Lebensnähe, Barmherzigkeit, Wahrheit

Freude am Glauben im Ernst des Lebens: Sterbebegleitung, Geschiedene, Leid – Der elfte Kongress des Forums Deutscher Katholiken zeigt Lösungen. Von Jürgen Liminski

Karlsruhe (DT) Es begann mit einem Grußwort des Papstes. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Robert Zollitsch, hatte es am Abend zuvor aus Rom erhalten – mit der Bitte, es in der Pontifikalmesse zum Auftakt des 11. Kongresses Freude am Glauben in Karlsruhe kundzutun. Das tat er und so las er auch den Schlüsselsatz des Grußwortes vor: Die Freiheit des Einzelnen kann es nicht auf Kosten der Wahrheit geben. Manch einer unter den gut 1 200 Teilnehmern verstand diesen Satz als Antwort auf die Aussagen des Vorsitzenden zur Problematik der wiederverheirateten Geschiedenen und deren Zugang zum Eucharistiesakrament. So verstanden wäre es eine ebenso geniale wie elegante Antwort Roms, verlesen vom Vorsitzenden. Wie immer, der Satz ist auf jeden Fall eine Leitplanke für das große Thema, das sich auch der Kongress vorgenommen hatte: „Die Kirche und ihre Sorge für die Menschen“. Diese Sorge kann nur auf dem Fundament der Wahrheit in praktisches Leben und konkrete Hilfe umgesetzt werden.

Erzbischof Zollitsch stellte das nicht in Abrede. In seiner Predigt wies er darauf hin, dass es nicht darum gehe, eine Antwort auf die Frage zu finden, was bringt mir der Glaube. Diese Frage sei falsch gestellt. Dem Christen müsse es um das Dienen, eben um die Sorge für den Menschen gehen. Deshalb sei es „für die Kirche keine Frage des Kalküls, ob es in der Öffentlichkeit gut angenommen wird oder nicht, wenn wir Kindergärten und Seniorenheime unterhalten, es ist keine Frage der Berechnung, wenn wir zu Spenden aufrufen“. Es gehöre zum christlichen Glauben, „sich für ärmere Menschen zu engagieren. Es ist schlicht und einfach der Auftrag Jesu, den wir als Kirche, den jeder und jede Einzelne als Christ erfüllen.“ Dieses Bewusstsein des Dienens sei auch unter den Katholiken „nicht mehr genügend präsent“. Zollitsch stellt fest: „In den vergangenen Jahren haben wir uns, wenn wir das selbstkritisch sagen dürfen, oftmals zu sehr in Strukturfragen gefangen“, so notwendig sie seien, und dabei „ohne unseren Willen nicht nur nach außen hin das Bild abgegeben, es käme uns vor allem auf eine gute Versorgung und auf passende Strukturen“ für die Pastoral an. Aber „wir müssen uns immer wieder daran erinnern lassen, dass das „Entscheidende und Tragende unseres Glaubens nicht Strukturen sind, sondern Menschen, die von Jesus Christus begeistert sind“, die bereit seien, Schwierigkeiten und Nachteile zu ertragen, weil ihnen das Herz brannte, als sie Jesus begegnet sind“.

Diese Passagen der Predigt mag der eine oder andere in der Karlsruher Stadtpfarrkirche Sankt Bernhard als indirekte Abbitte für unglückliche und missverständliche Äußerungen in Richtung Rom verstanden haben. Mehrfach zitierte Zollitsch Sätze von Papst Benedikt zur Eucharistie, als „Quelle und Schule der Liebe“, die uns lehre, die Liebe zu leben, zu verkünden und zu bezeugen. Auch zum Thema Dialog nahm er Stellung. Schon immer, seit dem Apostelkonzil, hätten „Gläubige, Theologen und Bischöfe um den rechten Weg gerungen und danach gesucht“, wie der Glaube „in unsere Zeit übertragen, mit unserem Leben in Verbindung zu bringen“ sei. Als Richtschnur für diesen Dialog nannte er zwei Voraussetzungen: Erstens, „die persönliche Verbindung mit Gott selbst“. Nur in der Beziehung zu und in der Bindung an Gott könne „das Gespräch die entscheidend christliche Prägung erfahren“, könne man verhindern, sich „wie politische Parteien zu gebärden, die Mehrheiten durchsetzen“ wollten. Man habe ein klares Fundament. Das sei, zweitens, das Licht des Evangeliums „in der Einheit mit unserem Heiligen Vater“.

Wie immer man den Vorsitzenden interpretieren mag, die eindringlichen Sätze zur Eucharistie und Liturgie als Fundament des christlichen Lebens, als „Quelle der Wahrheit und Güte“, als „Sakrament der Einheit“, und die Dankbarkeit gegenüber dem Papst, der „gerade in dieser Zeit zu uns kommt“, waren jedenfalls eine gute Einstimmung auf die Vorträge und vor allem auf die Zeugnisse des Kongresses. Beeindruckend waren die Zeugnisse der Geschiedenen und Getrennten. In dem von Consuelo Gräfin Ballestrem einfühlsam und doch präzise moderierten Podium zum Thema „Probleme in der Familie – Lösungswege im Licht der Liebe Christi“ berichteten die Teilnehmer, wie sie den Bruch ihrer Ehe menschlich und geistlich verkraften. Wie sie auch im Scheitern treu bleiben, weil sie dem Dritten im Bunde, Gott, treu bleiben wollen. Wie sie Trost finden in der Wahrheit. „Wir sind von allen verlassen, wir werden als Gescheiterte betrachtet, man muntert uns auf, andere Partner zu suchen, ein neues Glück zu suchen. Aber Ehe ist keine Lotterie. Ich bin der Kirche dankbar, dass sie meine Ehe für gültig hält bis in alle Ewigkeit. Sie sieht mich nicht als gescheiterte Existenz.“

Beeindruckende Zeugnisse getrennt Lebender

Seit sieben Jahren lebt Christiane Paregger getrennt von ihrem Mann. „Wir sind ja ein Leib und deshalb stirbt beim Ehebruch auch der andere. Ohne Glauben ist das nicht zu leben.“ Sie nehme ihren Mann mit hinein in den Empfang der heiligen Kommunion. Sie habe so oft erfahren, wie die Vereinigung mit Christus ihr Kraft verleihe und die Bitterkeit auflöse. „Von der Kommunion kommt Heil. Sie lehrt uns, den anderen mit Barmherzigkeit zu sehen. Wir unterschätzen Gott. Auch viele Priester unterschätzen Gott. Sie sollten mehr auf seine Macht und Liebe verweisen, statt allzu menschlich Irrwege zum Glück anzubieten.“

Waltraut Sennewald war wütend auf ihren Mann, aber sie habe im Glauben Wege der Vergebung gefunden. Die Regeln und Gebote der Kirche, „Treuhänderin der Wahrheit“, wie Papst Benedikt sagt, gäben ihr „Freiraum, in dem ich mich als Kind Gottes bewegen kann. Ich muss nicht alles selber tragen“.

Frank Flado war zunächst hilflos und ratlos. „Ich habe Hilfe gesucht in der Esoterik. Aber das hat mich ganz auf mich geworfen. Ich war noch einsamer mit meinen falschen Engeln, meinen Steinen und Stäbchen.“ Im Glauben habe er diese Einsamkeit überwunden. Wer glaubt, ist nie allein, zitiert er Papstworte. Leider erlebe er seine frühere Ratlosigkeit auch in der Kirche. „Treue auf Distanz zu leben, ist heute schwer verständlich zu machen.“

Domherr Christoph Casetti, ein international bekannter Fachmann der Ehepastoral, wies darauf hin, dass man in Deutschland die Fragen der Geschiedenen zu sehr auf den Empfang der Kommunion konzentriere und sich dabei geradezu verkrampfe. Es sei „keine Liebe, wenn man den Menschen die Wahrheit vorenthält“. Es gebe im Ausland viele Initiativen, die im Licht der Lehre Christi, also der Unauflöslichkeit der Ehe, Wege böten, um die „irregulären Situationen“ (Johannes Paul II.) leben und oft auch im Einklang mit der Lehre überwinden zu können. Aussöhnung sei auch nach langer Zeit möglich. Das zeigten die Erfahrungen in den Initiativen in Kanada, Frankreich oder auch Österreich.

In der Resolution „Damit Ehe und Familie gelingen kann“ bat das Podium zusammen mit den Teilnehmern des Kongresses „die Bischöfe, sich intensiv der großen Sehnsucht junger Menschen nach einer tiefen und dauerhaften Bindung zuzuwenden“. Dazu gehörten „eine konkrete Ehevorbereitung über einen längeren Zeitraum“ und die „Theologie des Leibes“ des seligen Papstes Johannes Paul II. Zu empfehlen seien „auch Standards für die Ehevorbereitung, wie sie die Österreichische Bischofskonferenz vereinbart hat“. Und in „diese Vorgaben hinein gehört unbedingt die Annahme der Enzyklika Pauls VI. „Humanae vitae“, nachdem inzwischen auch wissenschaftlich nachgewiesen ist, dass Ehen, in welchen die natürliche Empfängnisregelung gelebt wird, signifikant stabiler und qualitätvoller sind als Ehen, in welchen die Familienplanung durch Verhütung geschieht“. Wichtig sei „in diesem Zusammenhang auch eine ganzheitliche Sexualerziehung, welche der Schöpfungsordnung und dem christlichen Menschenbild entspricht“. In diesem Bereich seien „die Eltern erstverantwortlich. Kirche und Schule dürfen subsidiär tätig werden. Die Eltern müssen ein Recht haben, ihre Kinder vom schulischen Sexualkundeunterricht abmelden zu können“. Wie aktuell gerade die letzte Forderung ist, unterstrich eine weitere Resolution wider die „staatliche Sexualisierung der Kinder durch Schulen, Kindertagesstätten und andere Einrichtungen“, in denen, wie jetzt in Berlin, Kinder im Rahmen der Schulpflicht alle möglichen Sexualpraktiken vorgeführt bekommen, ohne dass die Eltern sich dagegen wehren könnten. Hier rolle eine Lawine auf christliche Eltern und Familien zu, gegen die sich „alle Verantwortlichen in Kirche und christlichen Gemeinschaften“ stemmen und mit Protest für die Freiheit der Familien kämpfen sollten.

Freude, das Markenzeichen des christlichen Glaubens

Politisch wurde es auch bei der dritten Resolution „Das Leben – ein unverfügbares Geschenk“. Sie richtet sich gegen die Folgen der reproduktiven Medizin, insbesondere der Präimplantationsdiagnostik. Eine Gesellschaft „ist nur dann wahrhaft menschlich, wenn sie die Würde jeder Person von ihrer Zeugung an bis zu ihrem natürlichen Tod respektiert und vollständig schützt – unabhängig vom Aufenthaltsort und vom Bewusstseinszustand dieser Person“. Die fatalen Folgen der neuerlichen Bundestagsentscheidung gegen die Würde des Menschen könnten noch abgewendet werden, „indem unser Bundespräsident Christian Wulff das Gesetz zur Regelung der Präimplantationsdiagnostik nicht unterzeichnet. Deshalb fordern wir hiermit den Bundespräsidenten, der ausdrücklich ein Präsident aller in Deutschland lebenden Menschen sein will, dazu auf, durch die Nicht-Unterzeichnung dieses Gesetzes ein klares Zeichen für das Leben als unverfügbares Geschenk zu setzen“.

Insgesamt bestach dieser Kongress durch seine Lebensnähe. Auch beim Thema Tod und Sterbebegleitung. Schwester Anneliese Mader berichtete von ihren Erfahrungen mit und in der Hospizbewegung, das von Alexandra Linder zügig und kenntnisreich geleitete Podium gab in erstaunlicher Dichte Einblicke in die Problematik von Euthanasie, Abtreibung und dem linguistischen Krieg um die richtigen Begriffe. Man brauche eine Bewusstseinsänderung, die „eugenische Gesellschaft der Selektion steht bereits vor der Tür“, man müsse den „Begriff des Leids neu bewusst machen“ (Professor Holm Schneider). Dennoch versank der Kongress keineswegs im Ernst einer Hoffnungslosigkeit angesichts der gesellschaftlichen Entwicklungen. Im Gegenteil, die Freude am Glauben lässt sich durchaus mit dem Ernst des Lebens verbinden.

Genau dieses Themas nahm sich Kurt Kardinal Koch, der Präfekt des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, in seiner Predigt beim Pontifikalamt zum Abschluss des Kongresses vor. Die Freude am Glauben sei die Grundstimmung des Christen. Die neutestamentliche Heilsgeschichte beginne nicht zufällig mit einem Wort der Freude, nämlich dem Gruß des Engels Gabriel an Maria: Freue Dich, Du Gnadenvolle“. Kardinal Koch wies darauf hin, dass das griechische Wort für Gnade (charis) den gleichen Wortstamm habe wie das Wort für Freude (chara). „Damit wird uns die wunderbare Verheißung zugesprochen, dass derjenige wahren Grund zur Freude hat, der von der Gnade Gottes angerührt ist und dass die Freude aus der Gnade kommt“.

Gekonnt spielte der Kardinal diese christliche Grundmelodie durch, zeigte auf, wie die Freude „das schönste Markenzeichen des christlichen Glaubens“ ist, zitierte den Papst und stimmte, wie der gesamte Kongress, auf den kommenden Besuch des Heiligen Vaters in Deutschland ein. Denn „wo die Freude des Glaubens lebt, dort trägt sie – absichtslos – missionarische Kraft in sich“. Und über den Kongress hinausblickend sagte er: „ Wenn in uns Christen die Freude darüber neu aufbricht, dass Gott uns in seinem Sohn sein wahres Gesicht gezeigt hat, dann kann sie auch das Herz der Nichtglaubenden in der deutschen Gesellschaft berühren und sie auf die Spur Gottes führen.“ In diesem Sinn hat der elfte Kongress Freude am Glauben eine deutliche Fährte gelegt.

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