Kommentar: Die Kirche als Missionsland

Foto: DT | Guido Horst.
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„Wir wollen wissen, was die Menschen denken und wie sie leben.“ Das hatte der Generalsekretär der römischen Bischofssynode, Erzbischof Lorenzo Baldisseri, Anfang November vor Journalisten in Rom erklärt, nachdem der Papst zusammen mit ihm und dem achtköpfigen Kardinalsrat wiederum einen Monat zuvor beschlossen hatte, dass zur Vorbereitung der außerordentlichen Bischofssynode im Oktober 2014 über Fragen der Ehepastoral die Gläubigen, die Pfarreien und die kirchlichen Bewegungen eingebunden werden sollen.

Für Deutschland heißt das: auch die Gremien und Verbände. Man kann es nicht genau ermitteln, ob dieser Weg, der nicht ungewöhnlich ist, aber wegen des Themas der Synode für Aufsehen – und einige Missverständnisse – gesorgt hat, direkt auf Franziskus oder den Kreis der Kardinäle oder Baldisseri selber zurückgeht. Letzterer hatte das Amt des Synodensekretärs erst kurz zuvor von dem heutigen Nuntius in Deutschland, Erzbischof Nikola Eterovic, übernommen. Aber das spielt keine Rolle. Franziskus war in die Entscheidung einbezogen und Kardinal Peter Erdö aus Budapest, der der Generalrelator der außerordentlichen Synode sein wird, hat es bestätigt: Der Vatikan und die Synodenväter wollen nicht nur wissen, was die Bischöfe zu den Themen der Synode – den Umgang mit Wiederverheirateten und die Frage der Ehenichtigkeitserklärungen eingeschlossen – vorschlagen, sondern was die „Masse“ des Kirchenvolks denkt und wie die Menschen mit kirchlichen Normen im eigenen Leben konkret umgehen. Allerdings sollen die Bischöfe beziehungsweise die nationalen Bischofskonferenzen die Ergebnisse der Befragungen „kanalisieren“.

In gewisser Weise ist das neu – wie es auch ein Novum ist, dass die außerordentliche Synode 2014 die ordentliche Bischofssynode des Jahres darauf vorbereiten soll, auf der es dann ebenfalls um die Ehepastoral gehen wird. Es werden also noch lange Monate vergehen, bis die Väter beider Synoden in Einheit mit dem Papst Verbindliches vorlegen.

Auch wenn die vatikanische Vorgehensweise bei manchen den irrigen Eindruck erweckt, nun seien – was Lehre und Disziplin angeht – demokratische Zeiten in der Kirche angebrochen, muss man den positiven Effekt sehen, den diese haben wird. Abschlussdokumente von Synoden, Schreiben und Botschaften von päpstlichen Räten oder auch lehrmäßige Texte aus Rom, die zum Beispiel Lehren des Konzils entfalten, laufen oft Gefahr, der ganz rauen Wirklichkeit aus dem Weg zu gehen, die Zustände im Kirchenvolk ein wenig schönzureden, die Catholica als grundsätzlich gesund und das Glaubensleben als kraftvoll darzustellen, so dass es reicht, hier und dort ein wenig die theologischen Schrauben nachzuziehen oder pastorale Wege nochmals nachzuzeichnen. Dokumente aus Rom, die sich zum Beispiel mit der Nutzung der Medien bei der Verkündigung des Evangeliums befassen, leiden bisweilen an einer grässlichen Blauäugigkeit. Das wird jetzt, mit Blick auf die kommenden Synoden, wohl nicht geschehen. Wenn Franziskus einen missionarischen Aufbruch der Kirche fordert, dann soll auch einmal deutlich werden, wie sehr die Kirche selbst zum Missionsland geworden ist. Schaden kann das nicht.

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