„Mission ist säen und nicht ernten“

Eine Tagung im Bistum Augsburg beschäftigte sich mit dem Thema „Neuevangelisierung“. Von Clemens Mann
Foto: Mann | Angeregte Diskussion: Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Pfarrer Michael Scharf aus Wien, der Leiter des akademischen Forums Professor Adalbert Keller, Professor Stefan Schreiber von der ...
Foto: Mann | Angeregte Diskussion: Die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, Pfarrer Michael Scharf aus Wien, der Leiter des akademischen Forums Professor Adalbert Keller, Professor Stefan Schreiber von der ...

Die Aufregung muss groß gewesen sein. „Wir sind geprügelt worden, weil man nicht auf Mission geht. Wir sind geprügelt worden für die ganze problematische Missionsgeschichte des 16. und 17. Jahrhunderts. Wir sind geprügelt worden für den Verdacht: ,Ja glaubt ihr denn, wir sind nicht missionarisch‘“, fasst Pfarrer Michael Scharf am Samstag im Augsburger Haus Sankt Ulrich die Vorbehalte zusammen, mit denen der damalige Leiter des Pastoralamtes der Erzdiözese Wien im Vorfeld der Stadtmission 2003 in der österreichischen Hauptstadt zu kämpfen hatte. Rund zehn Jahre später kann Scharf über die Vorgänge in Wien nur noch schmunzeln – weil die Stadtmission damals ein großer Erfolg war. Drei Jahre habe die Vorbereitungszeit betragen – viel Überzeugungsarbeit musste geleistet werden. „Wir waren in Pfarrgemeinderatssitzungen und Dekanatskonferenzen, um dort von der kommenden Stadtmission zu erzählen“, erklärt Scharf. Doch die Mühen hätten sich gelohnt. Plötzlich habe jeder über Mission gesprochen – die Erzdiözese Wien geht seitdem einen missionarischen Weg und veranstaltet regelmäßig Projekte.

Mit seinem Vortrag, in dem er von seinen Erfahrungen aus zehn Jahren missionarischer Tätigkeit in Wien berichtet, fesselt der Priester die rund 80 Zuhörer und weckt Begeisterung, selbst auf die Straße zu gehen und Menschen zu begegnen, die nicht mehr mit Christus und der Kirche in Kontakt kommen. Doch bei allem Humor macht Scharf unmissverständlich klar: Das Kerngeschäft der Kirche, nämlich die missionarische Weitergabe des Glaubens, ist eine bleibende Herausforderung – sowohl persönlich als auch organisatorisch. Dass man dabei nicht selten mit Vorbehalten und sogar dem Vorwurf, man sei fundamentalistisch, zu kämpfen hat, wird auch an anderer Stelle deutlich. Von Neuevangelisierung als „heißes Eisen“ ist die Rede, von einem brisanten Thema, das noch nicht bei den deutschen Diözesen angekommen ist.

Weitergabe des Glaubens neu überdenken

Das Akademische Forum des Bistums Augsburg hat dieses heiße Eisen, das weltkirchlich durch das Pontifikat Benedikts XVI. mit der Gründung eines Rates für die Neuevangelisation eine Aufwertung erfahren hat, aufgegriffen und zum Thema einer Tagung gemacht. Unter dem Motto „Neuevangelisierung. Warum? Was heißt heute christlich?“ lud der Leiter des Forums, Professor Adalbert Keller, dazu ein, den Auftrag Jesu zur Weitergabe des Glaubens „neu für für unsere Zeit zu überdenken“. Bei der Tagung am vergangenen Freitag und Samstag beschränkte man sich nicht nur auf die praktische Umsetzung und die Vorstellung konkreter Ideen und Erfahrungswerten, sondern beschäftigte sich auch mit Anfragen aus religionsphilosophischer Hinsicht und den neutestamentlichen Grundlagen.

Dass eine zeitgemäße Evangelisationsarbeit keine neuen Themen erschließen, sondern die alten Sinnpotenziale von Religion deutlich machen muss, erklärte die Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz. In ihrem Vortrag „Athen und Jerusalem. Oder: Neuevangelisation mit Hilfe der Vernunft“ zeigte Gerl-Falkovitz, dass zahlreiche postmoderne Philosophen wie Jacques Derrida oder Jürgen Habermas den „naiven Vernunftbegriff“ der Aufklärung überwunden und zu einer neuen Wertschätzung der Religionen gefunden hätten. Habermas habe 2001 bei der Rede zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels die christliche Hoffnung von der Auferstehung als eine Antwort auf die zentrale Frage des Menschen nach Gerechtigkeit gewürdigt. „Das Christentum hat an dieser Stelle eine enorme Qualität“, sagte Gerl-Falkovitz, Derrida findet ein derartiges Sinnpotenzial in der Vergebung der Sünden. Der französische Philosoph sehe die Möglichkeit einer „Verzeihung des Unverzeihlichen“ besonders im Juden- und Christentum gegeben. Eine wirkliche Absolution der Sünden könne es für Derrida nur im Absoluten geben.

Der Neutestamentler der Universität Augsburg, Professor Stefan Schreiber, erörterte in seinem Referat Modelle frühchristlicher Mission. Das Christentum habe sich über die Handelswege verbreitet, die für eine nicht-staatliche Kommunikation bedeutend gewesen seien. Mission in Zeiten des Neuen Testaments sei geprägt gewesen von persönlichem Kontakt. Gemeinden wurden nur an Orten gegründet, an denen bereits Beziehungen bestanden. „Alles läuft über persönliche Kontakte. Das Überzeugtsein, das persönliche Brennen für den Glauben, ist wohl entscheidend gewesen“, sagte Schreiber. Der Exeget machte deutlich, dass Paulus und die Missionare keine Einzelgänger waren. Aus den Beschreibungen der Apostelgeschichte gehe hervor, dass Mission im Team stattfand. Selbst der Apostel Paulus sei kein Einzelgänger gewesen, wie die Bibelwissenschaft früher noch meinte. „Das ist Legende und stimmt nicht mit dem historischen Befund überein“, erklärte Schreiber. Die Missionare seien oft mehrere Jahre an einem Ort geblieben. „Sie lebten mit den Leuten zusammen.“ Die Botschaft der Christen sei deswegen so überzeugend gewesen, weil sich darin das Lebensgefühl der Christen, nämlich unabhängig von Herkunft und sozialem Stand vor Gott zu stehen, widergespiegelt habe. Auf die Frage aus dem Publikum, ob die heutige hierarchisch verfasste Kirche noch mit dem urchristlichen Vorbild vereinbar sei, antworte Schreiber differenziert: Dass die Kirche „im Heiligen Geist einen Fortschritt gemacht habe“, sei ebenso wie die Aussage, dass das heutige Christentum mit dem Urchristentum übereinstimme, eine zu einfache Antwort. Vielmehr solle man sich damit beschäftigen, welches Prinzip hinter einem Verzicht auf Hierarchien stehe.

Erfolgsprojekt von Jugendlichen für Jugendliche

Der Publizist und Verleger des Jugendkatechismus „Youcat“, Bernhard Meuser (siehe auch Interview auf Seite 6), stellte die künftige Arbeit des neu gegründeten Youcat-Zentrums in Augsburg vor. Junge Mitarbeiter des Zentrums sollen dort Neuevangelisierung „young to young“ betreiben und andere Jugendliche „zu einer Entscheidung für Jesus Christus und der Kirche bewegen“, sagte Meuser. „Konkret wird das so aussehen, dass das Augsburger Youcat-Zentrum nicht nur ein Internet-Betrieb ist, auch nicht nur ein Think-Tank für Youcat International“. Schon in wenigen Monaten sollen Firmgruppen, die nach Augsburg kommen, in das Zentrum eingeladen werden, um sich für den Glauben begeistern zu lassen. „Messdienergruppen, Jugendgruppen, Studenten – sie alle sollen angesprochen, angezündet und involviert werden.“ Geplant sei zudem die Produktion einer zunächst monatlichen Sendung mit dem Namen „Youcat.tv“. Dabei sollen in zehnminütigen Beiträgen Priester mit Jugendlichen jeweils eine Frage des Youcat diskutieren.

„Auch fromme Menschen haben ein Recht auf Ästhetik“, meint Pfarrer Michael Scharf (siehe auch Interview Seite 5) bei seinem Vortrag, den er mit „Missionserfahrungen in U-Bahnschächten und Fußballstadien, auf Müllsammelstellen und Rockfestivals“ überschrieben hatte. Bereite man eine missionarische Veranstaltung vor, müsse man von Anfang an einen „professionellen Anspruch“ haben. „Es soll nicht peinlich sein, wenn wir für unseren Glauben werben“, sagte Scharf. Als Beispiel nannte der Priester eine Aktion, bei der ein „Liebesbrief von Gott“ an Wiener Passanten verteilt wurde. Der Brief sei ein Sonderdruck und teuer gewesen. „Gott macht sich viel mehr Mühe, wenn er einen Liebesbrief gestaltet“, so Scharf. Überhaupt gehöre Großzügigkeit zum missionarischen Wirken hinzu. „Mission ist wie das Säen eines Samen“. Wie beim Gleichnis vom Sämann falle Korn auch auf steinigen Boden und bringe keine Frucht. Eine Ernte der Aussaat könne zudem erst viele Jahre später erfolgen. „Mission ist säen und nicht ernten.“ Der jetzige Diözesanseelsorger Wiens ist überzeugt davon, dass Mission auch Gottes Zuspruch bedarf. „Mission ist wie ein Gang auf dem Wasser, sie braucht den Segen Gottes“, sagte der Priester. Missionarische Projekte lehrten Demut, weil sie zeigten: „Eigene Überlegungen funktionieren nicht.“

In einem Abschlusspodium mit allen Referenten kritisierte Gerl-Falkovitz eine fehlende argumentative Auseinandersetzung bei brennenden Fragen in katholischen Gremien und forderte zu einem verstärkten Austausch im Inneren auf. Der Ruf nach einem Priestertum der Frau oder die Abschaffung des Zölibats müssten im Licht des Evangeliums und der Tradition der Kirche beleuchtet werden. Gerade hier habe es aber in den letzten Jahren viel „Wildwuchs“ gegeben, da kirchliche Verantwortliche eine klare Positionierung gescheut hätten. Meuser mahnte an, dass die katholische Kirche niemals einen Prozess der Säkularisierung vollziehen und immer nur den Mainstream bestätigen dürfe. Innerhalb der Diskussion wurde außerdem angeregt, die Ausbildung der Priester in Seminaren stärker missionarisch zu gestalten und auszurichten.

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