Mit Christus wie mit einem Freund sprechen

In seinen Kreuzwegbetrachtungen schlägt Kardinal Martini die Brücke vom Leiden des Herrn zur Situation der Gläubigen heute. Von Thomas Steimer
Foto: KNA | Biblische Geschichte zum Anfassen: Mit einem lebensgroßen Kreuzweg in der Via della Conciliazione erinnerte die Diözese Rom im vergangenen April an das Leiden Christi.
Foto: KNA | Biblische Geschichte zum Anfassen: Mit einem lebensgroßen Kreuzweg in der Via della Conciliazione erinnerte die Diözese Rom im vergangenen April an das Leiden Christi.

In die Fußstapfen Jesu zu treten wurde im späten Mittelalter zum Ideal des Christen. Vor allem die franziskanische Spiritualität förderte diesen Gedanken. Daraus ging auch die Andachtsform des Kreuzwegs hervor. Im betenden Betrachten sollte der Gläubige dem Herrn auf seinem letzten irdischen Weg nachfolgen. Seither gehört der Kreuzweg zu den beliebtesten Übungen der Volksfrömmigkeit. Darstellungen der vierzehn Kreuzwegstationen sind fester Bestandteil der Ausstattung katholischer Kirchen. Kreuzwegandachten werden vor allem in der Fastenzeit abgehalten, viele Gläubige beten ihn auch privat jeden Freitag. Die wirkmächtigen Bilder des alljährlichen feierlichen Kreuzwegs mit dem Papst am Karfreitag im Kolosseum sind dank der Fernsehübertragungen Millionen von Christen als feierliches Gedenken an den Tod Christi präsent.

Der emeritierte Erzbischof von Mailand, Carlo Maria Kardinal Martini, legt in dem Buch „Via Crucis“ vierzehn kurze Meditationen vor, die sich sowohl für das private Gebet, als auch für gemeinschaftliche Andachten eignen. „Schmerz Gottes, Geschichte des Menschen“ lautet der Untertitel dieses Büchleins im italienischen Original. Ähnlich wie es auch beim Kreuzweg im Kolosseum in den letzten Jahren Trend wurde, orientiert sich Kardinal Martini nicht an den klassischen Kreuzwegstationen, sondern betrachtet vierzehn durch die Bibel belegte Ereignisse der Passion Christi. Vom traditionellen Kreuzweg fehlen die Fälle Jesu unter dem Kreuz, die Begegnungen mit seiner Mutter und Veronika (beides erwähnt und betrachtet Carlo Maria Martini jedoch im Rahmen der Begegnung mit den Frauen Jerusalems), die Beraubung der Kleider Jesu und die Kreuzabnahme. Stattdessen behandelt Martini Jesus am Ölberg, den Verrat des Judas und die Gefangennahme, die Verurteilung durch den Hohen Rat, Geißelung und Dornenkrönung, das Versprechen des Paradieses an den reumütigen Verbrecher sowie Maria und Johannes unter dem Kreuz.

Jede Meditation wird durch die entsprechenden Schriftstellen eingeleitet. Die knappen Betrachtungen Kardinal Martinis sind von großer Tiefe und geistiger Weite. Am Beginn steht ein Gespräch mit Jesus. Der Meditierende soll die jeweilige Stufe der Passion des Herrn verstehend nachvollziehen. Es folgt eine Vertiefung und Anwendung auf das eigene Leben, verbunden mit einer konkreten Bitte. Der Beter redet mit Jesus wie mit einem Freund, aber immer mit der Ehrfurcht, die er dem menschgewordenen Gott schuldig ist.

Kardinal Martini schlägt dabei immer wieder die Brücke von der Passion Jesu zur Situation des Christen. Dem Nachdenken über Judas' Verrat beispielsweise schließt sich die Bitte an, selbst treu zu sein und angesichts der Treulosigkeit anderer nicht zu erschrecken. Ähnlich wird bei der Dornenkrönung gebeten, Aggressionen und Heimsuchungen geduldig zu ertragen oder bei den Worten Jesu gegenüber dem reumütigen Verbrecher jeden Tag von Neuem an die Barmherzigkeit Gottes zu glauben. Kurienkardinal Gianfranco Ravasi hat ein Vorwort beigesteuert. Geschmackvolle Fotos aus dem Heiligen Land, wo Kardinal Martini nach seiner Amtszeit einige Jahre lebte, illustrieren die Betrachtungen zur Passion.

Überflüssig dagegen ist das Nachwort des Philosophen Massimo Cacciari. Während Kardinal Martini in seinen Betrachtungen mit einfachen, allgemeinverständlichen Worten tiefe Gedanken auszudrücken vermag, versteigt sich Cacciari – ehemals Mitglied der Kommunistischen Partei Italiens und von 1993 bis 2000 sowie 2005 bis 2010 als Vertreter linker Parteien Bürgermeister von Venedig – in abenteuerlichen Spekulationen über das Kreuz als „Weg in sich“ und drückt sich dabei denkbar kompliziert aus. Dies schmälert freilich den Gesamtwert dieses Büchleins nicht.

Carlo Maria Martini: Via Crucis. Meditationen zum Kreuzweg des Herrn. Übersetzung aus dem Italienischen von Hermann J. Benning. 94 Seiten mit zahlreichen Farbabbildungen, gebunden. ISBN 978-3-7462-3319-2. EUR 9,95

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