Kommentar: Spanien: Das Schiff bleibt flott

Von Regina Einig
Foto: KNA | Der designierte Erzbischof von Madrid: Erzbischof Carlos Osoro.
Foto: KNA | Der designierte Erzbischof von Madrid: Erzbischof Carlos Osoro.

Eine Revolution ist ausgeblieben: Eine einschneidende Personalrochade in Spanien zeigt die Handschrift von Papst Franziskus. Mit den neuen Erzbischöfen von Madrid und Valencia setzt Papst Franziskus die Linie des Pontifikats Benedikts XVI. fort. Nationalisten und progressive Reformkräfte dürfen staunen. Der designierte Madrider Oberhirte Carlos Osoro wurde von Benedikt XVI. zum Erzbischof von Valencia ernannt. Inhaltliche Abweichungen zu den Positionen seines Vorgängers Rouco Varela sind ihm nicht nachzusagen, allenfalls andere Strategien. Dem gelernten Mathematiker Osoro gehen zwar das Charisma und die umfassenden Netzwerke seines dynamischen und polyglotten Vorgängers ab, doch dürfte er von dessen Erbe profitieren.

Kardinal Antonio María Rouca Varela war über zwanzig Jahre hinweg die Ausnahmegestalt in der spanischen Kirche. Als einziger Bischof weltweit war er Gastgeber zweier Weltjugendtage und rief eine über die Landesgrenzen hinaus beachtete Pro-Life-Initiative am Fest der Familie ins Leben. Der Zähigkeit Roucos ist es auch zu verdanken, dass die Regierungspartei Partido Popular eine Reform des Abtreibungsgesetzes in Angriff genommen hat. Dass der 69-jährige Osoro in den regulär sechs verbleibenden Jahren seiner Amtszeit das politische Gewicht seines Vorgängers erreicht, ist kaum vorstellbar. Seinem 78-jährigen Vorgänger sind Hilfestellungen zwischen Kirche und Madrider Lokalpolitik hingegen auch in Zukunft zuzutrauen. Als graue Eminenz bleibt er ein Referenzpunkt in der spanischen Hauptstadt.

Dass Papst Franziskus mit glücklos agierenden Mitbrüdern durchaus milde umgeht, zeigt sich bei der Neubesetzung des Erzbistums Valencia. „Der kleine Ratzinger“, wie Kardinal Canizares im spanischen Volksmund wegen seiner Traditionsverbundenheit und seiner Liebe zur überlieferten römischen Liturgie genannt wird, entpuppte sich als enttäuschende Personalie. Menschlich überaus redlich und fromm, wirkte der vormalige Primas von Spanien außerhalb der iberischen Halbinsel verloren wie ein Fisch auf dem Trockenen. Ihm fehlte neben der Kraft für disziplinarische Maßnahmen auch die weltkirchliche Erfahrung für das Amt des Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung. Gerade das Gezerre um die deutsche Übersetzung des Missale Romanum zeigte, dass persönliche Integrität und Liebe zur Liturgie für das Amt nicht ausreichen. Dicke Bretter gegen den notorischen Widerstand der Bischofskonferenzen zu bohren lag dem eher schüchtern auftretenden Kardinal nicht. In den letzten Jahren war ihm das Heimweh bei seinen immer häufigeren Spanienbesuchen anzumerken. Nun darf er in sein Heimatbistum Valencia zurückkehren.

Das zügige Vorgehen des Vatikans – die Annahme des Rücktritts und die Ernennung des Nachfolgers fielen auf den selben Tag – trägt den Befindlichkeiten im spanischen Katholizismus Rechnung. Monate- oder gar jahrelange Vakanzen wie in Deutschland sind auf der iberischen Halbinsel kaum vorstellbar. Die rasche Neubesetzung der neben Barcelona und Toledo wichtigsten Bistümer Spaniens entspricht auch dem Ernst der politischen Lage. Zwei harte Nüsse müssen die Spanier dieses Jahr noch knacken: Das Referendum der Katalanen über die Autonomie der Region wird den Spannungsbogen zwischen den regionalen Bischofskonferenzen und den einzelnen Diözesen heftig steigern. Gleichzeitig muss die Kirche alle Kräfte bündeln, um die Reform des Abtreibungsgesetzes in die richtige Richtung einzuspuren. Hoher Wellengang ist dem Schiff der Kirche auf der iberischen Halbinsel garantiert. Papst Franziskus hat mit seiner klugen Personalpolitik seinen Teil dazu beigetragen, dass die Flotte manövrierfähig bleibt.

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