Würzburg

Kein Mensch ist ohne Makel

Der König ist Mitregent des Herrn. Nicht auf Perfektion kommt es an.

Kein Mensch ist ohne Makel
Jonas Dlugi

In einem Internet-Artikel wurde eine Sequenz veröffentlicht, die im Mittelalter im Bistum Aachen entstanden ist und den heiligen Kaiser Karl besingt, genommen aus seinem Messformular. Heute ist die Heiligkeit Karls stark umstritten. Obwohl in Aachen seine Verehrung immer sehr stark gewesen war und er zweifelsohne als Heiliger angesehen wurde, wurde er von der Kirche nie offiziell kanonisiert. Damit ist Karl aber kein Einzelfall: Viele Heilige, die in der Volksfrömmigkeit sehr beliebt sind, sind nie formell zur Ehre der Altäre erhoben worden; die Kirche duldet den Kult dieser Volksheiligen dennoch wohlwollend.

Starker Krieger

In der Sequenz wird Kaiser Karl als Christi miles fortis bezeichnet, als „starker Krieger Christi“, er habe in seinem Reich für Recht und Ordnung gesorgt, Gerechtigkeit geübt, sei dabei stets barmherzig gewesen; er sei Jesu Christi conregnator: „Mit-Regierer Jesu Christi“.

Die moderne Geschichtswissenschaft würde wohl nicht in diesen Lobpreis einstimmen. Karl sei ein höchst fragwürdiger Charakter gewesen, ein herumhurender Trunkenbold, der mörderisch und machthungrig sein Reich ausgebreitet habe. Alles andere sei romantische Verklärung.

Tradition des Abendlandes

Als Katholiken, die wir in der Tradition des Abendlandes stehen, brauchen wir diese negativen Skizzen nicht zu fürchten. Selbst wenn all dies stimmen sollte – kein Mensch ist ohne Makel. Wir verehren Heilige oder große Helden ja nicht, weil sie seit ihrer Geburt ohne Sünde waren (abgesehen von der Gottesmutter!). Wir verehren sie, weil sie für uns Vorbilder sind, sich für Gott und die Kirche eingesetzt und aus der Gnade Gottes gelebt haben. Trotz aller Fehlbarkeit, Schwäche und Sündhaftigkeit hat Karl doch auch Großes geleistet. Ohne ihn wäre ein Abendland nicht vorstellbar gewesen. Und wenn wir ihn nicht nationalistisch missbrauchen, sondern als christlichen Helden, als Christi miles fortis verehren, der er zweifelsohne war, dürfen wir auch ganz ohne Scham jedes Jahr am 28. Januar dieses Heiligen Gottes gedenken.

Mitregent des Herrn

Ein Weiteres offenbart sich in dem Text der Sequenz: Die Herrschaft des Königs wird nicht von seinem Charakter abhängig gemacht, sondern von seinen Pflichten als König. Er muss der Gerechtigkeit und dem Frieden dienen, die Ehre Gottes mehren, in seinem Reich Recht und Ordnung durchsetzen und sich in seinem politischen Handeln als „Mit-Regierer“ des Herrn bewusst sein. Besonders Politiker könnten einiges von diesem Großen lernen, der wohl seine Verantwortung vor Gott gut kannte.


Der Autor, 24, studiert Theologie in Münster

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