Leuchtturm oder Kerzenstummel?

Zur Zukunftsfähigkeit des katholischen Verbandswesens in Deutschland. Von Maria Pelz
Mädchen vor Kerzenaltar
Foto: Symbolbild: KNA | Neue Strahlkraft oder verglimmender Docht? Wie steht es um die Zukunft der katholischen Verbände in Deutschland? Ein Mädchen zündet in der Kirche Sankt Marien in Bad Godesberg ein neues Opferlicht am Kerzenaltar an.

Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute – das sind auch die Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Kirche von heute. Mit diesem berühmten Anfang des Konzilsdokuments „Gaudium et spes“ sind selbstverständlich auch die Umbrüche und teils dramatischen Veränderungen der Gesellschaft mitgemeint. Zumindest sollte es so sein. Die Kirche ist nicht neben, sondern mitten in diesen Umbrüchen zu verorten. Und damit muss sie diese Umbrüche und Veränderungen wahrnehmen, sich mit ihnen auseinandersetzen und dafür sorgen, dass die Menschen, die von ihnen betroffen sind, in ihrer Menschlichkeit nicht untergehen, sondern Unterstützung und Hilfe erhalten. Wenn sie dies tut, dann hat sie Zukunft, weil sie den Auftrag Jesu erfüllt.

Die katholischen Verbände in Deutschland als Teil der Kirche können von ihrem Selbstverständnis her Seismografen dieser Aufgabe sein. In der Vergangenheit sind sie es jedenfalls manchmal und mit manchen Protagonisten gewesen, und zwar in dem Maß, wie sie sich vom Kernanliegen ihres Verbandes haben leiten lassen. Sie haben die Chance, Menschen dort zu begegnen, wo die Pfarrgemeinden und Hauptamtlichen nicht hinkommen. Adolf Kolping hat dies überzeugend vorgelebt in einer anderen Zeit des Umbruchs, als es bei den wandernden, heimat- und oft haltlosen Gesellen viel Not und Probleme gab. Diese Not aufgreifend, gründete er den ersten Gesellenverein, Keimzelle des heutigen Kolpingwerkes. Von ihm stammt der Ausspruch: „Die Nöte der Zeit werden euch zeigen, was zu tun ist.“ Treue zum Anfang zeigt sich also gerade im Reagieren auf die sich wandelnden Probleme und Verwerfungen der Gesellschaft. Wo heute der Kolpingverband seine Wohnheime jungen unbegleiteten Flüchtlingen öffnet, zeigt er die Richtung an, in die sein Gründungsauftrag heute gehen könnte.

Doch angesichts der schwindenden Mitgliederzahlen der katholischen Verbände, einer zunehmenden Überalterung und auch einer teilweise wahrzunehmendem Mentalität, die sich auf die bewährten Themen und Kreise beschränkt, stellt sich die Frage nach der Zukunftsfähigkeit des katholischen Verbandswesens. Immer weniger Menschen sind bereit, sich langfristig zu binden, sich in festgefügten Strukturen jahrzehntelang hochzudienen oder die Lebensmuster ihrer Eltern und Großeltern fraglos weiterzuführen. Vereinzelung, modernes „Nomadentum“ aufgrund beruflicher Zwänge, das Vorherrschen der Berufsarbeit auch bei Frauen, diese und viele andere Faktoren machen die Vereinsarbeit, wie sie bisher war und oft noch ist, unattraktiv für viele junge Menschen.

Sind die katholischen Verbände in Deutschland deshalb nicht mehr, wie in anderen Zeiten, ein Leuchtturm für ihre Umgebung, sondern nur noch ein verglimmender Kerzenstummel? Oder, anders ausgedrückt, haben sie keine große Attraktivität mehr, sind sie nicht mehr „unsere Kultur, in der wir leben“? So zitiert Heinrich Wullhorst, Autor der „Tagespost“ und Verfasser eines neuen Buches über die katholischen Verbände in Deutschland, jedenfalls den Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Die Diskussion mit seinem Ruhrbischof war ihm Anstoß für den vorliegenden und neu erschienenen Band über dieses Thema: Sind die Verbände wie Dinosaurier oder wie Ötzis – aus einer anderen Zeit? Als langjähriger Aktiver in verschiedenen Verbänden kann Wullhorst sich dem bischöflichen Diktum nicht anschließen und macht sich auf eine Tournee durch Deutschland, um mit zahlreichen Gesprächspartnern diese Frage zu erkunden. Herausgekommen ist dabei ein flott geschriebenes, nach verschiedenen Seiten durchaus kritisches Werk, das Pauschalurteile in alle Richtungen vermeidet und die Frage von verschiedenen Seiten her beleuchtet, um – das sei vorweggenommen – am Ende zu einem differenzierten Urteil zu kommen, das sich jedoch vor der Zukunft noch zu verantworten hat.

Seine Feststellung „In den meisten Gegenden Deutschlands sind katholische Verbände immer noch eine Selbstverständlichkeit“ ist dabei allerdings zu hinterfragen – könnte es ein wesentlich westlich und mittig-rheinländisch, sozusagen bonner-republik-geprägter Blick sein, der die räumlich großen und strukturell leeren Räume im Norden und Osten eher übersieht. – Wullhorst liefert einen hilfreichen und aktuellen Überblick über die Geschichte und Gegenwart so unterschiedlicher Verbände wie Kolping, KAB, der katholischen Studentenvereine, des KfD, BDKJ, Pfadfinder, des BKU, um nur die bekanntesten zu nennen. Über die Zeit des Nationalsozialismus erfährt man leider nur recht wenig.

Nach dieser Verortung beschäftigt sich der Verfasser mit der Selbsteinschätzung und den Zielen der katholischen Verbände. Seine Überlegungen dazu sind ehrlich und kritisch und das Resultat vieler Gespräche, die der gut vernetzte Autor quer durch Deutschland geführt hat. Dabei kristallisieren sich einige wesentliche Erkenntnisse heraus: Die Verbände müssen deutlicher als bisher auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen reagieren, wenn sie ihre Strahlkraft behalten möchten. Zum Beispiel müssen sie eine andere Medienarbeit machen, die auch die sozialen Medien mit berücksichtigt. Sie müssen in der Zeit des Online-Journalismus Themen setzen und viel schneller als bisher reagieren, um mitreden zu können. Sie müssen ihre Kontakte in die Politik beibehalten. Bei der Mütterrente, so der Verfasser, die es ohne die katholischen Verbände nicht geben würde, sei dies gelungen. Den Jugendverbänden scheinen manche Notwendigkeiten deutlicher zu sein als anderen Verbänden, was auch an dem unterschiedlichen Medienverhalten der jeweiligen Zielgruppen liegt. Verschworene, überalterte Zirkel, die bis zum Umfallen weitermachen wie früher, haben keine Attraktivität mehr. Der Glaubensschwund der jüngeren Generation wird klar benannt und problematisiert. Hier wäre eine weiterführende Vernetzung ohne Berührungsängste auch mit den geistlichen Gemeinschaften nach der Auffassung der Rezensentin wünschenswert. Wenn allerdings die Pfadfinder mit der Ansicht zitiert werden, sie seien im Verein mit den katholischen Kinder- und Jugendverbänden die einzigen, die Kindern einen Zugang zur Kirche ermöglichen würden (vgl. S. 68), ist das im Sinne einer solchen Vernetzung eher zu hinterfragen. Und wenn einer der Gesprächspartner, Christian Hennecke, Seelsorgeamtsleiter im Bistum Hildesheim, die Verbände als „geistliche Gemeinschaften frühen Typs“ charakterisiert (vgl. S. 137), dann ist aus Sicht der Rezensentin weiter zu fragen, wie sich das spirituelle-geistliche Profil dieser Gemeinschaften aus heutiger Sicht ausnimmt und vor allen Dingen, wo es sich in der Hinwendung zu kirchenfernen Kreisen wirklich zeigt, sprich, wo neben politischer und sozialer Arbeit auch Glaubensverkündigung stattfindet und wen sie erreicht.

Immer wieder spricht der Verfasser seine Gesprächspartner auf das eingangs erwähnte Zitat von Bischof Overbeck an. Diese sehen dessen Einschätzung kritisch und finden auch plausible Gründe für ihre Ablehnung. Realistisch und nüchtern wird die Situation eingeschätzt – besonders interessant die Vermutung, dass die politische Arbeit der katholischen Verbände in der kommenden Koalition schwieriger sein wird – den Verbänden wird der Mut zu mehr Flexibilität und Innovation angeraten.

Durchaus selbstkritisch ist am Beispiel des Mindestlohns der Hinweis, dass nur der glaubwürdig ist, der die sozialen Forderungen nicht nur gegenüber der Politik erhebt, sondern als Verband und Arbeitgeber auch dann selbst lebt, bevor gesetzliche Regelungen ihn dazu zwingen. Und letztlich ist das das Diktum Overbecks nicht nur eine kritische Anfrage an die Verbände, sondern auch und gerade an die Kirche als Ganzes, wie Wullhorst unterstreicht: Die Fragestellung hieße dann für die Kirche: Wie ist in einer Zeit des Mitgliederschwundes und veränderter sozialer und politischer Umstände zu agieren, welche Weichen müssen gestellt werden, wenn die Kirche auch in Zukunft ihre Relevanz behalten möchte? So zeigen die Verbände sich letztlich nur als kleiner Teil der Kirche, haben sie doch den Anspruch, die Grundvollzüge der Kirche in ihren Gemeinschaften zu verwirklichen.

Eine klare Antwort zu Overbecks Kritik bietet der Band nicht und will das auch nicht, zu differenziert ist die katholische Landschaft in Deutschland, wie Wullhorst überzeugend aufweist. Den Schluss des sehr lesenswerten, weil informativen Bandes bilden sieben Thesen zu (Auf)Gaben der Verbände. Allerdings nicht im Sinne einer endgültigen Beantwortung der verstörenden Anfangsthese, sondern eher als offene Diskussionsgrundlage für die Verantwortlichen und Engagierten, die die Zukunft der Verbände in Deutschland gestalten werden.

Heinrich Wullhorst: Leuchtturm oder Kerzenstummel? Die katholischen Verbände in Deutschland. Paderborn 2017, Bonifatius Verlag, 190 Seiten, EUR 14,90

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