Kampagne, Kreuzweg und Kritik

Bitterkeit in Brasilien nach Abtreibung an Neunjähriger: Katholische Kirche verteidigt sich gegenüber dem Präsidenten der Päpstlichen Akademie für das Leben

Würzburg (DT) Ein Artikel von Erzbischof Salvatore Fisichella, Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, im Osservatore Romano zum Fall der vergewaltigten brasilianischen Neunjährigen hat Staub aufgewirbelt. In der Ausgabe des Osservatore Romano vom 15. März hatte Fisichella, der auch Rektor der Päpstlichen Lateranuniversität ist, die Debatte um das Mädchen kommentiert, das von seinem Stiefvater mehrfach vergewaltigt und schließlich geschwängert worden war (siehe DT 17. März). Als das Kind Zwillinge erwartete, wurde in einem Krankenhaus von Recife eine Abtreibung vorgenommen. Der Erzbischof von Olinda e Recife, José Cardoso Sobrinho, hatte daraufhin öffentlich darauf hingewiesen, dass sich alle Beteiligten an der Abtreibung automatisch die Exkommunikation zugezogen hätten, was in Brasilien einen Sturm der Entrüstung hervorgerufen hatte.

Fisichella hatte in seinem Artikel erklärt, der Fall habe vor allem Schlagzeilen gemacht, weil der Erzbischof von Olinda e Recife eilends die Exkommunikation der Ärzte erklärt habe. Das Kind, so der Präsident der Päpstlichen Akademie für das Leben, hätte an erster Stelle „verteidigt, umarmt und zart gestreichelt werden müssen, um sie spüren zu lassen, dass wir ihr alle nahestehen – wir alle, ohne jegliche Ausnahme.“ Noch vor irgendwelchen Gedanken an eine Exkommunikation sei es notwendig und dringend, ihr unschuldiges Leben zu schützen und sie auf eine Ebene der Menschlichkeit zurückzubringen, deren erfahrene und meisterliche Verkünder die Männer der Kirche sein sollten. „So war es nicht“, bedauert der Erzbischof, „und leider hat das Folgen für die Glaubwürdigkeit unserer Lehre, die in den Augen vieler als herzlos, unverständlich und erbarmungslos erscheint.“ Es sei wahr: „Carmen trug in sich anderes Leben, das unschuldig war wie sie selbst, auch wenn es Frucht der Gewalt war, und dieses Leben wurde getötet; dennoch reicht das nicht aus, um ein Urteil zu fällen, das so schwerwiegend ist wie ein Fallbeil.“

Unklar ist, inwieweit Fisichella selbst über die Einzelheiten des Falls informiert war. Die Brasilianische Bischofskonferenz hatte nach emotional gefärbten Medienberichten klargestellt, dass sich weder das – kirchenrechtlich noch nicht strafmündige – Kind noch seine Mutter die Strafe der Exkommunikation zugezogen hätten. Das Erzbistum Olinda e Recife, dessen Oberhirte sich schon vor dem „Fall Carmen“ den heftigen Widerspruch der Abtreibungslobby für sein Engagement für das Lebensrecht Ungeborener zugezogen hatte, wandte sich kürzlich in einer Erklärung (siehe Kasten) gegen diese Darstellung.

Leitende Priester aus der Erzdiözese Olinda e Recife wehren sich gegen die Darstellung, es habe an kirchlicher Sensibilität im Umgang mit dem neunjährigen Mädchen gefehlt. Der Generalvikar, der Regens des Priesterseminars und andere Verantwortungsträger der Diözese haben in einer Erklärung, die auf der Homepage des Erzbistums Olinda e Recife veröffentlicht worden ist, unterstrichen, es sei alles getan worden, um das Leben der minderjährigen Schwangeren und ihrer Zwillinge zu retten.

Auch der Pfarrer von Alagoinha, dem Heimatort der Familie der Neunjährigen, widersprach dem Eindruck, die Kirche habe sich zu wenig um das Kind gekümmert. In einem Bericht, den das französische Bistum Frejus-Toulon auf seiner Homepage veröffentlicht hat, erklärt Pfarrer Rodrigues, er habe sich auch mit dem Gemeinderat, dem leiblichen Vater des Kindes und Sozialarbeitern beraten. Bei seinem ersten Besuch in der Kinderklinik in Recife sei er zwar nicht zu der schwangeren Minderjährigen vorgelassen worden, habe aber mit deren Mutter sprechen können. Diese sei zunächst – ebenso wie der leibliche Vater der Neunjährigen – ngegen eine Abtreibung gewesen.

Zuständige Diözesen konsultierten Fachleute

Auch habe das Kind nicht in Lebensgefahr geschwebt, sondern habe sich nach Auskunft der Mutter in guter Verfassung befunden und gespielt. Bei seinem zweiten Besuch im Krankenhaus habe er von einer Sozialarbeiterin erfahren, dass eine Abtreibung beschlossen worden sei. Der Vater der Neunjährigen, der sich ursprünglich gegen eine Abtreibung ausgesprochen habe, sei von der zuständigen Sozialarbeiterin mit dem Hinweis, sein Kind befinde sich in Lebensgefahr, umgestimmt worden. Daraufhin schalteten sich nach Auskunft des Ortspfarrers der Erzbischof von Olinda e Recife und der für die Heimatgemeinde der Neunjährigen zuständige Bischof von Pesqueira, Francesco Biasin ein. Beide hätten Ärzte, Psychologen und Juristen konsultiert. Auch der Leiter der Kinderklinik von Recife, Antonio Figueiras, habe Anfang März an einer Besprechung in der Erzbischöflichen Residenz teilgenommen und sich darum bemüht, die geplante Abtreibung zu verhindern.

Wenig später habe der Leiter der Kinderklinik Erzbischof Cardoso Sobrinho telefonisch davon unterrichtet, dass eine feministische Gruppe namens Curumin die des Lesens und Schreibens unkundige Mutter der Neunjährigen dazu überredet habe, ihre Tochter in eine Privatklinik in Nordrecife einzuweisen. Pfarrer Rodrigues habe sich sofort mit einer Sozialarbeiterin in die Kinderklinik begeben. Das Mädchen war bereits verlegt worden. Auf die Frage, warum eine in Lebensgefahr schwebende junge Patientin entlassen werden konnte, habe er keine Antwort bekommen.

Unterstützung erhält der Seelsorger von Alagoinha von dem französischen Bischof Dominique Rey von Fréjus-Toulon, der sich zum Zeitpunkt der Debatte mit einer französischen Delegation in Brasilien aufhielt. Während seines Aufenthaltes in dem lateinamerikanischen Land sei er unmittelbar über den Fall der Neunjährigen auf dem Laufenden gehalten worden, erklärt Rey auf der Homepage seines Bistums. „Pfarrer Rodrigues hat sich für die Familie verausgabt und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sie in der Prüfung zu unterstützen“. Vor dem Hintergrund einer Debatte um eine Liberalisierung der Abtreibungsgesetze in Brasilien hätten einschlägige Lobbys den Fall instrumentalisiert, um den gesetzlichen Rahmen für eine straffreie Abtreibung auszudehnen. Unsere Gruppe, so Bischof Rey, hat vor Ort „erfahren, wie viel Zuwendung und Barmherzigkeit die christliche Gemeinde dem brasilianischen Kind geschenkt hat. Sie haben das Kind und seine Mutter begleitet angesichts des Drucks, denen sie durch eine bestimmte Lobby ausgesetzt waren“. Auch der Erzbischof von Rio de Janeiro nimmt den Seelsorger in Schutz und zitiert die Mutter der Neunjährigen: „Nur von der Caritas wurden wir respektvoll behandelt.“

Als problematisch sehen Beobachter vor allem folgende Formulierung Fisichellas an: „Andere verdienen die Exkommunikation und unsere Vergebung, aber nicht diejenigen, die es dir (dem neunjährigen Abtreibungsopfer, A.d.R.) ermöglicht haben, zu leben und dir halfen wieder Hoffnung zu schöpfen und Vertrauen zu gewinnen.“

Die lateinamerikanische katholische Nachrichtenagentur Aciprensa weist in einer Analyse darauf hin, dass die heftigen Angriffe gegen Erzbischof Cardoso Sobrinho die Öffentlichkeit auch von gravierenden Verstößen gegen die Informationspflicht ablenken sollten, die bei der Abtreibung der Zwillinge begangen worden seien.

Einen politischen Konflikt in die Kirche hineingetragen

Vor allem fehlten medizinische Beweise über die angebliche Lebensgefahr der Neunjährigen. Schwangerschaften von Mädchen, die das 14. Lebensjahr noch nicht vollendet haben, seien in Brasilien nicht unbekannt. Bei entsprechender medizinischer Betreuung und einem Kaiserschnitt bestehe keine Lebensgefahr für Mutter und Kind. Auch der Kommentator von Aciprensa sieht die Abtreibungslobby hinter der Kampagne gegen Erzbischof Cardoso am Werk: „Die Regierung Lula ist entschlossen, die Zahl der legalen Abtreibungen zu erhöhen. Dazu greift sie zu Lügen und Missbräuchen wie im Fall der Neunjährigen.“

Noch düsterer beurteilt Sandro Magister, Vatikanberichterstatter der italienischen Zeitschrift „L'espresso“, die Situation: Als Fisichella seinen Artikel im Osservatore Romano veröffentlichte, habe er gezeigt, dass es ihm wichtiger sei, Meinungsverschiedenheiten mit der öffentlichen Meinung und Präsident Lula und dessen Regierung zu beschwichtigen als die Kirche in Brasilien und ihre Kampagne „pro vita“ zu verteidigen. „Mit dieser Vorgehensweise hat er den Konflikt in die kirchliche Hierarchie hineingetragen. Zudem hat er eine Kontroverse heraufbeschworen, indem er zu verstehen gab, Abtreibung sei in Fällen wie dem der brasilianischen Neunjährigen erlaubt.“

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