„Marianisch kann ich nur mit Herz sein“

Monsignore Thomas Schmid, Zentralpräses der MMC Regensburg, über die Zukunft Marianischer Congregationen. Von Julia Wächter
Foto: IN | Monsignore Thomas Schmid.
Monsignore Schmid, die neugegründete Föderation ist auf europäischer Ebene angesiedelt, was zunächst organisatorische Gründe hat, beispielsweise das langjährige Interesse und Engagement Marianischer Congregationen aus Polen oder Italien. Steht im Hintergrund aber auch der Gedanke, sich dem Schutz der Gottesmutter zu unterstellen, der Patronin Europas?

Ich bin grundsätzlich davon überzeugt, dass man gut daran tut, an der Hand Mariens durch das Leben zu gehen. Wir erleben derzeit ein sehr bewegtes Europa. So manches macht die Menschen unsicher und Unsicherheit gebiert Angst. Ob es nun Legende oder Wahrheit ist – die Flagge Europas weist auf eine verlässliche Hilfe hin, denn die zwölf Sterne auf blauem Grund erinnern an den Sternenkranz der Immaculata. Wo sich unter dieser Europaflagge Kulturen und Nationalitäten mischen, wo Religionen aufeinandertreffen und wo Konfessionen Wege zur Einheit suchen, überall dort kann Maria eine verlässliche und richtungsweisende Begleiterin sein. Und überall dort, wo Ablehnung und Aggression wächst, wo Wahrheit und Lüge durcheinandergeworfen wird, wo Angriffslust und Wut leise im Innern der Gedanken und Gefühle wächst oder sich auch lautstark und zerstörend äußert, dort könnten die Sterne der Europaflagge an den Meerstern Maria erinnern. Natürlich dürfen wir uns als Christen nicht scheuen, auch ein klares Profil unserer Überzeugungen gegenüber anderen Religionen zu verteidigen, aber eben nicht im Kampfstil früherer Zeiten, sondern im selbstbewussten Dialog unter dem Schutzmantel der Gottesmutter.

Welche Möglichkeiten sehen Sie für die Europäische Föderation und die einzelnen Marianischen Congregationen, die Notwendigkeit marianischer Spiritualität wieder stärker in das Bewusstsein der Gläubigen zu rufen?

Zunächst gilt es realistisch festzustellen, dass so manche unserer Pfarrgruppen mittlerweile zu klein und schwach geworden sind, um große Veränderungen in ihrem Umfeld zu erreichen. Wir bemühen uns allerdings, unsere Sodalen im Glauben so zu stärken, dass sie sich des Reichtums ihres Glaubens an den dreifaltigen Gott, der Schönheit ihrer Gotteskindschaft und der Gnade ihrer Marienverbundenheit wieder bewusst werden und sich daran freuen. Diese Freude möge dann wieder ausstrahlen und anstecken. Ich bin überzeugt, wenn wir das schaffen, wird so mancher an der Seite eines echten Sodalen auch wieder spüren: den Glauben marianisch in der Kirche zu leben, das tut gut, dem Einzelnen, der Kirche, der Gesellschaft. Unsere Herausforderung ist es, die Kirche wieder dorthin zu bringen, wo sie hingehört: in die Köpfe und Herzen der Menschen.

Wie kann das gelingen; wo sehen Sie Anknüpfungspunkte?

Einerseits glaube ich, dass allzu viele in unserem Land das Marianische als verschwindende Nebensache im Glauben der Kirche empfinden, sozusagen als unnötigen süßlichen Zucker auf dem Katholischen. Andere wiederum haben Angst, dass durch eine aufblühende Marienverehrung Christus verdrängt werde. Andererseits: Die in der 450-jährigen Geschichte der Congregation bewährte Form regelmäßiger Konvente mit Glaubensgesprächen und Vorträgen zu aktuellen Themen in Kirche und Gesellschaft bleibt durchaus eine Chance der Vertiefung unseres marianischen Kircheseins. Natürlich würde ich mir wünschen, dass auch in Predigten das Marianische unseres Glaubens klar und unmissverständlich angesprochen wird, in theologischer Nüchternheit ebenso wie in marianischer Mütterlichkeit, die zur Ganzheit unseres Glaubens gehört. Wir müssen so manchen Glaubenden wohl erst wieder die Angst nehmen, dass sie durch Maria von Christus entfernt würden. Das Gegenteil ist doch der Fall!

Joseph Ratzinger hat als Theologe und später als Papst die Mariologie entscheidend geprägt. Wie würde sich – mit Benedikt XVI. gesprochen – eine Kirche gestalten, die sich Maria zum Vorbild nimmt?

Maria spielt im Leben Joseph Ratzingers/Papst Benedikts XVI. eine wesentliche Rolle. Kirche ist bei ihm ohne Maria nicht zu denken. Dass das Katholische marianisch und das Marianische katholisch ist, das ist für Ratzinger kein leeres Wortspiel. Es ist seine tiefe Überzeugung. Kirche ist in der Sichtweise Benedikts XVI. nicht zuerst und vorrangig Organisation oder gar ein kalter Verwaltungsapparat, sondern ein lebendiger Organismus. Kirche erfüllt sich, wo Mensch und Gott in schenkender und empfangender Offenheit einander begegnen. Sie ereignet sich zunächst in persönlicher Begegnung und Nähe, die unter dem Wirken des Heiligen Geistes Herz und Verstand berührt und belebt und zum Zeugnis und zur Verkündigung bewegt. Viel zu viele Menschen betrachten heute die Kirche als Organisation, als eine Institution unter anderen, die man nach klaren Organisationsmustern gestalten kann. Für den emeritierten Papst dürfte diese Sichtweise ein Gräuel sein; sagt er doch einmal sinngemäß: Kirche können wir nicht machen, wir müssen sie sein. Kirche wurde auch in ihrem Anfang nicht gemacht, sondern geboren, als die Seele Mariens sich auftat und Ja sagte zum Plan Gottes. Darf ich, natürlich etwas humorvoll gemeint, mit Kardinal Meißner sagen: Wir sollten in unserer Kirche wieder mehr darauf achten, dass wir den Heiligen Geist nicht allzu oft mit unserem eigenen Vogel verwechseln.

Die Päpste machen es vor. Ob seinerzeit Benedikt XVI. oder Franziskus, der erst kürzlich bei seiner Pilgerfahrt nach Fatima betont hat: „Wenn wir Christen sein wollen, müssen wir auch marianisch sein“. Kommt diese Begeisterung in den Pfarreien an?

Die marianische Prägung der Päpste in unserem Blickfeld ist unbestritten. Manchmal habe ich den Eindruck, dass die Päpste die größte Kraft dazu aufwenden müssen, die Wärme, das Mütterliche und bräutliche Mariens wirksam zu verkünden. Ich kann nicht beurteilen, wo und in welcher Intensität die päpstlichen Worte im Hinblick auf Maria in den Pfarreien ankommen, das macht mir meine Aufgabe als Zentralpräses nicht verlässlich einsehbar. Aus dem Kreis unserer Sodalen aber höre ich immer wieder den Wunsch, dass sie gerne mit Pfarrern ihre Konvente gestalten, Marienfeste feiern möchten und gerne aufbauende marianische Predigten hören würden. Für all das scheint es, vorsichtig formuliert, nicht immer offene Ohren und Herzen zu geben. Vielleicht könnte diese Nähe zwischen Klerus und Congregation auch dort eine neue Grundlegung finden, wo, wie früher sehr üblich, die Marianische Congregation auch wieder in den Priesterseminaren Fuß fassen darf. Im Gespräch merken Sodalen immer wieder an: Marianisch kann ich nur mit Herz sein – oder ich kann es nicht! Heute setzt man doch viele Hoffnungen in die Neuen Geistlichen Gemeinschaften. Vielleicht sollte man auch die älteren geistlichen Gemeinschaften wie die Marianischen Congregationen mit jahrhundertelanger ungebrochener Tradition in unserer Kirche nicht aus dem Blick verlieren. Sie waren im Ursprung und durch die Zeit der Kirche treu verbundene Gemeinschaften zur Erneuerung des Glaubens und der Kirche. Dabei ist die Marianische Congregation immer dann besonders stark geworden, wenn Glaube und Kirche in Bedrängnis geraten sind.

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