Kommentar: Der Glaube und das Eheband

Von Guido Horst

Die Ansprache des Papstes vor der Rota Romana am Freitag war wichtig. In ihr hat Franziskus klar gesagt, „dass die Qualität des Glaubens keine wesentliche Bedingung des Ehekonsenses ist“. Tatsächlich werde der „habitus fidei“ bei der Taufe verliehen und übe weiterhin einen geheimnisvollen Einfluss auf die Seele aus, auch wenn der Glaube nicht entwickelt wurde und psychologisch zu fehlen scheint. „Es ist nicht selten“, so der Papst, „dass die Brautleute, die durch den ,instinctus naturae‘ zur wahren Ehe gedrängt werden, im Moment der Trauung ein begrenztes Bewusstsein von der Fülle des göttlichen Plans haben und erst später im Familienleben alles das entdecken, was der Schöpfergott und Erlöser für sie bestimmt hat.“ Damit hat Franziskus sich selbst präzisiert: Die „Qualität“ des Glaubens – also viel oder wenig, schwacher oder starker Glaube – ist nicht entscheidend dafür, ob eine Ehe gültig zustande gekommen ist.

Um diese aktuellen Formulierung genau einordnen zu können, ist an die Vorgeschichte zu erinnern: Bei seiner letzten Ansprache vor der Rota Romana hatte Benedikt XVI. im Januar 2013 eine Kanonisten-Debatte darüber eröffnet, inwieweit der Glaube beziehungsweise der fehlende Glaube für das Zustandekommen eines Ehebands wichtig sein könnten. Wie gesagt: nur eröffnet. Nicht nur unter Eherichtern und Kirchenrechtlern hat darum Papst Franziskus im vergangenen Jahr für eine Überraschung gesorgt, als er mitten im Sommer in dem Motu proprio über die Vereinfachung und Beschleunigung der Ehenichtigkeitsverfahren auch den Mangel an Glauben zu den Voraussetzungen zählte, die einen Bischof als obersten Richter seiner Diözese dazu bewegen können, bei Eheannullierungen ein Schnellverfahren ansetzen. Dieser Vorstoß des Papstes geriet in die Kritik: Zum einen war die Frage „Glaubensmangel und Gültigkeit des Ehebands“ zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht abschließend theologisch geklärt. Zum anderen endete die Auflistung des Papstes, was alles Gründe für einen solchen Eilprozess sein können, mit einem „etc.“ – was nun gar nicht den exakten kanonistischen Formulierungsgepflogenheiten entspricht. Dann könnte sich ja jeder Eherichter noch weitere Annullierungsgründe einfallen lassen. Und zudem hatte Franziskus dieses Motu proprio vom 15. August 2015 zu den Eheannullierungen gar nicht mehr den Vätern der zweiten Familiensynode zur Begutachtung vorgelegt, auf deren Tagesordnung diese aber standen.

Nun aber steht es wieder fest, was auch schon Benedikt XVI. vor der Rota im Januar 2013 gesagt hatte: Der Glaube der Heiratenden spielt bei der katholischen Ehe durchaus eine Rolle. Aber man kann ihn nicht „messen“. Franziskus sagt es deutlich: Die „Qualität des Glaubens“ ist keine „wesentliche Bedingung des Ehekonsenses“. Der Glaube kann wachsen, auch im Verlauf einer Ehe, aber im Grunde genügt die Taufe und die Absicht, bei der kirchlichen Trauung das zu tun, was die Kirche will. Es mag andere Ehenichtigkeitsgründe geben – aber „mangelnder Glaube“ ist zu unpräzis. Die Debatte, die der deutsche Papst kurz vor seinem Rücktritt eröffnen wollte, ist seit der jüngsten Rota-Ansprache von Franziskus wieder offen.

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