„Land der Göttlichen Barmherzigkeit“

Der Weltjugendtag 2016 in Polen rückt näher – Wichtige Programmpunkte des Papstes sind noch offen. Von Stefan Meetschen
Foto: KNA | Ein Ort, der intensiv an den heiligen Johannes Paul II. erinnert: das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Lagiewniki.
Foto: KNA | Ein Ort, der intensiv an den heiligen Johannes Paul II. erinnert: das Heiligtum der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Lagiewniki.

Warschau (DT) An den Info-Kästen der polnischen Pfarreien und in polnischen Kirchenzeitschriften lässt es sich nicht übersehen: Der Weltjugendtag (WJT) 2016 in Krakau rückt näher – nicht nur zeitlich, sondern auch emotional. Die Frage des Papstes „Are you ready?“ (Seid ihr bereit?) im offiziellen WJT-2016-Promovideo – für viele junge Gläubige Polens scheint die Antwort festzustehen. Ja, man ist bereit. Sowohl für die Betreuung und Begrüßung der Gäste, wie auch für das Programm des WJT, um unter dem Motto „Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden“ die eigene Spiritualität während des Großereignisses zu vertiefen.

Und nicht nur in Polen ist man bereit. Unlängst porträtierte die größte katholische Zeitschrift des Landes, „Gosc Niedzielny“, ein paar junge Leute aus der ganzen Welt, die bereits ihr Ticket in der Tasche haben. Stellvertretend für mittlerweile über 500 000, sozusagen. Dabei zeigte sich, was für viele internationale Teilnehmer das ganz große Magnet des Weltjugendtag 2016 zu sein scheint, das, was sie notfalls auch über Tausende von Flugkilometern anzieht: die polnische Spiritualität.

So etwa Yu-Ying, eine Asiatin, die sich darauf freut, „eine Kirche zu erleben, die eine so lange Geschichte vorweisen kann“. Für Brean Bettencourt aus den Vereinigten Staaten von Amerika hingegen wird die Zeit Ende Juli 2016 vor allem eine „Zeit der Teilnahme an der Spiritualität von Schwester Faustyna und Papst Johannes Paul II. sein“. Eine Einstellung, die „Gosc“ zufolge auch bei der jungen Kanadierin Diana Nega durchschimmert, die zudem endlich das Land erleben möchte, aus dem ihre Vorfahren stammen. Und der Weihbischof von Seoul, Peter Chung Soon-taek, setzt trotz seines nicht mehr ganz so jugendlichen Alters sogar noch eins drauf, wenn er als Grund seiner WJT-Freude anführt: „Polen ist das katholischste Land in Europa und das Land der Göttlichen Barmherzigkeit.“

In der Tat. Und damit dies auch beim Weltjugendtag rüber kommt, ist es sicherlich eine gute Idee, dass laut WJT-Organisations-Komitee für einen Tag Ende Juli ein päpstlicher Kreuzweg im Sanktuarium der Göttlichen Barmherzigkeit in Krakau-Lagiewniki vorgesehen ist. Ist dieses Heiligtum doch auf besondere Weise mit Schwester Faustyna und Johannes Paul II. verbunden. Die Mystikerin, bei der Jesus das berühmte Bild „Jesus, ich vertraue auf Dich“ in Auftrag gab, verbrachte dort einen Teil ihrer Dienstzeit, und Karol Wojtyla besuchte schon als junger Mann ihr dort befindliches Grab.

Die Abschlussmesse mit Papst Franziskus am 31. Juli 2016 auf dem Brzegi-Gelände in Nähe des berühmten Salzbergwerks Wieliczka wird sicherlich bei JP2-Fans aller Generationen nostalgische Erinnerungen an die Besuche von Johannes Paul II. in seiner Stadt wachrufen, auch wenn seine unvergesslichen Massen-Messen damals nicht außerhalb von Krakau, sondern auf den zentraler gelegenen Blonie-Wiesen stattfanden.

Erstaunlich ist jedoch, wie offen die konkreten Programmpläne von Franziskus trotz der fortgeschrittenen Zeit noch sind. Wird er die nicht weit von Krakau befindliche Gedenkstätte des Nazi-Konzentrationslagers Auschwitz (polnisch: Oswiecim) nun besuchen oder nicht? Bisher weiß man nichts Genaues. Auch ob Franziskus zuerst in Warschau, der Hauptstadt Polens, landen wird, dann nach Tschenstochau, dem marianischen Nationalheiligtum schlechthin, weiterreist, um schließlich in Krakau anzukommen, ist weiterhin offen. Präsident Andrzej Duda und andere Politiker sind für diese Variante. Wie ein polnischer Geistlicher, der kürzlich die Gelegenheit hatte, mit Franziskus ein paar Worte zu wechseln, gegenüber dieser Zeitung sagt, habe der Papst ihn aber ausdrücklich korrigiert, als der Geistliche ihn für 2016 willkommen in Polen hieß. „Ich reise nicht nach Polen, nur nach Krakau.“

Nun denn. Fest steht immerhin, dass zumindest einige WJT-Teilnehmer das frühere Konzentrationslager der Nazis in Auschwitz besichtigen werden. Gerade für junge Leute keine so ganz leichte Aufgabe, obwohl ein solcher Ausflug für polnische Schüler Pflicht ist. Auf der Homepage der Gedenkstätte ist angegeben, dass diese vom 20. bis 28. Juli und vom 1. bis 3. August sogar nur für WJT-Teilnehmer geöffnet sei. Wegen des damit verbundenen Besucherandrangs könnten diese aber nicht in die Lagerblöcke, um sie zu besichtigen. Was, sollte es dabei bleiben, äußerst schade wäre. Ist das Lager doch auch der Ort, an dem am 14. August 1941, also im Sommer 2016 vor genau 75 Jahren, der große Marienverehrer, Journalist und Franziskanerpater Maximilian Kolbe sein Leben als Märtyrer gab. Seine Todeszelle, wenn auch nur kurz zu besichtigen, wäre für viele junge Katholiken, die zum ersten Mal Krakau oder Polen besuchen, sicherlich eine eindrucksvolle Erfahrung, die zeigt, dass Erbarmen allein als Komponente einer reifen, ausgewogenen Spiritualität nicht genügt. Auch die unbestechliche Wahrheitsliebe, Treue zum Evangelium und Mut sind erforderlich, sowie das Wissen, dass die Realität des Erbarmens nur zu verstehen ist, wenn man den Göttlichen Richter im Blick hat. Schwester Faustyna und Johannes Paul II. wussten dies.

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