangte das Konzil eine größere Auswahl an Schriftlesungen in den Riten, gestattete einen erweiterten Gebrauch der Volkssprache, die Kommunion unter beiden Gestalten, Konzelebrationen etc. als weitere Möglichkeiten, um die participatio actuosa zu ermöglichen.

„Das Konzil spricht nicht davon, eine neue Liturgie schaffen“Welche Kriterien gibt es für eine organische Liturgieentwicklung? Inwieweit ist es eigentlich Aufgabe eines Konzils, Eingriffe in die Liturgie vorzunehmen?

Es ist weder die Aufgabe eines Konzils noch die eines Papstes, die Liturgie zu gestalten. Das Konzil spricht nicht davon, eine neue Liturgie schaffen oder sie „ändern“ zu wollen – es verwendet das Wort „Erneuerung“ („instauratio“). Das Konzil wollte durch eine umfassende liturgische Bildung auf allen Ebenen der Kirche sowie eine gemäßigte Reform des Ritus eine fruchtbringende participatio actuosa erreichen – keinen Bruch, weder im offiziellen Ritual noch in der Wahrnehmung der Gläubigen bei dem, was sie selbst als liturgische Zelebration erleben.

Die Kriterien für eine organische Entwicklung finden sich – im Kontext mit den übrigen Artikeln gelesen und wie es von den Konzilsvätern bestätigt wurde – in Artikel 23. Ich habe darüber einen Aufsatz geschrieben. Das heißt, dass eine Entwicklung immer angemessen verläuft – die liturgische Tradition kann sich also durchaus weiterentwickeln, soweit es notwendig ist, doch sie wird dabei nicht völlig verändert. Wo natürlich im Laufe der Zeit neue Texte oder Bräuche integriert werden, muss es jedoch eine Kontinuität des Ritus geben. Ein gutes Beispiel dafür ist der Ordo Missae von 1965. Es handelt sich dabei um einen gestrafften und weiterentwickelten Messritus, der im Einklang mit den auf dem Konzil geführten Diskussionen steht. Doch der Ordo Missae von 1969 unterscheidet sich ganz erheblich davon, er ist eine Neuschöpfung des Consiliums. Er bewahrt zwar noch mehr, als man eigentlich bewahren wollte, denn Paul VI. lehnte das Ansinnen des Consiliums ab, den Römischen Kanon, das Orate Fratres sowie das Kreuzzeichen am Anfang der Messe abzuschaffen.

Kontinuität oder Bruch? Könnte man sagen, dass es eher die „traditionalistischen“ Katholiken sind, die der These vom Bruch zustimmen?

Ich bin kein „Traditionalist“. Ich bin katholisch. Außerdem bin ich Liturgiehistoriker. Und in dieser Eigenschaft kann ich sagen, dass es Anzeichen gibt, die darauf hindeuten, dass die für die Reform Verantwortlichen einen Bruch im Sinn hatten – sowohl in theologischer als auch in ritueller Hinsicht. Das, was durch die Tradition überliefert war, wollten sie nicht. Sie wollten das auch nicht weiterentwickeln. Sie wollten etwas Neues, etwas, das den „modernen Menschen“ der sechziger Jahre widerspiegelte und was dieser ihrer Meinung nach brauchte. Das ist eine historische Realität und kein kirchenpolitischer Standpunkt. Daher stimmen Liturgiker „beider Seiten“ darin überein, dass die Reform eine radikale und ein Bruch gewesen war. Als Katholik betrachte ich das als ein erhebliches Problem, da es in der Liturgiegeschichte beispiellos dasteht und eben nicht das ist, wozu das Konzil – aus Achtung vor der liturgischen Tradition – aufgerufen hat.

Auf welche Autorität stützt sich das Consilium, das Gremium zur Reformierung des Messbuchs – sind es tatsächlich die Intentionen der Konzilsväter, denen es bei der Neuordnung der Liturgie Folge leistete, oder hat es seine Kompetenzen überschritten? Und welche speziellen Elemente sind in einem besonderen Maße von Veränderungen betroffen gewesen?

Der vollständige Name des Consiliums weist darauf hin, dass es sich um eine Institution handelte, die die Konzilskonstitution umsetzen sollte. In Wirklichkeit beruhte seine Arbeit jedoch auf der persönlichen Autorität von Papst Paul VI., der sie sehr genau verfolgte und jede einzelne Änderung ausdrücklich (in forma specifica) genehmigte. Es ist offensichtlich, dass diese Änderungen weit über die Konstitution hinausgingen: so finden sich in dieser keine Vollmacht für irgendwelche neuen Hochgebete oder für die hundertprozentige Messzelebration in der Volkssprache etc. Doch all diese Reformen genießen die Genehmigung durch Paul VI.

Inwieweit besteht die Gefahr einer Banalisierung der äußeren Formen – Martin Mosebach spricht von einer „Häresie der Formlosigkeit“ – wenn Teile der Liturgie – wie in Artikel 21 der Liturgiekonstitution geschehen – als „wandelbar“ eingestuft werden?

Elemente in der Liturgie, die nicht vom Herrn selbst stammen, können sich natürlich weiterentwickeln oder sogar weggelassen werden, und es können neue Elemente dazukommen. Veränderungen sind also möglich. Wir kennen das aus der Geschichte. Doch wenn mit einem Male – und beinahe unentwegt – alles in der Liturgie als wandelbar betrachtet wird – außer jenen Dingen, die die Gültigkeit betreffen – dann kann der Ritus einer „Formlosigkeit“ unterliegen, durch die er sein Wesen als Ritus verliert und zu einem zeitbedingten Konglomerat „guter Ideen“ derer wird, die ihn zelebrieren.

„Jene Ars Celebrandi zu übernehmen, wie sie in Sacramentum Caritatis besprochen wird“

Das wäre dann nicht mehr die katholische Liturgie, die stets die Liturgie der Kirche ist, wie sie von ihr durch die Tradition gewissenhaft weitergereicht wurde – erforderlichenfalls mit angemessenen Entwicklungen. Doch selbst autorisierte Entwicklungen bergen die Gefahr, eine solche „Formlosigkeit“ hervorzurufen, wenn sie mit unverhältnismäßigen Veränderungen verbunden sind, die der überlieferten Tradition im Eiltempo auferlegt werden.

Ein Wort zur Sprache der Konzilsdokumente: Bisweilen wurde ihr von Kritikern vorgeworfen, Anlass zu späteren Interpretationsspielräumen gegeben zu haben. Teilen Sie diese Ansicht?

Ja, vieles an der Sprache der Konstitution ist eindeutig unterschiedlichen Interpretationen zugänglich. Artikel 36 ist dafür nur ein Beispiel. Darüber hinaus ist aus den Memoiren von Erzbischof Bugnini selbst bekannt, dass es eine äußerst weite Auslegung dieses Artikels und weiterer Artikel gab.

Welche Konsequenzen lassen sich für die Zukunft der Liturgie in der katholischen Kirche ziehen?

Wir müssen erneut einen Blick auf die im Gefolge des Konzils erarbeitete Liturgiereform werfen. Nicht als Anhänger irgendeiner Seite, sondern als gute Historiker, gute Theologen und gute Katholiken. Wenn es klar ist, dass wir wesentliche Elemente der liturgischen Überlieferung verloren oder solche eingeführt haben, die schaden, dann müssen wir die Aufrichtigkeit besitzen, das zuzugeben und das Erforderliche veranlassen. Das hat eingesetzt mit dem Apostolischen Schreiben Sacramentum Caritatis und dem Motuproprio Summorum Pontificum sowie dem persönlichen Vorbild von Papst Benedikt XVI. bei seinen liturgischen Zelebrationen. Außerdem müssen wir mit Nächstenliebe und pastoralem Gespür vorgehen. Es ist nicht möglich, die früheren Riten für jedermann zwangsweise wieder einzuführen, oder die neuen von einem auf den nächsten Augenblick abzuschaffen. Doch es wäre derzeit möglich – fakultativ – einige ältere Elemente (die Offertoriumsgebete, einige rituelle Gesten des Priesters etc.) in den heutigen Riten zu erlauben. Darüber hinaus ist es möglich, jene Ars Celebrandi zu übernehmen, wie sie in Sacramentum Caritatis besprochen wird, worin die heutigen Riten mit einem liturgischen Reichtum gefeiert werden, der sich in einer spürbareren Kontinuität mit der Tradition befindet. Die Geschichte wird zeigen, wie sich die Liturgie von einem solchen Ausgangspunkt weiterentwickelt. Unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass der Kirche von heute oder der von morgen nichts „Heiliges oder Großes“ verlorengeht.

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