Würzburg

Junge Federn: Dämonen der Dekadenz

Die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, die sich alle als Ziel gesetzt hatten, auf un- und antichristliche Weise das Paradies auf Erden zu errichten, versetzten dem Abendland samt seiner Tradition einen Todesstoß.

Lichtkunstinstallation Karl-Marx-Monument
Der Marxismus dachte die Ideen der Aufklärung in letzter Konsequenz weiter und postulierte nach der Befreiung von Thron und Altar auch die Befreiung von Gott. Eine Lichtkunstinstallation wird in Chemnitz hinter dem Karl-Marx-Monument an die Fassade eines Wohnhaus projiziert. Foto: Sebastian Kahnert (ZB)

Die großen Katastrophen des Abendlandes bilden, genau wie die großen Errungenschaften, ebenfalls eine geistige Einheit. Angefangen mit der Entstehung des Nominalismus im 14. Jahrhundert bei William von Ockham, setzt sich die Linie fort zum Reformator Martin Luther, der durch die Brille des Nominalismus die eigentliche Lehre der Kirche verkannt hat; der Dreißigjährige Krieg ist Zeugnis dafür, wie die abendländischen Einheit erstmals zerrissen wird.

Ausgehend von den Ideen der Reformation haben dann die philosophischen Reformatoren der „Aufklärung“ die geistigen Grundlagen des Abendlandes umgekrempelt. Um das Joch des Christentums und der überkommenen Strukturen von Monarchie und Aristokratie abzustreifen, setzten die Französische Revolution und ihr Terror Ende des 18. Jahrhunderts die „Menschenrechte“ an die Stelle des Natürlichen Rechts, das bereits von den Kirchenvätern erklärt wurde und die gemeinsame Lebensgrundlage der christlichen Völker gewährleistete.

Es dauerte nicht mehr lange bis zum Aufstieg des Marxismus

Es dauerte dann auch nicht mehr lange bis zum Aufstieg des Marxismus, der in letzter Konsequenz die Ideen der Aufklärung weiterdachte, und nach der Befreiung von Thron und Altar auch die Befreiung von Gott postulierte, wobei natürlich Freud, Feuerbach, Nietzsche und Marx unterschiedliche Facetten der gleichen Überzeugung beleuchteten. Das Jahr 1917 ist hierbei entscheidend, denn das Russland der Zaren, das ohne Frage zur Kultur des Abendlandes gehörte, entledigte sich selbst nach dem Beispiel Frankreichs seiner Geschichte und verfiel der gottlosen und menschenverachtenden Barbarei des Kommunismus.

Die totalitären Ideologien des 20. Jahrhunderts, die sich alle als Ziel gesetzt hatten, auf un- und antichristliche Weise das Paradies auf Erden zu errichten, versetzten dem Abendland samt seiner Tradition einen Todesstoß.

Hausgemachte Probleme des Abendlandes

Die heutigen großen Häresien, seien sie religiös oder politisch, sind somit hausgemachte Probleme des Abendlandes beziehungsweise Zeichen seines Verfalls. An die Stelle der einstigen Plausibilitäten trat die Forderung nach Selbstbestimmung und -verwirklichung, die keinen verbindlichen, ethischen, auf Gott zurückgeführten Rahmen einer allgemein verständlichen Weltordnung mehr kennt oder anerkennt. Die Folgen sind bekannt: Liberalismus, Indifferentismus, Relativismus, Pluralismus, Laizismus. Aber es darf gleichzeitig auch nicht verwundern, dass bestimmte Gruppen immer deutlicher einen neuen totalitären Anspruch erheben, die einzige korrekte Deutungshoheit zu besitzen. Wenn sich die Strukturen auflösen, müssen neue diese ablösen; keinesfalls aber sind diese vom Geist des Abendlandes beseelt, sondern von den Dämonen der Dekadenz.

Der Autor, 23, studiert Theologie in Münster

Der Beitrag ist der zweite in einer vierteiligen Serie. Diese wird demnächst fortgesetzt.

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